Leser stellen sich vor: «Die Welt ist nicht so gefährlich, wie es scheint»
Aktualisiert

Leser stellen sich vor«Die Welt ist nicht so gefährlich, wie es scheint»

Claudio Sieber ist ein waschechter Weltenbummler. Mit seiner Kamera bereist er die Welt und lernt dabei vor allem sich selbst kennen.

von
G. Hummel
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Claudio Sieber hat uns eine Auswahl von Bildern geschickt, die er während seiner Reise aufgenommen hat. Dazu sind die jeweiligen Blogeinträge vermerkt. Dieses Foto schoss er im Antilope Canyon, USA.

Claudio Sieber hat uns eine Auswahl von Bildern geschickt, die er während seiner Reise aufgenommen hat. Dazu sind die jeweiligen Blogeinträge vermerkt. Dieses Foto schoss er im Antilope Canyon, USA.

Mono Lake, USA

Mono Lake, USA

Vermillion Cliffs, USA

Vermillion Cliffs, USA

Nachdem Pamela und Andreas Hutter in der vergangenen Woche von ihrer Camper-Reise auf der Panamericana berichteten, erzählt nun Weltenbummler Claudio Sieber von seiner Langzeitreise. Er hat die Schweiz im Januar 2014 ohne einen Plan hinter sich gelassen. Nur eines wusste er: Er wollte das Burning Man Festival in der Wüste Nevadas erleben. Seitdem konnte er noch einiges mehr in seinen Koffer voller Erfahrungen packen. Immer mit dabei: Die Kamera, mit der er unglaublich poetische Bilder schafft.

Claudio, was ist das Wichtigste in deinem Gepäck?

Ein T-Shirt, das ich mindestens jeden zweiten Tag trage, die elefantöse Kameraausrüstung und mein gefälschter Studentenausweis.

Was hast du schon nach kurzer Zeit auf der Reise weggegeben?

Meine Uhr hat mir in Südamerika sowieso nichts genützt, die italienische Kaffeemaschine und den geregelten Tagesablauf.

Wo befindest du dich jetzt?

Ich bin seit zwei Monaten in Nepal. Mit den Fingern im abendlichen Dal Bhat manschen, einsame Bergwege abtreten, Land und Leute unterstützen und konsumieren: Der Reisebatzen ist in Nepal gerade jetzt richtig ausgegeben, denn seit dem Erdbeben und den medialen Nachwehen kommt niemand mehr, obwohl alles in Ordnung ist.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?

Sich von seiner Heimat abzumelden, birgt ekligen Bürokram. Die Visa-Fragen abzuklären, war sicher nicht verkehrt. Zusätzlich ein strenges 6-Jahres-Haushaltsbudget, Rappen spalten und aufs Land ziehen.

Warum hast du diese Route gewählt?

Sechs Monate die gleiche Sprache, verschwenderische Natur, kein Visum-Schnickschnack – Südamerika war ein optimaler Start! Sommer und Herbst waren ideal für einen Road-Trip quer durch die USA. So endet man im kanadischen Winter, fliegt dann für wenig Geld in die Ferien nach Hawaii und kommt erholt zur Kirschblütensaison nach Japan. Der Rest ergab sich irgendwie.

An welchen Ort würdest du sofort zurückkehren?

In die Lagunenlandschaft Lencois Maranhenses in Brasiliens Norden, wo ich barfuss mit dem Zelt unterwegs war.

Wer ist die aussergewöhnlichste Person, die du bis jetzt kennengelernt hast?

Mir fällt spontan John K. ein. Der 53-jährige amerikanische Aussteiger wandert seit sechs Jahren alle isolierten Pfade ab und durchforstet täglich im Gratis-Wi-Fi von McDonald's Satellitenbilder nach nahegelegenen Wäldern. «Eine Gratis-Übernachtung ist gleich ein Tag mehr reisen», meint er. Nicht gerade mein Reisevorbild, aber ein brillanter Geschichtenerzähler.

Andere positive Erlebnisse?

Die positivsten Erlebnisse sind stets diejenigen, die direkt nach den negativen folgen. Lösungen, die sich ergeben, wenn etwas gerade aussichtslos erscheint, und natürlich die daran beteiligten Menschen.

Und wo liegt der Haken respektive das Negative?

Das stetige Gefühl, dass die Erde einfach zu gross ist, egal, wie viel Zeit man hat.

Womit beschäftigst du dich unterwegs?

Ohne Hobby oder Arbeit geht vielen unterwegs der Schnauf aus. Der ungebrochene Entdeckungs- und Wissensdurst ist mein Motivator. Aber als tüchtiger Schweizer bin auch ich nicht gefeit vor Langeweile. Schon vor der Abreise habe ich mich dazu entschieden, die Schönheiten und Kuriositäten unserer Welt bestmöglich festzuhalten. In Schrift und vor allem in Bild auf Blog und Website (siehe Steckbrief).

In deinem Blog steht: «Die wahre Kunst des Reisens besteht darin, jeden Tag, jede Sekunde zu geniessen, die Gegenwart zu leben und zu lieben.» Wie schaffst du das?

Wie der nächste Tag wird und was für Menschen ich dabei kennenlerne, ist immer eine Überraschung. Folglich auch nicht immer einfach. Also bescheiden sein und vor allem: akzeptieren. Wer schon bei 50 Grad in einem unklimatisierten Lotter-Bus durch Rajasthan gefahren ist – begraben unter der Hälfte eines dicken Inders – ahnt, was ich meine.

Da steht auch, dass Reisen bildet: Was hast du gelernt?

«Du kannst ein Buch kaufen, aber nicht das Wissen», sagen sie in China. Wer aber mit offenen Augen und Ohren die Welt bereist, dem werden täglich Geschichten erzählt. Ich lerne, wieso Dinge sind, wie sie sind. Ohne meinen Blog könnte ich das kaum alles verarbeiten. Darüber hinaus lernt der Weltenbummler während der Reise auch sich selbst deutlich besser kennen.

Welchen Ratschlag gibst du Menschen, die auch gerne so eine Reise antreten wollen?

Abreisedatum nageln, ein fettes Sparschwein aufstellen und dann raus aus der Komfortzone! Es lohnt sich. Die Welt ist nicht so gefährlich, wie es scheint. Aber Achtung, die Suchtgefahr ist gross.

Leser stellen sich vor

In dieser Serie stellen sich Leser aus den verschiedensten Bereichen und Hintergründen vor. Jede Woche wird ein Leser zu einem monatlich wechselnden Thema interviewt. Das Thema Ende Juli und August: Langzeitreisende.

Alle Interviews der Serie «Leser stellen sich vor» finden Sie hier>>

Namen: Claudio Sieber

Alter: 33

Wohnort in der Schweiz: St. Gallen

Unterwegs seit: Januar 2014

Unterwegs bis: unklar

Bisher bereist: Argentinien, Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Panama, Guatemala, Mexico, USA, Kanada, Hawaii, Japan, Südkorea, China, Indien, Nepal

Noch geplant: Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha, Malaysia, Borneo, Castaway auf einer einsamen Insel in Indonesien, Timor, Australien, Neuseeland, nochmals China, Iran, Kasachstan, Usbekistan, Senegal, Tanzania, Namibia

Website:travelbuddy.ch und claudiosieberphotography.com

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