Völkermord: Die vergessene Rache der Tutsis an den Hutus
Aktualisiert

VölkermordDie vergessene Rache der Tutsis an den Hutus

Die Gräueltaten der Hutus am Volk der Tutsi schockierten in den Neunzigerjahren die Weltöffentlichkeit. Über die Rache der Tutsis an den Hutus im Kongo wurde hingegen kaum je berichtet.

von
Michelle Faul
DAPD
Gesammelte Überreste von ermordeten Tutsis in einer ruandischen Gedenkstätte. Die Gräueltaten an den Hutus sind bis anhin weniger bekannt.

Gesammelte Überreste von ermordeten Tutsis in einer ruandischen Gedenkstätte. Die Gräueltaten an den Hutus sind bis anhin weniger bekannt.

Die Massengräber liegen im Schatten einer Bananen-Plantage in den ostkongolesischen Bergen. Überlebt haben nur die Dorfbewohner, die der Einladung der ruandischen Soldaten nicht folgten. Die Hutu-Bauern, die hingingen, wurden immer zu zweit aus der Versammlungshütte geführt und mit ihren eigenen Hacken erschlagen. Laut der Menschenrechtsorganisation Observation Center for Human Rights and Social Assistance (OCHRSA) kamen am Morgen des 20. Oktober 1996 rund 300 Dorfbewohner ums Leben.

Der Völkermord in Ruanda wurde in den Medien, der Literatur und in Filmen wie «Hotel Ruanda» dargestellt. Rund eine halbe Million Angehörige des Volks der Tutsi wurden 1994 von Hutus ermordet. Die anschliessend von Tutsi-Soldaten begangenen Massaker im Kongo sind dagegen weitgehend unbekannt. Kein Täter wurde bislang vor Gericht gestellt.

Die Entdeckung von Massengräbern durch UN-Blauhelme im Jahr 2005 führte zu einer Untersuchung. Die Ergebnisse dieser Nachforschungen wurden Anfang Oktober in einem umstrittenen Bericht veröffentlicht. Darin kommen die Ermittler der Vereinten Nationen zu dem Ergebnis, dass die Ermordung der Hutus derart systematisch erfolgte, dass von einem Völkermord gesprochen werden kann.

Das Dorf der Witwen

In dem UN-Dokument wird den ruandischen Truppen vorgeworfen, in den Jahren 1996 und 1997 im Kongo Zehntausende Hutus umgebracht zu haben. «Es gibt sehr viele dieser Massengräber. Wir haben allein im Bezirk Rutshuru 30 entdeckt. Aber unsere Nachforschungen deuten darauf hin, dass dieses das erste von ruandischen Soldaten begangene Massaker war», sagt Herve Nsabimana, Koordinator des OCHRSA, inmitten der Bananenbäume. Das Dorf Musekera ist heute ein Ort der Witwen. Der einzige Mann im Dorf über 50 war zur Zeit des Massakers im Krankenhaus.

Das Ansehen des heutigen ruandischen Präsidenten Paul Kagame beruht vor allem darauf, dass seine Tutsi-Rebellen den Völkermord stoppten, während UN-Soldaten und die internationale Gemeinschaft nur hilflos zusahen. Doch nun wird ihm vorgeworfen, seine Soldaten in den Kongo entsandt zu haben, die dort aus Rache Zehntausende Hutus ermordeten.

Schon 1994 habe er von Massakern durch Kagames Soldaten an den Hutus berichtet, sagte der frühere UN-Sonderberichterstatter Roberto Garreton der Nachrichtenagentur AP. Die UN habe seinen Bericht unterdrückt. Offensichtlich, weil sie sich schuldig fühlten, weil sie den Völkermord nicht verhindert hätten, sagte er. Die Vereinten Nationen leugneten ursprünglich sogar die Existenz dieses Berichts, bis er später an die Öffentlichkeit durchdrang.

Kagame nahm die Auflösung der Flüchtlingslager in die eigene Hand

Nach dem Ende des Völkermords bildeten sich auf der kongolesischen Seite der Grenze Flüchtlingslager, in denen aus Ruanda geflohene Hutus unterkamen. Darunter etliche mit blutiger Vergangenheit. Medien berichteten damals, wie von den Lagern aus Angriffe auf Ruanda ausgeführt wurden. Kagame forderte die UN auf, die Kämpfer von den Flüchtlingen zu trennen und die Lager aufzulösen. 1996 warnte er, wenn dies nicht gelänge, würde er es tun.

Kagame machte seine Drohung war. Noch im selben Jahr entsandte er Soldaten in den Kongo, die eine Koalition mit den vom heutigen kongolesischen Präsidenten Joseph Kabila befehligten Rebellen eingingen. Dieses Bündnis führte den Sturz des kongolesischen Diktators Mobutu Sese Seko herbei. UN-Berichte aus den Jahren 1997 und 1998 machten das Bündnis aber auch für die Massaker an Hutus verantwortlich.

Nach ruandischer Darstellung handelt es sich bei den meisten Toten in den Massengräber um am Völkermord Beteiligte. «Der weitverbreitete Gebrauch von Schlagwaffen und die offensichtlich systematische Natur der Massaker an den Lagerbewohnern, nachdem die Camps bereits erobert waren, legt den Schluss nahe, dass die zahlreichen Opfer nicht bei Kampfhandlungen oder als Kollateralschäden bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen seien können», heisst es in dem aktuellen UN-Bericht. Bei den Opfern handele es sich ausserdem grösstenteils um «Kinder, Frauen, alte Leute und Kranke.»

Ausführliche Gegendarstellungen Ruandas und des Kongo

Im Vorfeld der Veröffentlichung des aktuellen UN-Berichts, versuchte Kagame die Bekanntgabe zu verhindern. Er drohte mit dem Abzug der ruandischen Blauhelm-Soldaten von ihren Friedensmissionen. Daraufhin wurden etliche Formulierungen in dem UN-Report entschärft. Der Vorwurf des möglichen Völkermords blieb bestehen. Die Veröffentlichung verzögerte sich bis Oktober, weil ausführliche Gegendarstellungen des Kongo und Ruandas eingearbeitet werden mussten.

Befürchtungen, ein entschiedeneres Vorgehen gegen die Täter von damals könnte die zentralafrikanische Region weiter stabilisieren, verhinderte bislang eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Dass die Taten von damals nicht geahndet wurden, habe bis heute Folgen, heisst es in dem Bericht. «Dass die Ermordung von Zehntausenden straffrei blieb, dass es offensichtlich keinen politischen Willen gibt, die Verantwortlichen für das Massaker zu benennen und sie zu bestrafen, hat die Spirale der Gewalt angeheizt», urteilt der frühere stellvertretende UN-Sonderermittler Reed Brody.

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