Aktualisiert

Deutsche Einheit«Die Wahl des Gedenktages ist falsch»

Korruption, Lobbying, politisches Desinteresse: Literaturnobelpreisträger Günter Grass sieht die Demokratie in Deutschland in Gefahr.

Sieht die Demokratie in Deutschland in Gefahr: Schriftsteller Günter Grass.

Sieht die Demokratie in Deutschland in Gefahr: Schriftsteller Günter Grass.

«Global haben wir vor zwei Jahren ein Finanzdesaster erlebt - und wir erleben zurzeit, wie unser zweiter Versuch, in Deutschland Demokratie aufzubauen, Anzeichen von Scheitern zeigt», sagte der 82-jährige Günter Grass am Sonntag dem Hörfunksender HR1. Der Schriftsteller beklagte Korruption in der Politik: «Unser Bundestag ist von einer mächtigen Lobby umlagert, das sind Dinge, die die Demokratie fragwürdig machen und die mir Sorgen bereiten.»

Die Demokratie sei nicht durch islamische Terroristen oder Einwanderung oder die «künstlich hoch gehaltene Sarrazin-Debatten» gefährdet, «sondern sie ist gefährdet durch etwas, was wir schon mal erlebt haben», erklärte Grass. Die Weimarer Republik sei unter anderem daran gescheitert, dass es nicht genügend Bürger gegeben habe, die sich schützend vor sie gestellt hätten.

«Diese zum Teil begründete Abkehr vieler Menschen, auch junger Menschen von der Politik, nimmt der Demokratie den Schutz», erklärte der Autor. Dann werde sie ein Opfer der Lobby, käuflich und gehe auf eine schleichende Art und Weise zugrunde. «Das ist eine Abkehr und eine Schutzlosigkeit, die dann von anderen Kräften genutzt wird, so wie wir es 1933 erlebt haben.»

Grass zog nach 20 Jahren Deutsche Einheit kritisch Bilanz: «Ich bin zornig darüber, dass man diese grosse Gelegenheit so aberwitzig mit solch vorhersehbaren Fehlentwicklungen eingeleitet hat», sagte er und kritisierte die Treuhand als «ein Monstrum», das nicht mal unter parlamentarischer Kontrolle gelaufen sei. Auch mit dem Tag der Einheit ist er nicht einverstanden: «Die Wahl des Gedenktages am 3. Oktober ist falsch. Für mich ist es der Beginn der Montagsdemonstrationen, wo die Leute auf die Strasse gingen und riefen 'Wir sind das Volk'». (dapd)

Wulff fordert stärkere Würdigung der Leistung der Ostdeutschen

Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff (Bild rechts) hat sich anlässlich des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit für eine stärkere Anerkennung der Lebensleistung der Menschen der ehemaligen DDR ausgesprochen. Die Ostdeutschen mussten ihr Leben «von Neuem beginnen», sagte Wulff. Die Ostdeutschen seien es gewesen, die vor 20 Jahren den allergrössten Teil des Umbruchs geschultert hätten, sagte der Bundespräsident am Sonntag in seiner Rede beim zentralen Festakt zum Tag der deutschen Einheit in Bremen.

Die Menschen in der ehehmaligen DDR seien den Neustart «mit einer unglaublichen Bereitschaft zur Veränderung» angegangen, sagte Wulff. Dies sei bis heute nicht ausreichend gewürdigt worden. Der Bundespräsident fügte hinzu, durch die Wende sei auch Erhaltenswertes verloren gegangen. Unendlich viel Wertvolles sei jedoch gewonnen worden: «Die Erfahrung der Menschen, dass sie mit ihrem Mut zur Veränderung ihr eigenes Leben in Freiheit gestalten konnten. Damit haben sie unserer deutschen Geschichte ein wichtiges Kapitel hinzugefügt.»

Der zentrale Festakt fand in Bremen statt, weil das Land den Vorsitz im Bundesrat (Länderkammer) innehat. An der Feier nahmen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundes- und Landespolitiker sowie führende Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft teil. (sda)

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