Aktualisiert 21.07.2011 08:07

Eurokritiker im Interview

«Die Währungsunion ist gescheitert»

Professor Willhelm Hankel hatte bereits vor über zehn Jahren vor dem Euro gewarnt – und Recht bekommen. Er sieht in der Währungsunion die Ursache der Schuldenkrise.

von
Sandro Spaeth
Professor Wilhem Hankel fordert von den EU-Staatschefs, dass sie die Hilfe an Griechenland einstellen.

Professor Wilhem Hankel fordert von den EU-Staatschefs, dass sie die Hilfe an Griechenland einstellen.

Professor Wilhem Hankel sah das Unheil kommen. Der Deutsche hatte als einer der wenigen Ökonomen bereits Ende der Neunzigerjahren vor der Gemeinschaftswährung gewarnt. 1998 klagte der Währungsspezialist gegen Deutschlands Beitritt zur Eurozone – und unterlag. Von seiner Angriffslustigkeit hat der 82-jährige Wirtschaftswissenschaftler nichts eingebüsst: Er prozessierte 2010 auch gegen Berlins Milliardenkredite an Griechenland.

Herr Hankel, Sie hatten bereits bei der Euro-Einführung vor der Währung gewarnt. Das Schuldenschlamassel zeigt, Sie haben Recht bekommen. Ist das eine Genugtuung?

Wilhelm Hankel: Wissenschaftlich ist es eine Genugtuung, politisch aber keinesfalls. Ich sehe mich in der Rolle des Vaters, der sein Kind vor dem Überfahren durch ein Auto retten muss.

Um bei Ihrem Bild zu bleiben: Wie nahe ist denn das Fahrzeug bereits?

Das Kind ist halb überfahren. Das Unglücksgefährt muss dringend gestoppt werden. Die Währungsunion in dieser Form ist gescheitert. Jede Rettungsaktion vergrössert die Krise zusätzlich und macht die Situation in einzelnen Staaten nur noch schlimmer.

Wie meinen Sie das?

Die schuldengeplagten Staaten verlieren an Demokratie, weil sich Brüssel stärker einmischt und ihnen Regeln aufzwingt. Zudem werden die Bürger in den helfenden Staaten geschröpft. Der deutsche Finanzminister Schäuble will 80 Prozent der Staatseinnahmen für die Rettung maroder Euro-Länder verpfänden. Damit lähmt sich Deutschland selbst massiv.

Deutschland hat stark vom Euro profitiert. Jetzt wird das Land zur Kasse gebeten. Das ist doch gerecht.

Dass Deutschland vom Euro profitiert hat, ist eine der dreistesten Lügen überhaupt. Es wird immer übersehen, dass der Exportanteil der deutschen Wirtschaft schon vor über zehn Jahren bei 40 Prozent lag – und dort liegt er noch heute. Deutschland verdankt den Erfolg dem wachsenden Weltmarkt und der Lohndisziplin. Die Reallöhne sind seit Einführung des Euro nicht gestiegen.

Was wäre heute anders, wenn die EU-Staaten ihre eigenen Währungen behalten hätten?

Die finanzielle Situation in den Euroländern wäre massiv besser. Die Angst vor der Abwertung der eigenen Währung sowie Bedenken, dass Investitionen ausbleiben könnten, hätten die Überschuldung verhindert. Eine Misswirtschaft, wie wir sie beispielsweise in Griechenland sehen, hätte nicht statt gefunden.

Wird die Eurozone wegen der Schuldenproblematik auseinanderbrechen?

Wenn die Eurozone auseinander bricht, ist das kein Unglück. Es wird auch danach ein Europa geben. Wenn aus der Währungsunion wieder eine Wechselkursunion würde, könnte jedes EU-Land nach seiner Façon selig werden. Die Krisen-Länder könnten ohne Diktat von ausländischen Vögten eigene Reformen durchführen. Mit dem Auseinanderbrechen der Eurozone würde der europäische Wirtschaftsraum EWR, wie wir ihn bis 1994 hatten, wiederbelebt.

Am Donnerstag beraten die EU-Staatschefs über die Rettung Griechenlands. Könnte eine weitere Hilfe auch den Rettern gefährlich werden?

Das Problem ist, es geht lediglich um eine Pseudo-Rettung. Und diese wird wegen des immer grösseren Ausmasses für die Helfenden gefährlich. Es ist als ob der Ertrinkende den Retter mit in die Tiefe zieht. Früher oder später wird der Bankrott Athens eintreffen. Tragisch ist: Die Europäische Zentralbank hat während Jahren die Augen vor der desolaten Situation im griechischen Haushalt verschlossen.

Fakt ist doch: Die EU hat bereits so viel Geld nach Griechenland gepumpt – nun können die Minister nicht einfach Stopp sagen. Sonst wäre alles Vorherige für die Katz.

Die Regierungschefs müssen die Hilfe an Griechenland einstellen, wenn sie den Euro retten und ihre Glaubwürdigkeit wiedergewinnen wollen. Eine kleinere Währungsunion mit den starken Ländern des Nordens könnte erfolgreich sein.

Dann wollen Sie die Griechen also aus dem Euro schmeissen?

Ja. Man sollte Griechenland im gegenseitigen Einvernehmen aus der Eurozone ausschliessen. Das ist eine Lösung der ökonomischen Vernunft. Historisch wurden alle Währungskrisen über Abwertung gelöst. Nur ist das nicht möglich, so lange die Griechen in der Euro-Zone sind.

Bei einem solchen Schritt würden alle Griechen die Konten plündern und das System könnte zusammenbrechen.

Das ist ein Märchen, um Griechenlands Ausschluss aus der Währungsunion bereits im Keim zu ersticken. Die Rückkehr zur Drachme wäre möglich, man müsste dies einfach über Nacht umsetzen. Die Euro-Guthaben der Griechen bei griechischen Banken würden eins zu eins in Drachme umgewandelt, deren Wert zum Euro aber massiv sinken dürfte. Wer sein Geld bei einer ausländischen Bank hortet hat, hat Glück gehabt. Diese Guthaben bleiben verschont.

Geht es nach Ihnen, würde Griechenland also besser zur Drachme zurückkehren. Wünschen Sie sich auch die D-Mark zurück?

Ja, und ich sage das als überzeugter Europäer und Demokrat. Man kann Währung und Staat nicht trennen. Ich bin der Meinung, dass Deutschland und die EU mit der Mark besser dran waren.

Wilhelm Hankel ist emeritierter Professor für Währungs- und Entwicklungspolitik an der Goethe-Universität in Frankfurt. Gemeinsam mit drei weiteren Professoren wehrte er sich 1997 vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Maastrichter-Vertrag, der den Euro begründet. Die Klage wurde abgewiesen. Der Professor schreib über ein Dutzend Bücher: Das neuste Werk erschien 2011 und trägt den Titel «Geldherrschaft. Ist unser Wohlstand noch zu retten?»

Darüber diskutieren die EU-Staatschefs

Am EU-Sondergipfel vom Donnerstag brüten die 17 Staats- und Regierungschefs über einer Lösung des europäischen Schuldenproblems. Im Fokus steht dabei Griechenland. Der schuldengeplagte Staat steht mit 340 Milliarden Euro in der Kreide. Bereits im Mai 2010 war Athen mit einem Hilfspaket von 110 Mrd. Euro vor der Pleite gerettet worden. Streiten dürften die Politiker über ein neues Hilfspaket im Umfang von bis zu 120 Mrd. Euro und um ein allfälliges Umschuldungsprogramm. Die sanfte Variante wäre ein freiwilliger Anleihetausch, die rigorose ein sogenannter Haircut – ein Schuldenerlass, dem sich kein Gläubiger entziehen könnte.

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