«Die wollen uns terrorisieren»
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«Die wollen uns terrorisieren»

In den 120 Jahre alten Katakomben der Londoner U- Bahn riecht es immer merkwürdig. Aber dieser durchdringende Geruch wie von verbrannten Reifen ist diesmal irgendwie anders.

Und als das Rumpeln des Zuges dann auch noch von einem lauten Knall übertönt wird, ist es um die Ruhe der Passagiere geschehen. Panik bricht aus. Die Anschläge vor zwei Wochen haben die Londoner noch mit sprichwörtlichem britischen Understatement hingenommen - aber diesmal liegen auch ihre Nerven blank.

«Die Leute haben geschrien und sind in Panik verfallen», erzählt Sosiane Mohellavi, eine französische Muslimin. «Wir mussten die Notbremse ziehen. Ich zittere jetzt noch.»

Tammie Landau, eine andere U-Bahn-Passagierin, berichtet: «Als ich endlich raus war, hatte ich entsetzliche Angst.» In Windeseile verbreitet sich die Nachricht durch die Stadt. Das Fernsehen meldet: Anscheinend Explosionen in drei U-Bahnen und einem Bus - genau wie vor zwei Wochen.

Krisensitzung

In der ganzen Innenstadt heulen Sirenen. Das Regierungsviertel wird abgesperrt. Bürohäuser in der Innenstadt werden evakuiert. Polizisten gehen in Pubs und sagen zu den Gästen: «Bleiben Sie wo sie sind!» Mit vorgehaltener Maschinenpistole führen Polizisten vor der Downing Street einen Verdächtigen ab.

Spezialisten der Polizei in Schutzanzügen rücken an und prüfen, ob die U-Bahn-Stationen, in denen sich die Explosionen ereignet haben, chemisch oder radioaktiv verseucht sind. Das Horrorszenario von Polizei und Geheimdienst ist eine «schmutzige Bombe» mit radioaktiven Bestandteilen. Zum Glück sind die Ergebnisse negativ.

In der Downing Street tritt das Katastrophenkomitee der Regierung zusammen. In Grossbritannien, wo sich die hauptstädtische Polizei Scotland Yard nennt und der Geheimdienst MI6, heisst diese Gruppe Cobra - ein Name, der das Fernsehpublikum erschaudern lässt.

Unerwartet

Dann tritt der Scotland-Yard-Chef Sir Ian Blair vor die Kameras und sagt, es gehe um einen «schwerwiegenden Zwischenfall». Zwar sagt er auch, dass die Bomben diesmal viel kleiner gewesen sind als am 7. Juli und die Zahl der Verletzten gering ist. Aber kaum einer empfindet das als Entwarnung. Die Stadt ist wie gelähmt.

Mit einem Terroranschlag wie vor zwei Wochen hatten die Londoner irgendwann gerechnet - aber nicht mit neuen Explosionen innerhalb von zwei Wochen. Überall konnte man in letzter Zeit hören: «Wenigstens haben wir jetzt erst mal Ruhe - das waren sie jetzt, die Terroranschläge.»

Psychologische Wirkung

Selbst falls es diesmal keine Opfer gegeben haben sollte - die psychologische Wirkung der zweiten Anschlagsserie ist verheerend. «Das scheint jetzt Teil unseres Lebens geworden zu sein», sagt ein Londoner Passant. «Die wollen uns terrorisieren - das dürfen wir nicht zulassen.»

Auf einer Pressekonferenz ist Premierminister Tony Blair darum bemüht, sich möglichst unbeeindruckt zu zeigen. Zum australischen Premier John Howard sagt er: «Ich möchte mich für die Unterbrechung unserer Gespräche entschuldigen.»

Aber vom «Blitz Spirit», vom viel beschworenen Gleichmut der Kriegsjahre, redet an diesem Tag niemand mehr.

(sda)

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