Inferno in Honduras : «Die Wachen haben die Tür nicht geöffnet»
Aktualisiert

Inferno in Honduras «Die Wachen haben die Tür nicht geöffnet»

In Honduras ist in einem stark überbelegten Gefängnis ein Feuer ausgebrochen. Mindestens 350 Menschen starben. Vor Ort herrschen Wut und Trauer.

Honduras steht unter Schock. Nie in der Geschichte des mittelamerikanischen Landes hat ein Feuer in einem Gefängnis so viele Häftlinge getötet. Jüngste Bilanzen gehen von mindestens 350 Toten aus.

In die Leichenschauhäuser in der Hauptstadt Tegucigalpa wurden mehr als 350 Tote gebracht. Die Zahl der Toten werde voraussichtlich auf 377 ansteigen, teilte die Polizei am Mittwochabend (Ortszeit) in Tegucigalpa mit.

475 Häftlinge hätten die Flammenhölle in dem völlig überbelegten Gefängnis von Comayagua überlebt. Sie sollten anderswo untergebracht werden, teilte Sicherheitsminister Pompeyo Bonilla mit.

Die meisten Häftlinge verbrannten oder erstickten in giftigen Rauchwolken, weil ihre Zellen zu spät geöffnet wurden. Dutzende Insassen wurden schwer verletzt. In einem Spital erlagen am Mittwochnachmittag zwei Männer ihren schweren Brandverletzungen.

«Die Wachen haben die Tür nicht geöffnet», sagte der 69-jährige Leonidas Medina, der in einem Spital von Comayagua seinen umgekommenen Sohn beweinte. «Sie wären nicht gestorben, wenn nur die Türen geöffnet worden wären.»

Die meisten Todesfälle waren nach Auskunft des Leiters des Justizvollzugs, Danilo Orellana, auf Ersticken zurückzuführen. In der ersten Aufregung glaubte ein Teil der Wachen offenbar zunächst an eine Gefangenenmeuterei.

Präsident Porfirio Lobo suspendierte für die Dauer der Untersuchungen sowohl Orellana als auch seinen Stellvertreter Abraham Figueroa sowie andere Verantwortliche des Justizvollzugs. Als wahrscheinlichste Brandursachen galten eine Brandstiftung durch einen Insassen oder ein Kurzschluss.

Stark überbelegt

Das Feuer flammte gegen 22.50 Uhr Ortszeit in der Haftanstalt auf, die rund 120 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt des mittelamerikanischen Landes liegt. Der Gebäudekomplex wurde zum grossen Teil zerstört.

Zum Zeitpunkt der Katastrophe büssten dort weit über 800 Häftlinge ihre Strafen ab. Das Gefängnis ist aber nur für rund 400 Insassen ausgelegt.

Hunderte von Familienangehörigen protestierten gegen die Überführung der Toten nach Tegucigalpa und verlangten die Herausgabe der Leichen. Die Chefin der nationalen Gerichtsmedizin, Lucy Marrder, sagte, es werde mindestens drei Tage dauern, bis die Opfer identifiziert seien.

Chile schickte ein Team von Spezialisten, um den Honduranern zu helfen. Auch von der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) sollen Experten nach Honduras entsandt werden. Die Regierungen benachbarter Staaten sicherten Honduras ebenfalls Hilfe zu.

Särge und Geld vom Präsidenten

Präsident Porfirio Lobo kündigte an, die Regierung werde die identifizierten Leichname wieder nach Comayagua bringen. Er kündigte eine dreitägige Staatstrauer an und versprach, den Familien der verstorbenen Häftlinge Särge und Geld für die Beisetzung zu geben.

In den überbelegten Gefängnissen von Honduras herrschen oft unmenschliche Bedingungen. Die 24 Haftanstalten sind für maximal 8000 Gefangene ausgelegt. Doch sitzen 13'000 Häftlinge im gesamten Land ein.

Immer wieder kommt es zu Meutereien gegen die Haftbedingungen und zu Zusammenstössen zwischen Mitgliedern krimineller Banden. So wurden im Oktober des vergangenen Jahres neun Menschen bei einem Aufstand im Gefängnis von San Pedro Sula getötet.

Das Gefängnis in Comayagua war nach Angaben der Gouverneurin von Comayagua, Paola Castro, kein Hochsicherheitsgefängnis, sondern ein Modell des Strafvollzugs für Gefangene, die mittlere Strafen abzubüssen haben. Tagsüber arbeiteten die Häftlinge in der Landwirtschaft, bauten Gemüse an und mästeten Schweine. Nachts kehrten sie in ihre Zellen zurück.

(Quelle: YouTube/AP)

Update 20.2.2012: Die Zahl der Todesopfer nach dem verheerenden Gefängnisbrand in Honduras ist auf 359 gestiegen. Ein 30-Jähriger sei infolge schwerer Verbrennungen an Nierenversagen gestorben, teilte der ihn behandelnde Klinikarzt in der Hauptstadt Tegucigalpa am Sonntag mit. (sda)

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