Interview: «Die Warterei wird es nicht mehr geben»

Aktualisiert

Interview«Die Warterei wird es nicht mehr geben»

Ex-Armeechef Christophe Keckeis erklärt, was sich für die Soldaten der Zukunft ändern soll und weshalb nur die Hälfte der Kampfflugzeuge einsatzbereit ist.

von
Ronny Nicolussi
Die Warterei für die Soldaten - hier bei einem RS-Start 2005 - werde mit der neuen Armee ein Ende haben, ist der ehemalige Armeechef Christophe Keckeis überzeugt.

Die Warterei für die Soldaten - hier bei einem RS-Start 2005 - werde mit der neuen Armee ein Ende haben, ist der ehemalige Armeechef Christophe Keckeis überzeugt.

Die Sicherheitskommission des Ständerats (SiK-S) fordert eine Armee mit 100 000 Soldatinnen und Soldaten, die jährlich 5,1 Milliarden Franken kosten darf. Finden Sie das eine gute Lösung?

Christophe Keckeis: Ich bin positiv überrascht. Damit können wir sehr zufrieden sein.

Wozu wäre eine solche Armee fähig?

Mit dieser Grösse und diesen Mitteln könnte endlich die Armee geschaffen werden, die wir bereits vor Jahren in einem Armeerapport vorgesehen haben. Eine Armee, die den heutigen Risiken und Gefahren gewachsen ist und die entsprechende Leistungen erbringen kann.

Trotzdem wäre sie nicht einmal halb so gross, wie die derzeitige Armee, welche 220 000 Soldaten umfasst.

Das ist ein wesentlicher Unterschied, da haben Sie Recht. Aber man muss auch sehen, dass von den 220 000 Soldaten rund 20 000 Rekruten sind und 80 000 einer Reserve angehören, die nur auf dem Papier existiert. De facto sprechen wir also von einer Reduktion von 120 000 auf 100 000 Soldaten.

Was würde sich für den einzelnen Soldaten ändern?

Die Soldaten würden spüren, dass sie Teil einer Armee sind, die wieder ausgerüstet wird. Ganz im Gegenteil zu heute, wo die Armee logistisch auf den Knien ist. Zudem würde die Zahl der subsidiären Einsätze steigen und die Soldaten würden besser ausgebildet werden.

Werden die Soldaten heute nicht gut ausgebildet?

Sagen wir, die Ausbildung ist ein bisschen suboptimal. Künftig sollte bei der Ausbildung nicht mehr so viel Zeit verloren werden.

Das ist kaum vorstellbar. Von der ewigen Warterei zwischen den Übungen kann wohl jeder, der einmal Dienst geleistet hat, ein Liedchen singen.

Mit der von der SiK-S vorgeschlagenen Variante wird Warten kein Thema mehr sein.

Ist das Ihr Ernst?

Ja.

Die künftigen Wehrmänner werden nicht mehr warten, warten, warten müssen?

Nein.

Zusammengefasst könnte man also sagen, der durchschnittlich Schweizer Soldat der Zukunft wird gut ausgerüstet, besser ausgebildet und nicht mehr am Warten sein?

Durchaus. Wobei der Fokus eindeutig auf die Ausrüstung gerichtet werden müsste. Der künftige Soldat wird vor allem eines sein: tipp topp ausgerüstet.

Muss er ja auch, bei einem jährlichen Budget von 5,1 Milliarden Franken. Der Bundesrat hätte für das gleiche Ziel «lediglich» 4,4 Milliarden Franken für 80 000 Armeenagehörige ausgeben wollen. Würde das nicht reichen?

Wenn die Armee die Leistungen erbringen soll, die vom Bundesrat gefordert werden, dann sind 100 000 Soldaten die absolute Untergrenze.

Welche wären im Vergleich zur SiK-Variante denn die grössten Schwierigkeiten bei einer Armee mit 80 000 Soldaten?

Das grösste Problem sähe ich bei der fehlenden Ausdauer. Nach drei bis vier Monaten könnte eine solche Armee bei einem grösseren Einsatz die Ablösung nicht mehr gewährleisten.

Was wären das für Einsätze, bei denen die Schweizer Armee drei bis vier Monate im Dauereinsatz stehen müsste?

Beispielsweise Unruhen, bei denen die Kantone in gewissen Regionen die innere Sicherheit nicht mehr gewährleisten könnten. Es können aber auch unstabile Situationen im Ausland sein. In einem solchen Fall müsste die Armee die Überwachung der Grenzen oder einer gewissen Anzahl wichtiger Objekte wie Atomkraftwerke oder Flugplätze übernehmen.

Das sind alles subsidiäre Einsätze.

Man sollte nicht vergessen, dass in der Schweiz derzeit rund 2000 Polizisten fehlen.

Hat sich die SiK deshalb für die Armee-Variante entschieden, die 37 000 Kräfte – also über ein Drittel aller Soldaten – für Unterstützungsaufgaben vorsieht?

Das ist ganz klar der Trend. Die Wahrscheinlichkeit dieses Einsatzes hat an Priorität gewonnen. Die klassische Verteidigungsrolle der Armee gerät hingegen immer mehr in den Hintergrund. Gefragt sind Einsätze, die wahrscheinlich sind.

Gefragt – zumindest in der SiK – ist offenbar auch die Beschaffung 22 neuer Kampfflugzeuge noch vor dem Jahr 2015. Ist das sinnvoll?

Ich denke schon. Gemäss einer Berechnung der Luftwaffe kann eine Flotte mit 33 Kampfflugzeugen nach zwei Wochen einen geforderten Luftpolizeidienst-Auftrag nicht mehr mit vier Flugzeugen während 24 Stunden aufrechterhalten.

Weshalb nicht?

Aufgrund des hohen Instandhaltungsbedarfs nimmt die Zahl der gleichzeitig operierenden Flugzeuge stetig ab, bis sie auf Null sinkt.

Die Zahl 33 entspricht exakt der Zahl der F/A-18 der Schweizer Luftwaffe.

Ja, denn nur die Hornet kommt für einen Einsatz rund um die Uhr infrage. Der Tiger kann bei schlechtem Wetter und bei Nacht nicht eingesetzt werden.

Wie oft ist ein solcher Einsatz rund um die Uhr über einen Zeitraum von zwei Wochen nötig?

In den letzten Jahren hatten wir das immer wieder; beim WEF, bei einem G8-Treffen oder beim Frankophonie-Gipfel in Montreux.

Offenbar klappte der Luftpolizeidienst in allen diesen Fällen – auch ohne Ersatz für den Tiger.

Aber nur weil die Einsätze weit im Voraus geplant werden konnten und nicht länger als 14 Tage dauerten. Eine erhöhte Alarmbereitschaft sollte jedoch problemlos über Monate aufrechterhalten werden können. Derzeit können wir das nur zu Bürozeiten garantieren.

Das liegt aber auch daran, dass die Kampflugzeuge «immer» bei den Mechanikern sind. Gemäss einem Bericht des Verteidigungsdepartements haben moderne Kampfflugzeuge eine Flottenverfügbarkeit von durchschnittlich nur 50 Prozent.

Das ist absolut normal und sogar ein guter Wert. Wir haben eine sehr hohe Einsatzbereitschaft. Hightech braucht nun mal viel Unterhalt. Anders als ein Auto, das man auch dann noch fahren kann, wenn einiges nicht mehr in Ordnung ist, gilt in diesem Business ein Null-Tolleranz-Ansatz als Mindestlösung.

Christophe Keckeis (66) war von Anfang 2004 bis Ende 2007 der erste Chef der Armee. (Archivbild: Keystone/Peter Klaunzer)

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