Ein Diplomat packt aus: Die wahre Geschichte hinter Afflecks «Argo»
Aktualisiert

Ein Diplomat packt ausDie wahre Geschichte hinter Afflecks «Argo»

Ben Afflecks Film «Argo» erzählt, wie sechs US-Diplomaten mit Hilfe eines verwegenen CIA-Agenten 1980 aus dem Iran flüchteten. Wie viel der irren Geschichte ist wirklich wahr?

von
Simone Kubli

Ein Detail stimmt genau bei «Argo», Ben Afflecks Film der für sieben Oscars nominiert wurde: «Es ist wahr, dass wir wenig zu tun hatten, viel lasen und Scrabble spielten. Wir tranken auch viel, sehr viel.» Mark Lijek war dabei. Damals, am 4. November 1979, als die amerikanische Botschaft in Teheran gerade von aufgebrachten Schah-Gegnern gestürmt wurde.

Lijek war einer der sechs Diplomaten, die den Revolutionsgarden entkommen konnten. Die Iraner protestierten dagegen, dass die USA den kranken Schah medizinisch versorgten. Radikale Studenten nahmen in der Folge 52 Angestellte der Botschaft als Geiseln. Es war ein Desaster für die amerikanische Regierung, vor allem für Präsident Jimmy Carter.

Was dann folgt, ist Suspense

Mark Lijek, der fliessend Persisch spricht, und seine Frau Cora waren während der Stürmung im Nebengebäude, das eine eigene Türe auf die Strasse hatte. «Der Mob hat uns schlicht vergessen», sagte er in einem BBC-Interview. Zusammen mit vier anderen Diplomaten – Bob Anders, Lee Schatz, Joe und Kathy Stafford – konnten sie entwischen.

In der Residenz des kanadischen Botschafters Ken Taylor fanden sie schliesslich Zuflucht. Im Film bleiben sie der Dramaturgie und Gruppendynamik zuliebe zusammen, in Wirklichkeit wurden sie nach einigen Nächten aufgeteilt; die einen blieben bei den Taylors, die anderen mussten zum kanadischen Angestellten John Sheardown. Mark Lijek, der «Argo» gesehen hat, ist beeindruckt, wie realitätsgetreu die Szenen vor der Botschaft in Istanbul und Kalifornien nachgedreht wurden. Doch was dann folgt, ist Suspense in bester hollywoodscher Manier.

Irrer Plan, um die Diplomaten aus der Hölle zu holen

Entgegen der Darstellung im Film konnten die Gefangenen auch nach draussen. Wie Gefangene zogen sie ihre Runden im Innenhof von Sheardowns Haus. Neben Trinken, Scrabble und Lesen konnten sie nichts machen – nichts ausser warten. Es geschah wenig, es war todlangweilig. Die iranische Hausangestellte, die im Film das seltsame Treiben im Hause Taylor allmählich durchschaute, existierte nicht. Sie sei wohl die Personifizierung des Misstrauens, das sie überall zu Zeiten der iranischen Revolution spürten, vermutet Lijek.

Der Hauptplot des Film tönt zwar unglaublich, ist aber tatsächlich wahr: CIA-Agent Tony Mendez, der auch am Drehbuch von «Argo» mitschrieb, heckte einen irren Plan aus, um die sechs Diplomaten aus Khomeinis Hölle zu holen. Als Regisseur getarnt, sollte er den Science-Fiction-Streifen «Argo» in den iranischen Bergen drehen. Zusammen mit einer fiktiven Filmcrew – den sechs Diplomaten. Lijek war begeistert, als er vom CIA-Plan erfuhr.

«Wenn Knarren rausgeholt werden, hast du den Job vermasselt»

Dass die «Filmcrew» im Bazaar von Teheran Drehorte inspizierte, wie dies Argo in einer dramatischen Szene veranschaulicht, ist schlicht erfunden: «Das wäre viel zu gefährlich gewesen», so Lijek. Überhaupt sei die Filmcrew-Geschichte in Realität relativ unwichtig für die Flucht gewesen.

Dies bestätigt indirekt auch Mendez in einem Interview des «Stern». Als Undercover-CIA-Agent hatte er ein Vierteljahrhundert Menschen aus Feindesland geschleust. 1980 lotste er verdeckt mit der Hilfe Kanadas die sechs Diplomaten aus dem Land.

Regisseur Affleck war ihm dankbar, dass er nun als Berater zur Seite stand. Affleck habe aber nicht viel auf ihn gehört, brummte er: «Es ist eben Hollywood. Spannung ist wichtiger als Fakten. Sie brauchen eine Romanze. Und Blut muss fliessen. Dabei sagen wir Agenten immer: Wenn die Knarren rausgeholt werden, hast du deinen Job vermasselt.»

Interview mit Tony Mendez (YouTube/CNN)

Auch der extrem spannende Showdown von Argo ist reine Fiktion. Überhaupt nichts von dem, was am 28. Januar 1980 in Teherans Mehrabad Flughafen passierte, ist wahr, erklärt Lijek. «Es stimmt zwar, dass unsere gefälschten kanadischen Pässe und Flugtickets ein wunder Punkt waren, doch die Zollbeamten beachteten uns kaum, wir stiegen in die Swissair-Maschine nach Zürich.»

Pilot und Passagiere waren nicht informiert

Keine Jeeps, die die Swissair-Douglas DC-8 Aargau (im Film eine Boeing 747) auf dem Rollfeld verfolgte, keine Schüsse, keine Jagdflieger, keine Panzer. Auch Swissair-Manager Heinz Koch, der damals in Teheran arbeitete, gab in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» preis, dass das CIA nur einen engen Kreis von Vertrauten über die Befreiungsaktion in Kenntnis setzte.

Der Pilot und die Passagiere der Swissair-Maschine wurden nicht informiert. Die Swissair wurde gewählt, weil die Airline als eine von wenigen Teheran noch regelmässig anflog. Die Swissair war unabhängig vom iranischen Flughafen.

Zu früh auch für die eifrigsten Revolutionswächter

Manchmal kam es schon vor, dass Khomeinis Schergen eine Maschine mit Panzer aufhielt, um einen Passagier wieder rauszuholen, erzählt Koch. Doch nicht in diesem Fall, wie Lijek bestätigt: «Es verlief alles reibungslos. Es war schliesslich morgens um halb sechs – zu früh auch für die eifrigsten Revolutionswächter.» Trotzdem sei er ein Fan von «Argo», schmunzelt er. Die polierte Wahrheit sei eben oft dramatischer als die Wirklichkeit.

Eigentlich liebt niemand «Argo», weder die Briten, noch die Kanadier und schon gar nicht die Iraner (siehe Box). Das Video zeigt, weshalb:

Argo's Rache (YouTube/ABCNews)

Trailer «Argo» (YouTube)

Iran plant «Gegenfilm»

Der Erfolg für den in Teheran spielenden Film «Argo» bei der Verleihung der Golden Globes ist in iranischen Medien auf Kritik gestossen. Die Nachrichtenagentur Fars bezeichnete den Streifen von US-Regisseur und Schauspieler Ben Affleck am Montag als «anti-iranisch».

Die Auszeichnung des Politthrillers als besten Film sei ein «fragwürdigen Schritt», hiess es. Hinter dem Film stecke Israel. Ähnlich äusserte sich die Nachrichtenagentur Mehr: «Affleck hat endlich den Preis für seine Lügen erhalten.»

«Argo» basiert auf wahren Begebenheiten. Der mehrfach Oscar-nominierte Film, in dem Affleck auch selbst mitspielt, handelt von einer aberwitzigen CIA-Befreiungsaktion von US-Geiseln im Iran vor 33 Jahren.

Damals hatten Anhänger des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Khomeini die US-Botschaft gestürmt und zahlreiche Amerikaner in ihre Gewalt gebracht. Bei der Verleihung am Sonntagabend in Beverly Hills hatte Affleck für «Argo» auch den Regiepreis erhalten.

Im Iran ist nach Medienberichten bereits ein «Gegenfilm» zu «Argo» geplant. Regisseur Ataollah Salmanian werde in dem Streifen «Joint Command» die iranische Sichtweise auf die US-Geiselbefreiung im Jahr 1980 darstellen, hiess es am Wochenende. «Argo» ist im Iran verboten, findet jedoch auf dem Schwarzmarkt regen Zuspruch. (sda)

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