Neue Biographie: Die Wahrheit hinter dem Mythos Obama
Aktualisiert

Neue BiographieDie Wahrheit hinter dem Mythos Obama

Eine neue Biographie zeigt: Barack Obama hat in seinen eigenen Memoiren die Suche nach seiner «schwarzen» Identität überhöht und daraus seine eigene Legende konstruiert.

von
Martin Suter

Mit «Barack Obama: The Story» unterzieht erstmals ein renommierter Journalist die berühmte Autobiographie des US-Präsidenten einem umfassenden Wahrheitstest. Der Befund des Pulitzer-Preisträgers David Maraniss lässt aufhorchen: Was die Jugendjahre angeht, sind Barack Obamas 1995 erschienene Memoiren «Ein amerikanischer Traum» eine ins Mythische überhöhte Fabel, die in wichtigen Punkten mit der Wirklichkeit wenig gemeinsam hat.

In der am Dienstag veröffentlichten, 672 Seiten dicken Mammut-Biographie beschreibt Maraniss bis in kleinste Details Obamas Herkunft und zeichnet dessen Jugendjahre nach bis zum Zeitpunkt, als er mit 29 an der Harvard-Universität sein Jus-Studium antrat. Pikante Details aus dem Buch sind schon in Vorabdrucken enthüllt worden, etwa der Marihuana-Konsum des Mittelschülers Barry Obama, der auf Hawaii eine «Choom Gang» genannte Kifferbande anführte und zu Inhalationsrekorden trieb.

Distanz gegenüber Freundin

Im Mai publizierte «Vanity Fair» ein Kapitel über Obamas Liebschaft während des Studiums an der New Yorker Columbia-Universität. Der 22-jährige Student hatte damals 17 Monate lang eine romantische Beziehung mit der drei Jahre älteren Genevieve Cook. Die Australierin stellte Maraniss ihr Tagebuch zur Verfügung, und die ausgiebigen Zitate daraus belegen, dass der ebenso charmante wie brillante Obama ihr in seiner Distanziertheit bis zum Ende fremd blieb.

Das Bild des introvertierten Suchenden ist den Lesern von Obamas Autobiographie geläufig. Die im englischen Original mit «Dreams from My Father» betitelten Memoiren gehen aber auf den Drogenkonsum nur kursorisch ein, denn das 1995 veröffentlichte Buch sollte die politische Karriere des Anwalts und «Community Organizers» in Chicago ebnen, nicht verbauen. Genevieve Cook wird nicht genannt, sondern erscheint als Mischwesen aus mehreren Freundinnen in Obamas Leben.

38 Behauptungen widerlegt

Die Autobiographie nimmt sich aber noch viel mehr dichterische Freiheiten heraus. Ben Smith von «BuzzFeed» hat 38 Punkte gezählt, wo Maraniss auf überzeugende Weise Behauptungen aus «Dreams» widerlegt. Dazu gehören übertriebene oder frei erfundene Geschichten über Obamas Vorfahren in Kansas und Kenia, aber auch beabsichtigte Falschdarstellungen, die den Heranwachsenden «schwärzer und unzufriedener präsentieren, als er in Wirklichkeit war».

Zum Beispiel kommt in der Autobiographie ein Klassenkamerad in Hawaii namens Ray vor. Er soll eine für junge Schwarze authentische und für Obama verlockende «Mischung aus heisser Wut und cooler Distanziertheit» repräsentiert haben, schreibt Maraniss. Doch der Autor fand heraus, dass die Figur auf Keith Kakugawa basiert, dem Sohn einer halb schwarzen, halb indianischen Mutter und eines japanischen Vaters. In den Memoiren beklagen sich Barry und Ray darüber, dass Mädchen aus der Oberschicht angeblich nicht mit ihnen ausgehen wollten. Maraniss: «Tatsächlich hatte weder der eine noch der andere in dieser Hinsicht Mühe.»

Schweizer Grossmutter statt schwarze Eltern

Eine andere Orientierungsfigur in «Dreams» hiess Regina. Die junge, angeblich schwarze Studentin am Occidental College in Los Angeles habe ihn als erste «Barack» genannt und «brachte mich so weit, dass ich nicht mehr lügen musste», schreibt Obama. Als sie über ihre Kindheit in Chicago ohne Vater und mit einer überforderten Mutter gesprochen habe, «rief ihre Stimme eine Vision des schwarzen Lebens in all seinen Möglichkeiten hervor, eine Vision, die mich mit Sehnsucht erfüllte – einer Sehnsucht für einen Ort und eine bestimmte Geschichte».

Doch Maraniss fand bei seinen Recherchen keine Regina. Er vermutet, dass sich die Kunstfigur von der weissen Studentenführerin Caroline Boss ableitet. Regina hiess deren Schweizer Grossmutter, die in Interlaken die Böden von Banken schrubbte. Und die dramatisch überhöhte Geschichte der schwierigen Kindheit in Chicago hatte Obama von Michelle Robinson, seiner Frau, die er allerdings erst zehn Jahre später kennenlernte.

Hautfarbe spielte geringe Rolle

Unter dem Strich hat Obama nach Maraniss' Erkenntnissen eine viel weniger problematische Jugend verlebt, als man seiner Autobiographie entnehmen kann. Wiewohl beide Eltern meist abwesend waren und er bei seinen Grosseltern aufwuchs, hätten in Hawaii stabile Verhältnisse geherrscht. Seine Hautfarbe, die Obama ins Zentrum seiner Autobiographie stellte, spielte laut Maraniss eine geringe Rolle.

Der Autor widerspricht damit dem Mythos in «Dreams», wonach der innere Kampf um die Identität als amerikanischer Schwarzer den Kern der Sinnsuche des adoleszenten Obama ausgemacht habe. «Ihn primär durch eine rassische Linse zu betrachten, kann zu einer Fehlinterpretation über die wahren Ursachen seiner Aussenseiter-Gefühle und zu einem Missverständnis über seine Reaktionen darauf führen», schreibt Maraniss im Vorwort.

Auswirkungen im Wahljahr?

Die Frage nach der Stimmigkeit der Autobiographie ist nicht nur von akademischem Interesse. Die in «Dreams» gestrickte Legende des um seine schwarze Identität ringenden Intellektuellen legte die Grundlage für Obamas Faszination und womöglich auch seinen Wahlsieg 2008. Das Interesse lässt bis heute nicht nach. Wie «BuzzFeed» gemessen hat, stösst Obamas Biographie online auf viel grösseres Interesse als jene seines Herausforderers Mitt Romney: Fotos von Baby Barack werden zehnmal so oft angeklickt wie Bilder des jungen Mitt.

Weil Maraniss' Buch die früheren Annahmen in Frage stellt, könnte es im Wahljahr eine Rolle spielen, glaubt die «New York Times». Am Mittwoch schrieb die Zeitung: «Der Präsident wird mehr Fragen zu seiner Selbstdarstellung beantworten müssen als vor vier Jahren.»

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