Aktualisiert 22.07.2014 16:39

Kulturgeschichte, Teil IDie Ursprünge der Tattoos liegen im Dunkeln

Tätowierungen sind keine Erfindung der Moderne. Es hat sie zu allen Zeiten in fast allen Ländern gegeben. Wo die Tattoos zum ersten Mal auftauchten, ist jedoch nicht geklärt.

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Wer glaubt, das Tattoo sei ein Massenphänomen der Gegenwart, ausgelöst von Fussballern und Musikern, der irrt. Denn Tätowierungen haben eine lange Tradition. «Bilder, die unter die Haut gehen, hat es zu allen Zeiten und nahezu überall gegeben», sagt Kulturanthropologin Susanna Kumschick, die im Gewerbemuseum Winterthur für die Ausstellung «Tattoo» verantwortlich war, die unlängst schloss. Doch wo die Körperverzierungen ihren Ursprung hätten, sei unklar: «Weil die Haut vergänglich ist, mangelt es an Überlieferungen.»

Deshalb können die Forscher nur mit schriftlichen Aufzeichnungen oder Abbildungen arbeiten. Oder mit mumifizierten Überresten, wie denen des Steinzeitmenschen Ötzi: Sein rund 5300 Jahre alter Körper ist mit mehr als 50 Tattoos verziert - unter anderem parallel verlaufenden Linien an der unteren Wirbelsäule, Strichen am linken Handgelenk und einem Kreuzmotiv an der Innenseite des rechten Knies. «Weil alle entlang der Hauptakupunkturlinie liegen, geht man davon aus, dass sie therapeutischen Zwecken dienten», so Kumschick.

Unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Tattoos

Die Tätowierungen der mehr als 4000 Jahre alten Mumie der ägyptischen Priesterin Amunet zielten hingegen auf das Jenseits. Zu der Zeit sollten die Hautverzierungen dem Verstorbenen nach dem Tod Kraft und Fortpflanzungsfähigkeit geben. Noch eine andere Bedeutung hatten und haben die T mokos, die traditionellen Tätowierungen bei den Maoris aus Neuseeland. «Sie drücken sozialen Status und vor allem gesellschaftliche Zugehörigkeit aus», erklärt Kumschick. Zudem symbolisiert der Hautschmuck den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenendasein.

Um die Zurschaustellung ihrer religiösen Überzeugung ging es hingegen den Loreto-Pilgern. Als Zeichen dafür, dass sie einen der wichtigsten katholischen Wallfahrtsorte erreicht hatten, liessen sie sich dort oft christliche Symbole wie Lamm, Kreuz oder Fisch unter die Haut stechen. Zwar gab es in der Kirchengeschichte Phasen, in denen Tattoos verboten waren, weil sie einen Eingriff in Gottes Werk darstellten. Aber in den Phasen der Wallfahrten gehörte es zum guten Ton - womöglich, weil die Pilger so Werbung für ihren Glauben machten. Auch die Kreuzritter im Mittelalter stachen sich ein Kreuz in die Haut. Denn ohne diese Identifizierung war einem Kämpfer, der im muslimischen Morgenland fiel, eine christliche Ruhestätte nicht sicher.

Vom Stigma zum Schmuck

Zum Körperschmuck ohne rituelle Bedeutung wurden Tattoos erst im 19. Jahrhundert in Japan. Zwar waren dort Stammestätowierungen schon in der Frühgeschichte gang und gäbe. Doch mit der Orientierung an die chinesische Hochkultur wurden sie als primitiv abgetan. Zudem setzte die Shgun-Regierung sie während Jahrhunderten zur Stigmatisierung von Verbrechern ein. Erst nachdem diese Epoche 1868 beendet war, kam die Nihon Irezumi - die schmückende Tätowierung - auf.

Die dazugehörigen Motive gehen auf eine chinesische Räuber- und Rebellengeschichte aus dem 14. Jahrhundert zurück. Die Erzählung von vier tätowierten Gesetzlosen, die sich wie Robin Hood in den Dienst der Schwachen stellten, traf den Nerv der Zeit. Denn auch die japanische Bevölkerung hatte die Bevormundung durch die Shogune satt.

Lesen Sie morgen im nächsten Teil, wie die Tattoos nach Europa kamen.

Wieso sagen wir «Tätowierung»?

Das Wort Tätowieren stammt aus dem Tahitischen. «Tatau» bedeutet dort so viel wie «Wunden schlagen» oder «Zeichnen» und beschreibt eine Verzierung des Körpers mit schwarzen beziehungsweise farbigen Punkten, Linien und Spiralen.

Gezeichnet fürs Leben

Die Tätowierung: Vom archaischen Symbol der Stammeszugehörigkeit bis zur Mainstream-Modeerscheinung der urbanen Jugend. Alle Artikel der Sommerserie zum Thema Tattoos finden Sie hier.

Sie sind mehr oder weniger am ganzen Körper tätowiert und würden uns Ihre Kunst zeigen? Dann senden Sie eine Mail an community@20minuten.ch!

Tattoo-Ausstellung

Tattoo-Ausstellung

Die Ausstellung «Tattoo» des Gewerbemuseums Winterthur, die im Juni zu Ende ging, geht auf Reisen: Sie wird als nächstes im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen sein. Und damit in einem traditionellen Zentrum der europäischen Tätowiergeschichte.

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