Kundenkarten: Die vergessenen Millionen-Rabatte
Aktualisiert

KundenkartenDie vergessenen Millionen-Rabatte

Sie sind die wahren Ladenhüter: Die Super- und Cumulus-Punkte von Coop und Migros. Bei den Grossverteilern hat sich ein Berg von ihnen angesammelt.

von
Gérard Moinat
Bleiben viel zu oft unbenutzt: Schweizer Kundenkarten.

Bleiben viel zu oft unbenutzt: Schweizer Kundenkarten.

Jeder hat so seine eigenen Probleme: Gemäss einer kürzlich im Quartalsheft der Österreichischen Nationalbank veröffentlichten Studie erschweren Kundenkarten in Österreich die Inflationsmessung. Denn Österreicher nehmen die Rabatte, die sie mittels den Karten herausschlagen, stark in Anspruch: Gut 320 Millionen Euro sparen unsere Nachbarn jährlich dank Kundenkarten und verfälschen damit einen für die Inflationsberechnung gebrauchten Index.

In der Schweiz ist es genau andersrum: Viele Schweizer lassen Cumulus-Punkte und Co. kalt. Die Grossverteiler Coop und Migros sitzen auf riesigen Bergen von Super- bzw. Cumulus-Punkten.

Bei Coop liegen zurzeit Superpunkte im Wert von 219 Millionen Franken auf Kundenkonti. Migros publiziert ihre genaue Zahl zwar nicht, weist aber im Geschäftsbericht 2009 Rückstellungen für Kundenbindungsprogramme wie M-Cumulus über 177,9 Millionen Franken aus.

Detailhandelsexperte findet das «unverständlich»

Bei den beiden Riesen im Schweizer Detailhandel liegen so zusammen schätzungsweise annähernd 400 Millionen Franken an Rabatten brach, die die Kunden nicht einlösen. Für Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler ist das unverständlich. Denn: «Viele beklagen sich unaufhörlich über zu teure Preise. Dabei sind sie selber schuld, wenn sie ihre Rabatte nicht vollständig ausschöpfen.»

Der Wirtschaftspsychologe Christian Fichter von der Kalaidos Fachhochschule kennt drei Gründe, warum viele Kunden ihre Punkte nicht einlösen: «Einerseits wissen viele schlicht und einfach nicht, wie man das tut.» Der Hauptgrund sei aber, dass der Wert, den die Karten repräsentieren, nicht greifbar ist.

«Wie bei einer Kreditkarte, mit der man tendenziell zu viel Geld ausgibt, geben die Leute mit einer Kundenkarte aus dem Grund zu wenig aus.» Denn Guthaben auf einer Karte wirken psychologisch anders als Bargeld. Und zu guter Letzt sind die Grundbedürfnisse der Schweizer meist befriedigt – zusätzliche Einkäufe mittels Kundenkarten drängen sich da nicht auf.

Situation bleibt unverändert

Fichter ist überzeugt, dass die Grossverteiler kein Interesse daran haben, die jetzige Situation zu ändern. «Migros und Coop brauchen die Karten, um ihr Hochpreis-Image zu verteidigen. Und aus Kostengründen haben sie kein Interesse daran, dass ihre Kunden die Punkte vollständig einlösen.»

Verfall der Coop-Punkte

Coopkunden können mit der Supercard direkt in bestimmten Läden bezahlen. So lange eine Karte mindestens einmal jährlich in irgendeiner Form eingesetzt wird, verfallen die Superpunkte nicht. Konten, auf denen ein Jahr lang keine Aktivität geschieht, werden zunächst deaktiviert und archiviert. Erst nach rund zwei Jahren werden sie endgültig gelöscht.

Verfall der Migros-Punkte

Bei der Migros können Cumulus-Punkte in sogenannten Cumulus-Bons ausbezahlt werden, mit denen man schliesslich an der Kasse bezahlen kann. Gesammelte Punkte werden ausbezahlt, sobald 500 Punkten erreicht sind und ein Auszahlungstermin ansteht. Cumulus-Bons verfallen nach zwei Jahren, abgelaufene Bons werden nicht akzeptiert.

Verbreitung von Kundenkarten

Gemäss der Branchen-Fibel «Detailhandel Schweiz» sind bei Coop und Migros über 2.8 Millionen Super- und Cumulus-Karten im Umlauf. Alleine im letzten Jahr kamen je 200 000 Karten neu hinzu. Die beiden Grossverteiler generieren mittlerweile fast 80 Prozent ihres Umsatzes über die zwei Kundenkarten. Die meisten der Kunden lösen die angesammelten Punkte auch wirklich ein. Bei der Migros liegt die Einlösequote oder «Burning Rate» aktuell bei 96 Prozent, bei Coop lag sie vor drei Jahren bei über 90 Prozent.

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