Shutdown droht – «Die Wut der Geimpften hat ein beträchtliches Ausmass angenommen»
Publiziert

Shutdown droht «Die Wut der Geimpften hat ein beträchtliches Ausmass angenommen»

Die drohenden Freiheitsbeschränkungen für alle stossen den Geimpften sauer auf. Gesundheitspsychologin Urte Scholz hat dafür Verständnis. Sie warnt aber vor Häme und Spaltung.

von
Daniel Graf
1 / 7
Urte Scholz ist Professorin für Angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie und forscht an der Universität Zürich zu den Themen Gesundheitsverhaltensänderung und Stressbewältigung.

Urte Scholz ist Professorin für Angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie und forscht an der Universität Zürich zu den Themen Gesundheitsverhaltensänderung und Stressbewältigung.

Frank Brüderli
Sie hat Verständnis dafür, dass die Geimpften einen Groll gegen die Ungeimpften hegen. 

Sie hat Verständnis dafür, dass die Geimpften einen Groll gegen die Ungeimpften hegen.

20min/Marvin Ancian
«Wir können diese Krise beenden, wenn alle, die können, sich impfen lassen», sagt Scholz. 

«Wir können diese Krise beenden, wenn alle, die können, sich impfen lassen», sagt Scholz.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Die Corona-Taskforce des Bundes zeichnet ein düsteres Bild: Geht die epidemiologische Entwicklung so weiter wie bisher, droht schon im Dezember eine Überlastung des Gesundheitswesens.

  • Die Aussicht auf erneute Einschränkungen für alle, ruft bei denen, die sich impfen liessen und sich an die Massnahmen halten, Unverständnis und Groll hervor.

  • Das sei nachvollziehbar, sagt Gesundheitspsychologin Urte Scholz. Häme gegenüber kranken Ungeimpften sei aber komplett fehl am Platz.

«Wir müssen den Anstieg der Infektionszahlen jetzt bremsen, damit die Spitäler nicht schon im Dezember wieder in eine Situation kommen, in der sie nicht mehr alle Patienten mit den üblichen Standards behandeln können.» Das ist die zentrale Aussage der neuesten Lagebeurteilung der Corona-Taskforce des Bundes. Ob das klappt, ist für Experten und Expertinnen sowie Politiker und Politikerinnen alles andere als sicher. Gleichzeitig häufen sich gehässige Aussagen über Ungeimpfte, denen viele die Schuld dafür geben, dass die Pandemie noch nicht zu Ende ist. Gesundheitspsychologin Urte Scholz ordnet ein.

Die Wut der Geimpften nimmt angesichts drohender Freiheitsbeschränkungen für alle zu. Stellen Sie das auch fest?

Urte Scholz*: Ein gewisses Unverständnis und ein Groll gegenüber denjenigen, die sich seit Monaten impfen lassen könnten, das aber partout nicht tun wollen, ist durchaus feststellbar. Das ist übrigens auch kein ganz neues Phänomen seit Corona und wurde auch schon in Studien und Experimenten festgestellt.

Was für Studien?

Es gibt viel Literatur zum Thema Impfen. Es wurde etwa festgestellt, dass das Erreichen einer Herdenimmunität durch eine Impfung als eine Art sozialer Vertrag angesehen wird, zu dem alle ihren Teil beizutragen haben. Wer diesen Vertrag bricht, demgegenüber hegen diejenigen, die sich daran halten, negative Gefühle. Das lässt sich auf die aktuelle Situation und die Bemühungen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, übertragen.

«Bei den Masern hat man vielleicht mit den Freunden einmal darüber gesprochen, dass man es doof findet, wenn jemand seine Kinder nicht impfen lässt.»

Besteht die Gefahr, dass die Wut der Geimpften irgendwann eskaliert?

Mit der globalen Corona-Pandemie hat sie definitiv ein beträchtliches Ausmass angenommen. Bei den Masern etwa hat man sich vielleicht im engen Freundes- oder Familienkreis darüber unterhalten, dass man es nicht nachvollziehen kann oder doof findet, wenn jemand seine Kinder nicht impfen lässt. Die starke Ausbreitung des neuen Coronavirus und die notwendigen Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie treffen aber fast jeden und in teilweise gravierendem Ausmass, dementsprechend ist auch die Empörung grösser. Das ist bis zu einem gewissen Grad auch legitim. Eine neue Eskalationsstufe sehe ich derzeit aber nicht.

Welche Rolle spielen Demos und Social Media?

Auf Social Media werden Meinungen oft ungefiltert wiedergegeben. Das kann zu einer wüsten Diskussionskultur und zu Angriffen auf persönlicher Ebene führen, was einer Deeskalation sicher nicht zuträglich ist. Zu Demonstrationen der Geimpften auf der Strasse wird es aber wohl nicht kommen. Schliesslich würde das den Empfehlungen zur Pandemiebekämpfung – Abstand halten, Menschenmengen meiden – diametral widersprechen. Es gab aber bereits online Demonstrationen der Geimpften, etwa auf Twitter, mit vielen Teilnehmenden.

«Ich habe Verständnis für die Wut der Geimpften – es gibt aber Grenzen.»

Haben Sie Verständnis für die Wut der Geimpften?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Wir können diese Krise in den Griff bekommen, wenn sich alle, die können, impfen und boostern lassen. Länder wie Portugal machen vor, dass eine hohe Impfquote ein guter Weg ist, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten. Es gibt aber Grenzen. Ich habe etwa überhaupt kein Verständnis für Leute, die sich hämisch äussern, wenn Impfverweigerer schwer krank im Spital landen oder fordern, dass ungeimpften Menschen die medizinische Versorgung verweigert werden sollte.

Was macht es mit der ungeimpften Minderheit, wenn sie ständig angefeindet werden?

Für sie ist die Situation ebenfalls kompliziert. Ausdrücke wie «Pandemie der Ungeimpften», die ursprünglich die Wirksamkeit der Impfung betonen sollten, laden auch zur Diskriminierung ein. Und es ist klar, dass sich niemand gerne diskriminiert fühlt. So verhärten sich die Fronten. Das hat sich auch in repräsentativen Umfragen schon gezeigt. Ein beträchtlicher Teil der Ungeimpften lässt sich nicht impfen, weil sie sich zu stark unter Druck gesetzt fühlen.

Wie kommen wir da wieder raus?

Das ist eine gute Frage. Für eine konstruktive Lösungssuche sind jedenfalls zu starke Emotionen auf beiden Seiten nicht hilfreich.

Droht ein langfristiger gesellschaftlicher Schaden?

Zukunftsprognosen sind immer schwierig und das hängt sicher auch mit der weiteren Entwicklung der Pandemie und ihrem Umgang zusammen. Sollte es tatsächlich wieder zu harten Einschränkungen für alle kommen, wird das Wieder-Zueinanderfinden sicher nicht leichter. Nur wenn wir die Pandemie endlich unter Kontrolle bekommen, werden wir uns hoffentlich wieder beruhigen, sozialen Austausch pflegen und dabei über andere Themen sprechen.

*Urte Scholz ist Professorin für Angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie und forscht an der Universität Zürich zu den Themen Gesundheitsverhaltensänderung und Stressbewältigung.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

479 Kommentare