Aktualisiert 02.11.2011 08:44

Mehr Arbeitslose

«Die Wende steht bevor»

Kahlschlag bei Banken und Pharma: Die Schweiz verliert Tausende qualifizierter Jobs. Dennoch muss die Schweiz weiter im Ausland rekrutieren, sagt Seco-Direktor Serge Gaillard.

von
Sabina Sturzenegger
Serge Gaillard ist Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco.

Serge Gaillard ist Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco.

Die CS , Novartis , Kudelski, die UBS – alle diese Schweizer Unternehmen kündigten in den letzten Wochen einen Stellenabbau an. Was bedeutet das für den Schweizer Arbeitsmarkt?

Serge Gaillard: Die Wende am Arbeitsmarkt scheint tatsächlich bevorzustehen. Wir gehen auf schwierigere Zeiten zu. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) sagt seit Längerem auf diesen Herbst einen Anstieg der Arbeitslosigkeit voraus. Diese Befürchtung bestätigt sich jetzt, leider.

Was war der Auslöser?

Nach einer Phase des starken Wachstums ist die Schweizer Wirtschaft durch den überbewerteten Franken gebremst worden. Das wirkt sich nicht zuletzt auch auf die Arbeitsmarktsituation aus. Die Frankenaufwertung hat die Rentabilität vieler Firmen verringert. Zudem sind die konjunkturellen Unsicherheiten insbesondere in Europa grösser geworden.

Was heisst das im Hinblick auf die Arbeitslosenzahlen?

Falls der Franken so teuer bleibt, wie er zur Zeit ist, wird die Arbeitslosigkeit in den nächsten zwölf Monaten steigen. Im Durchschnitt erwarten wir für das nächste Jahr eine Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent, verglichen mit heute 2,8 Prozent.

Wie lange wird die Durststrecke anhalten?

Die künftige Entwicklung hängt von zwei Faktoren ab: Wenn es die europäischen Staaten schaffen, die Schuldenkrise nicht zu einer Bankenkrise auswachsen zu lassen, wird es rascher wieder aufwärtsgehen. Und ein schwächerer Franken würde entlastend auf Industrie, Tourismus und Detailhandel wirken.

Es geht nicht mehr nur um ein paar einzelne Stellen, die abgebaut werden, die Zahlen gehen in die Tausende. Verträgt das die Schweiz?

Wir hoffen, dass die Unternehmungen möglichst viele Stellen in der Schweiz erhalten. Der Bundesrat hat auch eine finanzielle Unterstützung der Innovation und des Tourismus beschlossen. Gleichzeitig wurde der Rückgriff auf die Kurzarbeit erleichtert.

Bei Novartis werden Forschungsstellen abgebaut, im Finanzsektor trifft es die Investmentbanker. Offenbar sind jetzt auch die gut qualifizierten Jobs nicht mehr sicher.

Wir erwarten eine gespaltene Entwicklung für die nächsten Quartale. In den vom Wechselkurs abhängigen Branchen sind weiterhin auch qualifizierte Arbeitsplätze gefährdet. Das Baugewerbe, das Gewerbe, das Gesundheitswesen und die öffentliche Hand entwickeln sich demgegenüber weiterhin gut. Diese Branchen stabilisieren die Konjunktur.

Wie sieht es aus mit den ausländischen Fachkräften? Werden sie mit steigender Arbeitslosigkeit abnehmen?

Sollte sich die Wirtschaft weiter stark abschwächen, wird auch die Einwanderung abnehmen. Aber: Unserer Wirtschaft wird in gewissen Branchen – Bau und Gesundheitswesen – weiterhin das Fachpersonal fehlen. Wir werden daher weiter darauf angewiesen sein, dass wir sie im Ausland rekrutieren können.

Besteht nicht die Gefahr, dass wir jetzt schon wieder zu viele Forscher, Ingenieure und Finanzmarktspezialisten ausbilden?

Nein, längerfristig braucht die Schweizer Wirtschaft die qualifizierten Fachkräfte. Deshalb lohnt es sich immer, in Ausbildung zu investieren. Personen mit guter Ausbildung finden auch jetzt rascher eine Stelle.

Auch im Detailhandel gehen die Umsätze zurück. Was bedeutet das für die Angestellten?

Der Detailhandel steht durch die Auslandseinkäufe der Schweizer unter starkem Druck. Auch dort dürften die Arbeitsplätze eher abnehmen, wir erwarten aber keine grossen Entlassungswellen.

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