2G+ – «Vereinskultur in der Schweiz droht auseinanderzubrechen»
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2G+«Vereinskultur in der Schweiz droht auseinanderzubrechen»

Neue Covid-Bestimmungen für den Indoor-Sport führen zu Spieler-Ausfällen und abgesagten Wettkämpfen. «Die Massnahmen sind für Vereine nicht umsetzbar», sagen betroffene Sportlerinnen und Sportler.

von
Michelle Muff
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Gemeinsames Sporttreiben in der Halle ist für Amateur-Sportlerinnen und -Sportler zurzeit nur beschränkt möglich. 

Gemeinsames Sporttreiben in der Halle ist für Amateur-Sportlerinnen und -Sportler zurzeit nur beschränkt möglich.

kostas maros / Tamedia AG
So gelten in den Sporthallen neu 2G mit Maskenpflicht oder 2G+, sofern die letzte Impfung oder Genesung nicht länger als vier Monate her ist. 

So gelten in den Sporthallen neu 2G mit Maskenpflicht oder 2G+, sofern die letzte Impfung oder Genesung nicht länger als vier Monate her ist.

Tamedia AG
«Dadurch soll ein normaler Betrieb gewährleistet sein. Dabei sind die Massnahmen im Hallensport unmöglich umzusetzen», so M.H., die selber im Verein Basketball spielt.  

«Dadurch soll ein normaler Betrieb gewährleistet sein. Dabei sind die Massnahmen im Hallensport unmöglich umzusetzen», so M.H., die selber im Verein Basketball spielt.

Christian Pfander / Tamedia AG

Darum gehts

  • Seit Montag gelten für Indoor-Sportarten verschärfte Covid-Massnahmen.

  • Diese sollen Trainings auch während der Pandemie gewährleisten.

  • «In der Realität sind die Massnahmen jedoch nicht umzusetzen», sagt Basketballerin K.H.

  • So komme es zu immer mehr Ausfällen, Wettkämpfe werden abgesagt.

  • «Die Massnahmen treffen alle Indoor-Sportarten hart», sagt Swiss Unihockey.

«Die neuen Regelungen sind ein Witz: Sie machen die Lage noch frustrierender», sagt M.H.* (30). Seit mehreren Jahren ist sie in einem Nordwestschweizer Basketballverein als Spielerin und Vorstandsmitglied aktiv. Seit Montag gelten auch in ihrem Verein neue Covid-Massnahmen, wie sie für jeglichen Amateur-Hallensport gelten: Trainiert werden darf nur noch mit 2G+ oder 2G und Maskenpflicht, welche jedoch entfällt, wenn eine Infektion oder Impfung nicht länger als vier Monate entfernt liegt. «Dadurch soll ein normaler Betrieb gewährleistet sein. Dabei sind die Massnahmen im Hallensport unmöglich umzusetzen», so H.

Die neuen Regelungen führten nämlich bereits jetzt zu vielen Problemen, so H. So seien intensive Trainings mit Maske nur mühsam umsetzbar: «Man stösst schnell an seine körperlichen Grenzen. Die meisten wollen deswegen ohne Maske trainieren.» Doch 2G+ biete keine gute Alternative: «Wer dreimal pro Woche trainiert, muss sich drei Mal testen lassen. Viele unserer Spielerinnen und Spieler studieren oder arbeiten Vollzeit und haben keine Zeit, vor dem abendlichen Training einen Test zu organisieren. Sie verzichten gezwungenermassen auf den Sport.»

«Teams schrumpfen auf sinnlose Grössen»

Hinzu komme, dass es in jeder Mannschaft immer auch zwei bis drei Personen gäbe, die gar kein Zertifikat besitzen: «Damit schrumpfen Teams manchmal auf Grössen, die Trainings sinnlos machen.» Der Basketball-Verband hat bereits reagiert und die Meisterschaften im kommenden Januar ausgesetzt. H. sei über diesen Entscheid enttäuscht: «Man muss die pandemische Lage ernst nehmen, doch wir würden uns Trainings-Möglichkeiten wünschen, die den Mannschaftssport nach wie vor ermöglichen», so H.

Auch Melany S. (26) trainiert regelmässig in einem Handballverein. «Bei uns wurde die Mannschaft in zwei Gruppen aufgeteilt: Entweder man trainiert mit Maske oder macht vorab einen Test.» Die neuen Massnahmen würden die Teams aber spalten: «Die Stimmung ist angespannt und die Trainings machen nicht mehr gleich viel Spass. Der Teamzusammenhalt, von dem ein Sportverein normalerweise lebt, bröckelt immer mehr.»

Ein normaler Betrieb könne höchstens gewährleistet werden, wenn alle Vereinsmitglieder geboostert werden würden: «Das ist illusorisch: Viele sind wegen der letzten Impfung noch nicht zum Boostern zugelassen. Und es gibt Junge, die sich nicht boostern lassen wollen, was man auch respektieren muss.»

Vor allem Kinder und Jugendliche würden leiden

Im Amateur-Handball wurden die Meisterschaften ausgesetzt. Das findet S. schade: «Die Schweiz ist ein Vereinsland. Für viele ist der Vereinssport ein grosser Lebensinhalt: Vor allem Jugendliche und Kinder leben dafür.» Sie wünsche sich, dass der Bund nicht nur den Profi-Ligen, sondern auch den Amateur-Sportvereinen mehr Aufmerksamkeit schenkt und realistische Vorschläge bringt. «Die Vereinskultur in der Schweiz droht nämlich auseinanderzubrechen.»

Man sei sich der Einschränkungen, die die neuen Massnahmen im Amateur-Sport mit sich bringen, bewusst, sagt Alexander Wäfele, Sprecher von Swiss Olympics: «Man muss aber auch einsehen, dass die Fallzahlen nun mal hoch sind. Wir setzten uns dafür ein, dass die Einschränkungen so gering wie möglich ausfallen.» Die Massnahmen seien vorerst bis zum 24. Januar beschränkt: «Wir hoffen, dass danach das Vereinsleben wieder normaler durchgeführt werden kann.»

«Die Massnahmen treffen alle Indoor-Sportarten hart»

«Die neuen Massnahmen treffen alle anderen Indoor-Sportarten hart», sagt Marion Kaufmann, Sprecherin vom Verband Swiss Unihockey. Auch im Unihockey sind die Meisterschaften wegen Ausfällen unterbrochen: «Die Ausgangslage in den Vereinen ist ganz unterschiedlich, manche haben eine hohe Impfquote, andere eine tiefe.» Ein geordneter und fairer Ablauf eines Spiels oder eines Turniers im Breitensport für die über 16-Jährigen sei im Moment nicht möglich: «Das bedauern wir sehr.»

Beim Basketball-Verband Probasket sei man mit der derzeitigen Situation und dem angesprochenen Entscheid nicht wirklich glücklich, sagt Geschäftsführer Wilhelm Pfeifer: «Wir versuchen, auf unserer Ebene als Regionalverband das Beste aus der Situation zu machen und denjenigen, die Sport betreiben wollen, eine entsprechende Grundlage dafür zu bieten.»

*Name geändert

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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