Aktualisiert 04.05.2012 10:48

«Time-Out»Die Viertelfinals – oder Simpson muss gehen

Die WM 2012 in Helsinki ist der ultimative Test für Nationaltrainer Sean Simpson. Wenn der Kanadier die Viertelfinals wieder nicht erreicht, wird es Zeit, ihn zu feuern.

von
Klaus Zaugg

Die Rechnung ist einfach: Vier Teams müssen die Schweizer hinter sich lassen, wenn sie die Viertelfinals erreichen wollen. In Normalfall sind dies Frankreich, Kasachstan, Weissrussland und die Slowakei. Weltmeister Finnland, Olympiasieger Kanada und die USA dürften die drei ersten Plätze in der Gruppe belegen.

Der Normalfall tritt zwar selten ein. Trotzdem: Ein Scheitern kann sich Sean Simpson nicht leisten. Er hat eine Mannschaft mit dem Talent fürs Halbfinale. Es ist an ihm, für das taktische Konzept, die Disziplin und die Leidenschaft zu sorgen, die es braucht, um das Minimalziel Viertelfinale zu erreichen. Ralph Krueger hatte in seiner Amtszeit (WM 1998 bis Olympiaturnier 2010) nie eine so ausgeglichene Mannschaft mit so viel Offensiv-Talent und mit so vielen spielstarken Verteidigern zur Verfügung wie jetzt Sean Simpson. Zum ersten Mal in der Geschichte stehen in unserem WM-Team drei Feldspieler, die in der NHL einen Stammplatz hatten (Streit, Sbisa, Niederreiter).

Slowakei als Hauptkonkurrent

Die Favoritenrolle der Schweizer für die Spiele gegen Kasachstan, Weissrussland, Frankreich und die Slowakei ergibt sich bereits aus der Position in der Weltrangliste. 7. Schweiz, 10. Slowakei, 14. Frankreich, 16. Kasachstan. Kommt dazu, dass die Slowaken - voraussichtlich unser Hauptgegner im Kampf um das Viertelfinale - trotz NHL-Star Zdeno Chara mit der auf dem Papier schwächsten WM-Mannschaft antreten: Elf WM-Neulinge, drei Torhüter, die noch nie an einer WM gespielt und zusammen die Erfahrung von 25 Länderspielen haben, lediglich vier NHL-Spieler. Sie verloren sieben von acht WM-Vorbereitungsspielen gegen Dänemark, Russland, Norwegen, Tschechien und Deutschland und besiegten nur letztere bei der zweiten Begegnung (5:4 n.P.).

Sean Simpson hat bei seiner ersten WM 2010 in Deutschland das Viertelfinale erreicht, aber dann gegen Deutschland die «Jahrzehntchance» auf eine Halbfinalqualifikation durch eine 0:1-Niederlage vergeben. 2011 in Kosice hat er die Viertelfinals durch Punktverluste gegen Frankreich und Norwegen verspielt.

Bei einem erneuten Versagen müsste nicht nur die Position des Nationaltrainers neu besetzt werden. Dann wäre es Zeit, die sportliche Abteilung der Verbands-Administration und vor allem die Position von Nationalmannschafts-Manager Peter Lüthi zu hinterfragen.

Zählt nur das Ergebnis?

Ist es denn fair, Jobs von Trainern und Funktionären alleine vom Ergebnis an einer WM abhängig zu machen? Kann denn nicht im Sport immer wieder etwas schief gehen, gerade in einem so unberechenbaren Spiel wie Eishockey, das darüber hinaus noch auf einer rutschigen Unterlage gespielt wird?

Ja, es ist nicht nur fair. Es ist unbedingt notwendig. Der liebe Gott hat die Spieler erschaffen. Mannschaften aber machen die Coaches. Auf die Leistungen, die Ausstrahlung und den Werbewert der Nationalmannschaft hat der Coach ganz entscheidenden Einfluss. Bei der Nationalmannschaft geht es ausschliesslich um die Resultate. Um den Erfolg. Nicht um Ausbildung, Entwicklung oder Unterhaltung. Um diese Resultate zu erreichen, braucht es eine ganz besondere Leistungskultur. Für diese Leistungskultur ist der Nationaltrainer verantwortlich. Es ist auch sein Job, für die richtigen Leute im Umfeld des Nationalteams zu sorgen und jene der Funktionen und Posten zu entheben, die den Anforderungen nicht gewachsen sind. Also ist es richtig, den Nationaltrainer und seine Vorgesetzten an den Resultaten zu messen, nach Niederlagen die Konsequenzen zu fordern – und nach Erfolgen entsprechend zu loben. Es wäre nicht alles falsch gemacht worden, wenn die Viertelfinals verpasst werden sollten. Aber es wäre zu viel falsch gemacht worden.

Herausforderung und Chance für Simpson

Die WM 2012 ist für Sean Simpson nicht nur die grösste Herausforderung seiner Karriere als Nationaltrainer. Es ist zugleich eine grosse Chance für ihn, seine Position zu festigen.

Ralph Krueger war nicht nur Hockeystratege, als brillanter Kommunikator der beste Verkäufer des Projektes Nationalteam und des Schweizer Eishockeys. Er war auch ein Diktator, der politische Machtspiele im Fuchsbau des Verbandes durchschaute und nur Leute um die Mannschaft duldete, die ihm genehm waren.

Sean Simpson ist auch ein guter Hockeystratege, aber kein Kommunikator und Diktator wie Ralph Krueger; die politischen Machtspiele rund ums Nationalteam durchschaut er nicht. Er ist ein ehrlicher, gradliniger Hockeycoach und er steht und fällt mit den Resultaten. Er hat weder den Rückhalt im Verband und in den Meiden noch die politische Schlauheit, um eine Pleite an dieser WM abzufedern. Wie wir es auch drehen und wenden: Entweder schafft Sean Simpson die Viertelfinals – oder er muss gehen.

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