Aktualisiert 24.12.2012 11:57

Schlechtester FC der Schweiz

Die Unsiegbaren

Während Ribéry & Co. an der EM kämpfen, hat der SC Post Winterthur ganz andere Probleme: Als Schlusslicht der offiziellen Fussball-Schweiz ist seine Abwehr löchriger als der Rasen, auf dem er spielt.

von
Daria Wild

Die Kirchenuhr neben dem Fussballfeld zeigt kurz vor 8 Uhr abends. Langsam trudeln die Spieler des SC Post Winterthur ein, verschwinden in die Kabine, einige rauchen eine letzte Zigarette vor dem Training. An einem der zwei Festbänke vor dem Clubhäuschen sitzt Markus Bosshard. «Böse», wie sie ihn hier alle nennen, ist seit fast 17 Jahren dabei. Damals noch als Lehrling bei der Post. Mehrere andere Vereine hat er ausprobiert, aber er ist immer wieder zurückgekehrt.

«Hier ist es am schönsten», sagt Böse. Erstaunlich. Denn der SC Post spielt dort, wo niemand spielen will: Ganz unten. Rund 750 Mannschaften kicken schweizweit in der 5. Liga. Keine ist momentan so erfolglos wie der SC Post. Die Bilanz der Saison: 15 Tore geschossen, 73 kassiert, null Punkte.

Bilanz nach dem Training: Zwei Verletzte

«Weisst du noch, als wir kurz vor dem Aufstieg standen?», fragt Böse den Präsidenten Bruno Fust. «Da war ich noch gar nicht dabei», sagt Fust. «Stimmt, das war 1999, glaube ich. Läck, war das knapp», sagt Böse. Seit Langem läuft's schlecht, seit einem Jahr gewinnen die Gelb-Schwarzen gar nicht mehr. «Irgendwann machst du das nicht mehr mit», sagt der Coach Meftah Dardouri. «Mufti» trainiert die Aktiven seit letztem Herbst. Unter dem Arm trägt er eine Mappe, gefüllt mit Listen, Strategien, Systemen. Um den Hals eine Stoppuhr und eine Pfeife. Das Equipment stimmt. Und er gibt Gas. Beim Einlaufen ist er der Tempomacher, jagt die Spieler um den Platz. «Sklaventreiber» nennen sie ihn manchmal.

«Man gewöhnt sich an die Niederlagen», sagt Roman Rizzi, 26, den seine Kumpels als Playboy bezeichnen. Eigentlich kann er nicht verlieren und auch Patrick, sein Zwillingsbruder, Übername «Der Kämpfer», ist oft frustriert. «Die ersten 40 Minuten sind wir immer gut, dann geht's steil bergab.» Er sei aufbrausend, hole sich schnell mal eine gelbe Karte. «Nach dem Spiel muss ich zuerst den Frust verdauen, dann geht's aber schnell wieder. Das Beste ist sowieso die dritte Halbzeit.»

Highlights gibt es aber auch während den regulären Spielhälften. Roland Peter, «Der Motivator», erinnert sich an sein schönstes Erlebnis. «Das war, als ich mit links ein Tor geschossen habe. Schön herausgespielt und am Schluss eingeschoben.» Das war vor vier Jahren. «Es nimmt mich schon etwas mit, aber so ist es halt», sagt er.

«Als Goalie hast du wenigstens etwas zu tun»

Im Training geben sie alles, stolpern über die Löcher im Rasen, rufen, grätschen und flanken. Bald humpelt Rizzi mit einem schmerzenden Rist vom Feld. «Ich müsste mal 6 Wochen Pause machen. Aber das schaffe ich nicht.» Niedergeschlagen steht er neben dem Tor. Dort pariert Daniel Kropf. Der 28-Jährige ist Ersatzgoalie, muss aber meistens in der Verteidigung spielen, weil da die Leute fehlen. «Als Goalie hast du wenigstens etwas zu tun», sagt er.

Allein im letzten Spiel gegen Inter Club Zurigo landete der Ball neun Mal im Netz der Winterthurer. Durchschnittlich verlor das Team in dieser Saison mit viereinhalb Toren Unterschied. Aber nach dem Spiel ist nach dem Spiel. Dann trinken die Tschutter vom SC Post, die keine Pöstler, sondern Bauingenieure, Chauffeure, Studenten und Maler sind ein Bier zusammen und machen Party. «Irgendetwas musst du ja haben», sagt Enes, der «Staubsauger», der nicht gerne putzt. Der 26-Jährige kickt schon seit zehn Jahren bei den Gelb-Schwarzen und weiss: Das Bier nach dem Match ist die einzige Konstante.

«Das Talent fehlt»

Eine letzte Chance auf einen Sieg hat der SC Post noch, wenn am Samstag gegen den FC Wülflingen gespielt wird. Dann setzen die Unsiegbaren ihre wenigen Hoffnungen auf den Topskorer Engin Özdemir «Superstar», 23, der von der zweiten Liga zum SC Post gekommen ist. Wenn er nicht verletzt ist, wie jetzt, schiesst er ein Tor nach dem anderen. «Wir sind keine grossen Fussballer», sagt er. «Das Talent fehlt.»

Ausgelaugt laufen die Spieler vom Platz, räumen zusammen und gehen duschen. Mufti steht beim Clubhaus, wartet, bis alle fertig sind. Die Rizzis genehmigen sich noch ein Bier, einer löscht das Flutlicht. Die Fussballer spüren das Saisonende in den Knochen. Aber noch ist nicht entschieden, ob der SC Post Winterthur das Schlusslicht des Schweizer Fussballs bildet. In Muftis Mappe liegen einige Überraschungen für den Samstag bereit. Er lacht. «Die drei Punkte holen wir!»

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