Bärenmann Bittner: «Die Wildnis von Alaska ist kein Streichelzoo»
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Bärenmann Bittner«Die Wildnis von Alaska ist kein Streichelzoo»

David Bittner kommt so nahe an Grizzlys heran wie sonst kaum jemand. Im Interview verrät er sein Geheimnis.

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Herr Bittner, würden Sie sich als Bärenflüsterer bezeichnen?

Nein, «flüstern» kann man mit den Bären in der Wildnis nicht. Kommunizieren hingegen schon. Körpersprache und auch die eigene Stimme setze ich oft ein, vor allem, um einen Bären in nächster Nähe zu beruhigen und um ihm deutlich zu machen, dass er nichts von mir zu befürchten hat.

Andere Bärenforscher berühren die Tiere. Sie nicht. Weshalb?

Es ist eine Art symbolische Grenze für mich und hat mit Respekt zu tun. Den sollte man selbst bei extrem vertrauten Tieren nie verlieren. Die Wildnis von Alaska ist schliesslich kein Streichelzoo, obwohl Berührungen durchaus möglich wären.

Sie sind promovierter Zoologe. Was halten Sie von Hobby-Wissenschaftlern?

Ich selbst bin kein Bärenforscher im eigentlichen Sinn, da die Tiere für mich lediglich Hobby und Passion sind. Ursprünglich reiste ich vor 13 Jahren wegen der riesigen Wildnis nach Alaska. Durch meine Doktorarbeit in Evolution und Ökologie sind aber viele Ideen entstanden. Ein eigenes Bären-Forschungsprojekt ist mein Traum.

Wie schaffen Sie es, so nahe an die Tiere heranzukommen?

Mit viel Geduld. Wobei nicht ich mich den Tieren annähere. Es sind stets die Bären, die sich so nah an mich herantrauen. Im Unterschied zu anderen Menschen lasse ich dies zu. Schliesslich ist es wichtig, zu erwähnen, dass nur ganz wenige Bären sehr standorttreu sind. Das ist die Voraussetzung, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Sie sind jeweils für Monate in der Natur. Fühlen Sie sich nie einsam?

Nein, denn es ist dauernd etwas los. Die Bären zeigen Verhaltensweisen, die sie selten vor mehreren Menschen demonstrieren. Etwa eine Mutter, die ihre Jungen säugt. Ich freue mich trotzdem schon auf den Tag, an dem ich meinen zwei Mädchen die Wildnis Alaskas und «meine» Bären zeigen darf.

Gab es auf Ihrer letzten Reise einen besonders bewegenden Moment?

Seit Jahren war ich wieder einmal im Frühsommer in Alaska , um das Paarungsverhalten der Bären zu dokumentieren. Da bin ich regelrecht zwischen die Fronten geraten, als zwei Kontrahenten um dasselbe Weibchen kämpften. Es flogen die Fetzen und das Blut spritzte. Es tut mir heute noch weh, wenn ich an die gewaltigen Kräfte der beiden dominanten Bären denke, wie sie sich gegenseitig bissen und sich mit voller Wucht die Pranken aneinanderschlugen.

Wie reagieren Sie, wenn ein Tier aggressiv wirkt?

Je nach Situation und Tier ganz anders. Ist es ein junges Männchen oder eine Mutter mit ihren Jungen? Intuitiv hoffe ich natürlich, dass ich korrekt reagieren würde. Bei einem jungen Männchen etwa wäre dies auf den Bären zugehen, ihn mit bestimmter, ernster Stimme laut ansprechen und falls ein unmittelbarer Körperkontakt bevorsteht, eine Prise Pfefferspray verabreichen. In der Nacht schützt mich ein Elektrozaun.

Erkennen Ihre Lieblingsbären Sie wieder?

Ja, mittlerweile bin ich überzeugt davon. Bären haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis und kennen einander individuell auch nach Jahren wieder. Aber das Vertrauen muss mit jeder Pause, jedem Winter, wo man sich nicht begegnet, entsprechend neu aufgebaut werden.

Sie sind auch als Reiseleiter tätig. Wie lassen sich Naturschutz und Tourismus vereinen?

Das ist eine Gratwanderung. Bei Reisen, die ich anbiete, ist es mir wichtig, auf bestehende Strukturen zurückzugreifen. So benützen wir ein Schiff als Basis, von wo aus Erkundungen am Tag durchgeführt werden. Obwohl auch dieser Sektor wächst, bewegen wir uns immer noch fern vom Massentourismus.

David Bittner (38) ist mit seinem neuen Vortrag "Unter Bären II" ab Anfang Januar auf Tournee durch die Schweiz. Weitere Infos: Explora.ch

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