Aktualisiert 01.06.2020 09:37

Gewalt nach Tod eines Afroamerikaners

«Die USA könnten bürgerkriegsähnliche Zustände erleben»

In zahlreichen US-Staaten eskaliert die Gewaltspirale bei den Protesten um den Tod des US-Amerikaners George Floyd. Mit seinem polarisierenden Verhalten habe Trump die Lage noch verschärft, sagt USA-Experte Josef Braml.

von
Daniel Krähenbühl

In zahlreichen US-Staaten kommt es zu heftigen Protesten. Auslöser war der gewaltsame Tod von George Floyd. War er der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?

Ja, das war der Funke, der diese gefährliche soziale Mischung aus Verzweiflung und Rassismus zur Explosion brachte. Bei der afroamerikanischen Bevölkerung wurden viele historische Traumata reaktiviert.

Die Proteste finden inmitten der Corona-Pandemie statt, die in den USA schon über 100’000 Opfer forderte. Verschärft die Pandemie die Krise?

Die Corona-Pandemie hat die gravierenden sozialen Ungleichheiten offengelegt. Sie wird diese in der sich zuspitzenden Wirtschaftskrise noch weiter verschärfen. Mit ihrem Job verlieren viele US-Bürger nicht nur ihre einzige Möglichkeit für ihren Lebensunterhalt, sondern in der Regel auch ihren Krankenversicherungsschutz.

Wer wenig hat, wird künftig noch weniger haben und auch schlechtere Chancen haben, die Pandemie zu überleben. In der Hauptstadt der Weltmacht USA wird die Ohnmacht sozial Benachteiligter offensichtlich. In Washington DC machen Afroamerikaner nur knapp die Hälfte der Bevölkerung aus, müssen aber über 80 Prozent der Corona-Toten betrauern.

Wer wenig hat, wird künftig noch weniger haben und auch schlechtere Chancen haben, die Coronavirus-Pandemie zu überleben.

Josef Braml

In zahlreichen Videos sieht man, wie die Polizei mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten oder Journalisten vorgeht. Aus welchem Grund lassen die Sicherheitsbehörden die Gewaltspirale derart eskalieren?

Die Polizei hat es nicht vermocht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Auf beiden Seiten wird eskaliert. Die einen schlagen mit blinder Wut um sich; die anderen radikalisieren sich, zerstören und plündern. Mittlerweile ist sogar die Nationalgarde im Einsatz. Die USA könnten einmal mehr bürgerkriegsähnliche Zustände erleben.

2017 sagte Trump, die Polizisten sollen Kriminelle nicht mit Samthandschuhen anfassen, sondern sie richtig anpacken. Und im letzten Oktober bedankte sich der Präsident der Polizeiunion von Minneapolis, Bob Kroll, bei einer Trump-Rally öffentlich dafür, dass der Präsident der Polizei «die Fesseln abgenommen» hatte . Offenbar war derselbe Bob Kroll zumindest in der Vergangenheit Teil einer «White Power»-Gruppierung.

Trumps polarisierendes Verhalten hat die Lage verschärft. Schliesslich hatte Präsident Trump auch mit klaren Worten zur Gewaltanwendung aufgerufen. Aber es wäre zu kurzsichtig, alle Probleme nur auf Trump zu beziehen. Aus wahltaktischen Gründen flirtet Trump mit jenem Rassismus, der die Geschichte der USA wie ein blutroter Faden durchzieht.

Aus wahltaktischen Gründen flirtet Trump mit jenem Rassismus, der die Geschichte der USA wie ein blutroter Faden durchzieht.

Josef Braml

Die US-Amerikaner haben Trump am 8. November 2016 gewählt. Was für eine Bilanz kann man mittlerweile ziehen?

Trump hat seine Wahlkampffinanciers und Anhänger nicht enttäuscht. Er hat die meisten seiner Wahlversprechen eingelöst – auch, um wieder gewählt zu werden. Indem er vor allem auch sozialpolitische Ansätze seines Vorgängers Obama, etwa Obama-Care, blockierte, konnte er sowohl die staatskritische Haltung betuchter Geldgeber als auch rassistische Ressentiments vieler seiner Wähler bedienen.

Präsident Trump hat mit klaren Worten zur Gewaltanwendung aufgerufen.

Josef Braml

Zahlreiche Protestaktionen in den letzten Jahren hatten nur einen begrenzten Einfluss auf diesen systemischen Rassismus in den USA. Ändert sich jetzt etwas?

Die Probleme des Rassismus und der Immigrationsgesellschaft bleiben in den USA nach wie vor ungelöst. Vor der Wahl Trumps habe ich diese Frage in einem Buch mit dem Titel «Trumps Amerika – auf Kosten der Freiheit» analysiert. Einer der Hauptgründe für Amerikas Mangel an Sozialpolitik ist demnach Rassismus. In ihrem Bestseller mit dem Titel «The Bell Curve» vertraten etwa die Autoren Murray und Herrnstein Mitte der 1990er-Jahre die rassistische These, dass Schwarze genetisch bedingt weniger intelligent als Weisse seien. Wer Sozialpolitik betreibe, trage nur dazu bei, dass die Schwarzen sich noch stärker vermehrten und die USA noch mehr verdummten.

Selbst- und Fremdwahrnehmungen, die von US-Soziologen erforscht wurden, verdeutlichen, wie tief rassistische Haltungen in der US-Gesellschaft noch verankert sind. Wenn man bedenkt, dass vier Fünftel der vergleichsweise kurzen US-Geschichte von Sklaverei geprägt waren, verwundert es nicht, dass die über zwanzig Generationen verfestigten Verhaltensweisen auch heute noch gegenwärtig sind.

Dr. Josef Braml

Dr. Josef Braml

privat

Dr. Josef Braml ist USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und Autor des Buches «Trumps Amerika – Auf Kosten der Freiheit». Aktuelle Analysen veröffentlicht er auch über seinen Blog usaexperte.com

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.