Bis 18 Monate bedingt: Die Urteile im An'Nur-Prozess sind da
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Bis 18 Monate bedingtDie Urteile im An'Nur-Prozess sind da

Anfang Oktober standen neun Gläubige vor dem Bezirksgericht Winterthur. Sie sollen zwei Männer beschimpft, bespuckt, geschlagen und eingeschlossen haben. Am Dienstag folgt das Urteil.

von
tam

Das sagt die Staatsanwaltschaft zum Prozess.

Vier Tage lang hatte der Prozess gegen die neun Gläubigen der mittlerweile geschlossenen An'Nur-Moschee in Winterthur gedauert. Knapp drei Wochen nach dem Prozess haben die Richter des Bezirksgerichts Winterthur nun ein Urteil gefällt. Sie sprachen sieben der neun Männer schuldig.

Sechs Männer kassierten eine bedingte Freiheitsstrafe von bis zu 18 Monaten sowie eine bedingte Geldstrafe – unter anderem wegen mehrfacher Freiheitsberaubung, Nötigung und Drohung. Ein Mann erhielt nur eine bedingte Geldstrafe. Zwei Männer mit ausländischem Pass sollen für sieben Jahre des Landes verwiesen werden.

Jugendlicher wurde ebenfalls verurteilt

Zwei Beschuldigte wurden von den Vorwürfen vollumfänglich freigesprochen, darunter der damalige Vereinspräsident. Für einen weiteren, zur Tatzeit minderjährigen Beschuldigten wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein separates Verfahren am Jugendgericht durchgeführt. Der Jugendliche wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt.

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Anfang Oktober mussten sich neun Männer vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten. Ein Beschuldigter betrat am ersten Prozesstag das Gericht.

Anfang Oktober mussten sich neun Männer vor dem Bezirksgericht Winterthur verantworten. Ein Beschuldigter betrat am ersten Prozesstag das Gericht.

Keystone/Ennio Leanza
Am ersten Tag wurden die Beschuldigten einvernommen. Sie bestritten die Vorwürfe grösstenteils.

Am ersten Tag wurden die Beschuldigten einvernommen. Sie bestritten die Vorwürfe grösstenteils.

Linda Graedel
Am zweiten Tag waren Staatsanwaltschaft, Opferanwälte und die ersten drei Verteidiger an der Reihe.

Am zweiten Tag waren Staatsanwaltschaft, Opferanwälte und die ersten drei Verteidiger an der Reihe.

Keystone/Ennio Leanza

Den Sachverhalt in der Anklageschrift würdigte das Gericht als detailliert und mehrheitlich glaubwürdig. Einerseits würden die Aussagen der Opfer mit dem Ablauf der Ereignisse zusammenpassen. Andererseits gebe es mehrere entsprechende Anhaltspunkte wie eine Kopfverletzung und einen Chat-Verlauf. Diese würden den Schluss zulassen, dass sich die Tat wirklich so abgespielt habe.

«Schläge waren nicht verhältnismässig»

Das unerlaubte Fotografieren in der Moschee durch eines der Opfer habe zwar die Intimsphäre der Betenden verletzt. Das habe auch zu Notwehr berechtigt, aber nur soweit es nötig gewesen wäre, um das verletzte Rechtsgut zu schützen. Dafür hätte es laut den Richtern gereicht, das Handy wegzunehmen, nicht aber Schläge auszuteilen und Drohungen auszusprechen.

Dennoch sprach das Gericht klar tiefere Strafen aus, als sie die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Diese hatte teilbedingte Freiheitsstrafen von bis zu 36 Monaten beantragt. Strafmildernd ausgewirkt habe sich, dass die Täter mit Ausnahme des Imams und des Vereinspräsidenten mit 20 bis 26 Jahren relativ jung sind und es zu einer massiven Vorverurteilung durch die Medien gekommen sei.

Weiterzug ist noch offen

Die Strafen sind damit etwa halb so hoch. Staatsanwältin Susanne Steinhauser gibt sich dennoch zufrieden mit den Urteilen: «Das Gericht hat ein klares Zeichen gesetzt. Es hat gesagt, dass die Geschädigten die Wahrheit gesagt haben.» Man warte nun das schriftliche Urteil ab und entscheide dann, ob man die Urteile ans Obergericht weiterziehe.

Mit einer Ausnahme forderten die Verteidiger also vergeblich einen Freispruch ihrer Mandanten. Das Gericht glaubte den Beschuldigten nicht, dass die Opfer gelogen hätten und es zu gar keinem Angriff gekommen sei. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Was war vorgefallen?

In den Räumen der Moschee kam es im November 2016 zu einer Auseinandersetzung, bei der zwei Männer eingeschlossen, bedroht, bespuckt, beschimpft und geschlagen worden sein sollen. Grund: Sie wurden für «Spione» gehalten, die Aufnahmen einer Hasspredigt an einen Journalisten weitergegeben und damit «Verrat» an der Moschee begangen hätten. Ein Opfer soll zudem dazu gezwungen worden sein, eine Zehnernote zu schlucken. Das andere Opfer erlitt durch einen heftigen Schlag eine Hirnerschütterung.

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