Missglückter Start: Die unsichtbaren grünen Präsidentinnen
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Missglückter StartDie unsichtbaren grünen Präsidentinnen

An wen denken die meisten als Erstes, wenn Sie «grün» und «Politiker» denken? Vielleicht an Bastien Girod - sicher nicht an Adèle Thorens oder Regula Rytz. Das soll sich nun ändern.

von
Simon Hehli
Adèle Thorens (links) ist im grünen Co-Präsidium für die Romandie zuständig, Regula Rytz (rechts) für die Deutschschweiz. Noch hat die Bernerin aber kaum Zeit für ihr Amt.

Adèle Thorens (links) ist im grünen Co-Präsidium für die Romandie zuständig, Regula Rytz (rechts) für die Deutschschweiz. Noch hat die Bernerin aber kaum Zeit für ihr Amt.

Es war ein glänzender Auftritt, den Regula Rytz Ende April in der Sendung «Giacobbo/Müller» hinlegte. Wenige Tage nach ihrer Wahl zur Co-Präsidentin der Grünen bot sie den beiden Satirikern Paroli. Als Giacobbo die Doppelspitze der Partei als «WG-Groove» lächerlich machen wollte, konterte Rytz: «Ich sehe das Problem nicht: Ihr macht die Sendung ja auch zu zweit.»

Die Lacher hatte Rytz damit auf ihrer Seite. Doch den guten Start konnte sie nicht ausnutzen: Inzwischen ist Rytz weitgehend in der Versenkung verschwunden. Ihre welsche Jobsharing-Partnerin im Grünen-Präsidium, Adèle Thorens, ist in der Romandie bereits zu einer einflussreichen Figur der politischen Öffentlichkeit geworden, wie Westschweizer Bundeshausjournalisten bestätigen. Rytz' Name hingegen ist ausserhalb ihres Heimatkantons Bern nicht geläufig.

In Medienberichten taucht Rytz deutlich seltener auf als Martin Bäumle und Martin Landolt, die mit den Grünliberalen respektive der BDP kleinere Parteien führen. Und in einer Umfrage der «SonntagsZeitung» von Mitte September landete Rytz bei der Frage, welche Politiker eine wichtige Rolle spielen sollen, auf dem letzten Platz. Nicht aus Antipathie – sondern weil zwei Drittel der Befragten schlicht nicht wussten, wer die 50-Jährige ist.

Erst ab 2013 voll für die Partei da

Rytz bisherige Absenz in der Öffentlichkeit hat einen Grund. Die Historikerin wurde im letzten Herbst neu als Nationalrätin gewählt – ein Amt, das laut Berechnungen ihres Parteikollegen Balthasar Glättli einem 70-Prozent-Job entspricht. Daneben ist Rytz aber noch in der Stadtberner Exekutive, dem Gemeinderat, tätig. Als Tiefbaudirektorin meistert sie nach eigenen Angaben ein Wochenpensum von 60 Stunden. Kein Wunder, bleibt da kaum noch Zeit, als Grünenchefin Präsenz zu markieren. Deshalb hat Rytz auch bereits vor der Wahl zur Präsidentin angekündigt, auf Ende Jahr aus dem Gemeinderat zurückzutreten.

Des Risikos, dass die Partei mehr als ein halbes Jahr lang beim Deutschschweizer Publikum einen führungslosen Eindruck erwecken könnte, waren sich die Grünen bei der Wahl im April bewusst. Rytz warnte, dass sie im Gegensatz zu Thorens vorerst nur beschränkte Ressourcen fürs Co-Präsidium haben würde. «2013 wird sich das aber ändern», kündigt sie im Gespräch mit 20 Minuten Online an. «Dann kann ich mich voll auf die nationale Politik konzentrieren.»

Die Agenda meints gut mit den Grünen

Parteipräsidenten üben in der stark personalisierten Politlandschaft eine zentrale Rolle aus. «Sie sind im Idealfall Figuren, die der Partei ein Gesicht geben und ihr Glaubwürdigkeit verleihen», sagt Politikberater Mark Balsiger. Eine Partei leide, wenn ihr Präsident in der Öffentlichkeit nicht gut abschneide – so wie früher beispielsweise die FDP mit Fulvio Pelli oder die Grünen mit Ueli Leuenberger.

Diese beiden Parteien gehörten bei den Wahlen 2011 denn auch zu den Verlierern. Im Gegensatz zu jenen, die stark auf ihre Aushängeschilder ausgerichtet waren: die Grünliberalen mit Martin Bäumle und die BDP mit ihrer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf sowie Präsident Hans Grunder. Ihnen nachzueifern würde jedoch der Grundphilosophie der Grünen widersprechen, sagt Regula Rytz: «Wir sind nicht hierarchisch auf eine Person fixiert.» Während der derzeitigen Medienabsenz der Chefin sollen sich bei den traditionell individualistisch geprägten Grünen andere Köpfe profilieren – etwa Migrations-Experte Balthasar Glättli oder Bastien Girod.

Nicht nur wegen der Stellvertreter ist Rytz' Absenz für Mark Balsiger kein Problem. Die politische Agenda meine es gut mit den Grünen: «Ihre Kernthemen stehen derzeit wenig im Fokus, wodurch sie eine Schonfrist erhalten.» Politgeograf Michael Hermann fügt an, der Zeitpunkt für einen Führungswechsel und ein vorübergehendes Vakuum sei drei Jahre vor den nächsten nationalen Wahlen relativ günstig.

Mehr Ökologie, weniger Ideologie

Mehrere grüne Nationalräte sagen, dass Rytz trotz ihrer Doppelbelastung bereits stark im Innern der Partei wirke. Nach der Wahlpleite im letzten Jahr mit fünf verlorenen Nationalratssitzen gehe es darum, die Grünen wieder besser aufzustellen. Für Rytz bedeutet das, mit klaren Inhalten und konkreten Lösungen die Wähler zurückzugewinnen. Sei es beim Atomausstieg oder mit Vorschlägen für eine bessere Ressourceneffizienz in der Wirtschaft.

Die Auswahl der Schwerpunkte macht klar: Die grüne Führungscrew will sich wieder stärker auf ihr Kerngebiet, den Umweltschutz, konzentrieren – und damit weniger als Juniorpartnerin der SP wahrgenommen werden. Das bestätigt auch Co-Präsidentin Adèle Thorens. «Wir müssen wegkommen vom Klischee, dass wir eine rein ideologisch geprägte Partei sind.» Sie stammt aus einer Unternehmerfamilie, Rytz' Vater ist Architekt – beide dächten dementsprechend pragmatisch, sagt Thorens: «Wir haben keine Hemmungen, zusammen mit der Wirtschaft ökologische Lösungen zu erarbeiten.»

«Sie kombiniert Charme und Scharfsinn»

Politologe Balsiger glaubt, dass sich das Warten auf Rytz für die Grünen auszahlen wird. Die erfahrene Exekutivpolitikerin kombiniere Scharfsinn und Charme: «Statt mit der Giftspritze zu attackieren, dürfte sie sich mit treffsicheren Argumenten durchsetzen.» Die Herren der Elefantenrunde können sich schon mal auf Rytz' Schlagfertigkeit einstellen – Viktor Giacobbo kann ein Liedchen davon singen.

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