Zoff zwischen Tierfreunden: «Viele haben Bisse, gebrochene Flügel oder es fehlen ganze Hautteile»
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Zoff zwischen Tierfreunden«Viele haben Bisse, gebrochene Flügel oder es fehlen ganze Hautteile»

Katzen jagen oft Vögel und verletzen sie. Das führt zwischen Katzenbesitzern und Vogelfreunden zu Streit – auch unter Nachbarn.   

von
Bettina Zanni
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Vögel sind eine beliebte Beute von Hauskatzen – viele landen deshalb verletzt auf Vogelauffangstationen.

Vögel sind eine beliebte Beute von Hauskatzen – viele landen deshalb verletzt auf Vogelauffangstationen.

Getty Images/iStockphoto
Pro Tag erhielten sie im Schnitt 20 bis 30 verletzte Jungvögel, sagt Elisabeth Schlumpf, Geschäftsführerin der Voliere-Gesellschaft Zürich.

Pro Tag erhielten sie im Schnitt 20 bis 30 verletzte Jungvögel, sagt Elisabeth Schlumpf, Geschäftsführerin der Voliere-Gesellschaft Zürich.

Voliere-Gesellschaft Zürich
«Viele haben Bisse, gebrochene Flügel und Beine oder es fehlen ganze Hautteile», sagt Schlumpf.

«Viele haben Bisse, gebrochene Flügel und Beine oder es fehlen ganze Hautteile», sagt Schlumpf.

Voliere-Gesellschaft Zürich

Darum gehts

  • 90 Prozent der Vögel auf der Vogelpflegestation der Voliere-Gesellschaft Zürich wurden von Katzen gejagt. 

  • Auf Vorschläge zum Schutze der Vögel reagierten Katzenhalterinnen und -halter immer wieder uneinsichtig, sagt die Geschäftsführerin der Voliere-Gesellschaft Zürich. 

  • Laut einer Tierschützerin sollten beide Parteien einen Beitrag leisten, um das Konfliktpotenzial zu vermindern.

Auf der Vogelpflegestation der Voliere-Gesellschaft Zürich herrscht zurzeit Hochbetrieb. Pro Tag erhielten sie im Schnitt 20 bis 30 verletzte Jungvögel, sagt Geschäftsführerin Elisabeth Schlumpf. «Viele haben Bisse, gebrochene Flügel und Beine oder es fehlen ganze Hautteile.» Bei 90 Prozent handle es sich um Opfer von Katzen. Meist brächten die Besitzer die Vögel vorbei. «Oft meinen die Katzenhalter, sie hätten eine gute Tat vollbracht, wenn sie den verletzten Vogel bringen, doch das alleine reicht nicht.»

Sie ermuntere diese jeweils, einige Vorkehrungen zu treffen, um weitere Vogelopfer zu vermeiden, sagt Schlumpf. Etwa schlage sie vor, den Katzen etwas Hausarrest zu verpassen. «So sind sie nur beleidigt, sterben aber nicht wie die Vögel.» Auch könnten sie den Jagdtrieb durch Spielen einschränken oder der Katze eine Halskrause anlegen. Doch immer wieder stelle sie bei den Halterinnen und Haltern ein uneinsichtiges Verhalten fest. «Manche verweigern das Gespräch.»

Andere Besitzerinnen und Besitzer schmettern laut Schlumpf die Vorschläge ab. «Sie sagen etwa, dass ihnen die Katze sonst die Vorhänge kaputt mache.» Einige gäben auch den Vögeln die Schuld. «Sie finden etwa, die Vögel seien ja blöd, in Hecken zu nisten, vor denen Katzen lauerten.» Sie selbst sei alles andere als eine Katzenhasserin, habe sie doch selbst Katzen gehabt. «Aber wir haben in der Schweiz schon einen Artenschwund bei den Vögeln und es wäre traurig, wenn sture Katzenhalter diesen noch beschleunigten.» Von den verletzten Vögeln auf der Vogelpflegestation überlebe jeweils nur die Hälfte. 

«Katzengerechtes Leben nur in uneingeschränkter Freiheit»

Seit der Frühling Einzug hält, zoffen sich Katzenfreunde und Vogelfreunde auf Social-Media regelmässig. «Nur ein Leben in uneingeschränkter Freiheit ist ein katzengerechtes Leben!», schreibt eine Facebook-Userin. Gegen eine Katzen-Halskrause wehren sich einige 20-Minuten-Leserinnen und -Leser vehement. «Nie im Leben hätte ich meiner freilaufenden Katze solch ein Ding angezogen», schreibt «Mehit89». «Chantrila» spottet: «Der Katze den Jagdtrieb/-instinkt nehmen. Ja unterbrechen wir den natürlichen Kreislauf, mischen uns ein.»

Auf der anderen Seite sticheln Vogelfreunde gegen die Stubentiger und ihre Halter. «Ich kann Katzen aus gutem Grund nicht leiden. Vögel aber liebe ich», so «Bobby Sanchez». «Ismet» behauptet: «Katzenfreunde bezeichnen sich als tierlieb. Leider richten sie enormen Schaden an. Vögel und andere Kleintiere werden dezimiert.» 

«Reden nicht mehr mit ihren Nachbarn»

Auch Tierschutzorganisationen stellen ein zunehmendes Konfliktpotenzial zwischen Katzenfreunden und Vogelfreunden fest. «Ich vermute stark, dass die Aggression gegen Katzen auch damit zu hat hat, dass diese Leute die Katze für den Artenrückgang verantwortlich machen und der Meinung sind, Katzen gehörten nicht in den Freigang», sagt Esther Geisser, Präsidentin von Network for Animal Protection (Netap). Manche Vogelfreunde führten den Artenschwund zu Unrecht direkt auf die Katze zurück und stritten deshalb nicht selten mit Nachbarn, die Katzen hielten.  

Knapp zwei Drittel der Vögel in der Schweiz sind laut der Vogelwarte Sempach in der Schweiz bedroht oder potenziell bedroht, insbesondere wegen intensiver Landwirtschaft und einem Mangel an Feuchtbiotopen. «Katzen jagen vorwiegend häufige Arten wie Amseln, Rotkehlchen, Meisen, Finken und Sperlinge. Vögel gefährdeter Arten werden dagegen nur selten erbeutet», sagt Livio Rey, Mediensprecher der Vogelwarte Sempach. Laut Esther Geisser sollten beide Parteien einen Beitrag leisten (siehe Box), um das Konfliktpotenzial zu vermindern.

Für den Frieden zwischen Katzenhaltern und Vogelfreunden

Das können Katzenhalter tun

  • Die Katze für zwei, drei Tage unter Hausarrest stellen, wenn Jungvögel in der Nähe flügge geworden sind. 

  • Testen, ob sich der Jagderfolg mit einer farbigen Halskrause verringert. «Wichtig ist, dass die Halskrause an einem Halsband mit Sicherheitsverschluss befestigt wird, das sich sofort löst, sollte die Katze irgendwo hängen bleiben», sagt Esther Geisser, Präsidentin von Network for Animal Protection. 

  • Sich mit der Katze häufig aktiv beschäftigen, damit sie weniger Lust aufs Jagen hat. 

  • Obwohl es paradox klingt: Grosszügig Vogelfutter anbieten, damit viele Vögel angezogen werden. Geisser: «Keine Wissenschaft, aber langjährige Erfahrung: Massen an Vögel sind weniger interessant für Katzen als einzelne. Ein einzelner Vogel weckt das Jagdfieber einer Katze, während viele Vögel auf einmal die Katze eher überfordern.»

  • Die Katze kastrieren lassen. «Kastrierte Tiere haben kleinere Jagdreviere und jagen somit seltener in Naturschutzgebieten.»

Das können Vogelfreunde tun

  • Vogeltränken und Futterhäuschen an übersichtlichen Standorten platzieren, sodass sich Katzen nicht anschleichen können.

  • Nistkästen mindestens zwei Meter über dem Boden aufhängen. Zudem sollten Nistkästen mit steilen, glatten Dächern verwendet werden. «Auf diesen finden Katzen keinen Halt», sagt Geisser.

  • Den Garten naturnah gestalten mit guten Versteck- und Nistmöglichkeiten wie Hecken, Gebüschen und Biotopen. 

  • Den Zugang zu Vogelnistplätzen erschweren, etwa mit Maschendraht, aber auf keinen Fall mit Stacheldraht. Für Bäume empfiehlt Geisser Manschetten aus Blech oder Plastik. 

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22 (bei Notfällen)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel.  079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00


Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Schweizer Tierschutz (anonym möglich)

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