26.05.2017 17:25

Klein-Moskau

Die verbotene Stadt der Roten Armee

In Wünsdorf in Deutschland lebten noch vor 30 Jahren über 50'000 Angehörige der Sowjetarmee. Heute ist ihre Unterkunft verlassen.

von
M. Steiger
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Das ist das Haus der Offiziere ins Wünsdorf, dem ehemaligen Militärstützpunkt der sowjetischen Truppen.

Das ist das Haus der Offiziere ins Wünsdorf, dem ehemaligen Militärstützpunkt der sowjetischen Truppen.

Kevin Hackert / Flickr
Schon zu Kaiserzeiten entstanden Truppenübungsplätze, Kasernen und Schulen. Später übernahmen die Nazis den Komplex und entwickelten ihn zum wichtigsten Nachrichtenzentrum des deutschen Reichs weiter.

Schon zu Kaiserzeiten entstanden Truppenübungsplätze, Kasernen und Schulen. Später übernahmen die Nazis den Komplex und entwickelten ihn zum wichtigsten Nachrichtenzentrum des deutschen Reichs weiter.

Steffi Reichert / Flickr
Genosse Lenin steht noch heute mit von Stolz geschwellter Brust vor dem Offiziershaus.

Genosse Lenin steht noch heute mit von Stolz geschwellter Brust vor dem Offiziershaus.

Kevin Hackert / Flickr

Rund 40 Kilometer von Berlin entfernt liegt Wünsdorf, eine Kleinstadt mit etwas mehr als 6000 Einwohnern. Das war nicht immer so: Vor 1989 war Wünsdorf auch die Heimat von zehntausenden russischen Soldaten und deren Familien.

Grösstes Militärcamp ausserhalb Russlands

Das ehemalige Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte war so gross, dass es «Kleines Moskau» genannt wurde. Im abgesperrten Gebiet gab es Schulen, Läden, ein Spital und diverse Freizeitangebote, auch für die Angehörigen der Soldaten.

Die Anlage Wünsdorf entstand nach Ende des Zweiten Weltkriegs – die militärische Geschichte der kleinen Stadt geht aber noch viel weiter zurück. Ursprünglich befand sich dort ein Schiessplatz der Königlichen Preussischen Armee. Mit dem Bau einer Zuglinie wurde das Gebiet wichtiger, zu Beginn des Ersten Weltkriegs war es gar der grösste Militärstützpunkt Europas.

In der Hand der Nazis

1935 war Wünsdorf Hauptquartier der deutschen Wehrmacht. Unter Hitlers Führung wurde in der Militärbasis das komplexe unterirdische Kommunikationszentrum Zeppelin gebaut. Diverse bombensichere Bunker stehen auf dem 242 Quadratkilometer grossen Gelände, getarnt als Einfamilienhäuser.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zogen die Russen auf das Militärgelände. So entstand eine abgeschirmte Gesellschaft mitten in Deutschland. Die einheimischen Deutschen durften das Land nicht betreten, die Strassen nach Wünsdorf wurden blockiert. So kam der Ort zu seinem Namen: die verbotene Stadt.

Alles zurückgelassen

1989, nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands, wurden die sowjetischen Soldaten aus Wünsdorf zurückberufen. Die meisten verliessen das Militärcamp sehr schnell und liessen viel zurück. Darunter 98'300 Schuss Munition, 47'000 Waffen und 29,3 Tonnen Abfall, darunter Altöl, Farbe, Pneus, Batterien und diverse Chemikalien. Die Menschen hatten es derart eilig, Wünsdorf zu verlassen, dass viele sogar ihre Haustiere in den noch eingerichteten Häusern zurückliessen. Skelette von Katzen und Hunden erschrecken heute nur noch die Fotografen, die das verrottete Gebiet besuchen.

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