Aktualisiert 17.04.2019 07:03

Einst ausgestorben

Die Wildkatze erobert sich die Schweiz zurück

Nicht nur im Jura, sondern auch im Mittelland und im Alpenraum wurden in den letzten Jahren vermehrt Wildkatzen gesichtet. Was führte zur Renaissance der kleinen Raubtiere?

von
S. Ulrich
1 / 11
Auf dem Vormarsch: Die europäische Wildkatze breitet sich in der Schweiz wieder aus.

Auf dem Vormarsch: Die europäische Wildkatze breitet sich in der Schweiz wieder aus.

Michael Roeder
Während sie noch vor zehn Jahren ausschliesslich im Jura auftauchte, ist sie inzwischen ins Mittelland und bis in die Voralpen vorgedrungen.

Während sie noch vor zehn Jahren ausschliesslich im Jura auftauchte, ist sie inzwischen ins Mittelland und bis in die Voralpen vorgedrungen.

Pum_eva
Die Wildtierfachstelle Kora hat seit einigen Tagen im Bezirk Bucheggberg SO und in südlich angrenzenden Berner Gemeinden Fotofallen aufgestellt. Bereits an neun dieser Standorte wurden die flauschigen Jäger geknipst.

Die Wildtierfachstelle Kora hat seit einigen Tagen im Bezirk Bucheggberg SO und in südlich angrenzenden Berner Gemeinden Fotofallen aufgestellt. Bereits an neun dieser Standorte wurden die flauschigen Jäger geknipst.

Kora

Jahrzehntelang galt sie in der Schweiz als praktisch ausgerottet. Nun aber erobert sich die Europäische Wildkatze ihren Lebensraum nach und nach zurück – und breitet sich womöglich sogar darüber hinaus aus: Während sie noch vor zehn Jahren ausschliesslich im Jura auftauchte, ist sie inzwischen ins Mittelland und in die Voralpen vorgedrungen.

Das zeigen neuste Untersuchungen der Wildtierfachstelle Kora. Diese hat seit einigen Wochen im Bezirk Bucheggberg SO und in angrenzenden Berner Gemeinden Fotofallen aufgestellt. Bereits an neun dieser Standorte wurden die flauschigen Jäger geknipst. Eine derart hohe Zahl hat Projektleiterin Lea Maronde nicht erwartet. «Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Wildkatze in diesem Gebiet wieder angesiedelt hat», sagt die Wildtier-Ökologin.

Davor konnten bereits am Jurasüdfuss an zehn Standorten Schnappschüsse gemacht werden. Zudem lebt am Südufer des Neuenburgersees nachweislich eine Population.

Artenschutz, Zuwanderung, Klimawandel

Für die Ausbreitung der Wildkatze dürften unterschiedliche Faktoren verantwortlich sein. Zum einen ist die Art in der Schweiz seit 1962 geschützt (siehe Box). «Bis ein solcher Schutz greift und sich die Bestände erholen, dauert es eine Weile», sagt Maronde. Die Schweiz habe ausserdem wohl von der Zuwanderung aus Frankreich profitiert, wo die Tiere nie ganz verschwunden seien.

Ferner könnte die Verbesserung des Nahrungsangebotes, sprich die Erholung der Nagetierbestände, zur Renaissance der Wildkatzen beigetragen haben. Und auch der Klimawandel hatte wohl seine Finger im Spiel, verkürzt er doch die Perioden geschlossener Schneedecken, die die Jagd nach Wühlmäusen erheblich erschweren. «Das sind aber erst Spekulationen, zu denen noch keine gesicherten Daten vorliegen», mahnt die Wissenschaftlerin.

Im Tierpark Goldau kamen 2018 junge Wildkatzen zur Welt

Anpassungsfähiger als angenommen

Fest steht: Die Waldkatze, wie die Europäische Wildkatze auch genannt wird, ist anpassungsfähiger als bisher angenommen. Das zeigt eine Studie von Kora in Zusammenarbeit mit der ZHAW am Neuenburgersee, wo zehn Wildkatzen mit GPS-Halsbändern ausgerüstet wurden. «Sie sind nicht ausschliesslich an den Wald gebunden, sondern zum Teil auch auf Feldern und im Schilf unterwegs», so Maronde. Auch dies deute auf eine Zunahme der Population hin. «Je grösser die Dichte an Wildkatzen, desto eher suchen sie nach alternativen, geeigneten Lebensräumen.»

2011 schätzte das Bundesamt für Umwelt den Wildkatzen-Bestand in der Schweiz auf 450 bis 900 Tiere.

Paarung mit Hauskatzen kann gefährlich sein

Im Zuge ihrer Ausbreitung könnten sich Wildkatzen vermehrt mit freilaufenden Hauskatzen paaren. Die Vermischung, in der Fachsprache Hybridisierung genannt, stellt eine mögliche Bedrohung der Art dar. Aktuelle Forschungsergebnisse aus Frankreich und Deutschland hätten zwar gezeigt, dass die Hybridisierungsrate bei einer stabilen Dichte der Wildkatzenpopulation eher gering sei, sagt Maronde. «In Gebieten, in denen der Bestand noch gering ist, könnte es aber sein, dass Hybridisierung vermehrt auftritt, da die Wildkatzen keine Artgenossen zur Fortpflanzung finden.»

Um mehr darüber herauszufinden, werden jeweils mit Baldrian besprühte Lockpfosten zu den Fotofallen gestellt. Durch den Duft der Baldrianwurzel werden Wild- wie Hauskatzen angezogen. Maronde: «Die Katzen reiben sich manchmal daran und hinterlassen Haare, die für eine genetische Analyse genutzt werden können.»

Wildkatzen in der Schweiz

Die Wildkatze war im Mittelland und im Jura weit verbreitet. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie dort aber fast vollständig ausgerottet: Die Wildkatze gehöre zu den «schädlichsten Raubtieren unserer Heimat» und die Jäger hätten «allen Grund, diesem unheimlichen Gast auf jede mögliche Art nachzustellen», war in der Jagdliteratur zu lesen. Die starke Verfolgung und Bejagung der Wildkatze führte zum Zusammenbruch der Population. Seit 1962 ist die Wildkatze in der Schweiz geschützt. Ob die Wildkatze in der Schweiz jemals ganz ausgerottet war, ist unklar. Es fanden Auswilderungen statt. Aus Populationen vor allem aus dem Sundgau (Elsass) und Burgund ist die Wildkatze in den 1990er-Jahren wieder in den Jura zurückgekehrt. Von dort breitet sie sich nun weiter aus. (Quelle: Kora)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.