Kinderzahnarzt warnt: «Die Zähne zerbröseln geradezu im Mund»
Aktualisiert

Kinderzahnarzt warnt«Die Zähne zerbröseln geradezu im Mund»

Ein beängstigendes Phänomen beschäftigt derzeit Kinderzahnärzte. Sie behandeln immer öfter Kinder mit spröden, porösen und braunen Backenzähnen. Niemand weiss, was dahintersteckt.

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Immer mehr Kinder liegen bei Kinderzahnärzten auf der Patienten-Liege, weil ihre neuen Backenzähne verfärbt, porös und spröde sind (im Bild rechts). Sie leiden an der Krankheit MIH, woher diese kommt, weiss noch niemand.

Immer mehr Kinder liegen bei Kinderzahnärzten auf der Patienten-Liege, weil ihre neuen Backenzähne verfärbt, porös und spröde sind (im Bild rechts). Sie leiden an der Krankheit MIH, woher diese kommt, weiss noch niemand.

Herr Ammann*, wie schlimm ist das Phänomen der bröckelnden Zähne bei Kindern?

Die Situation ist schlimm und vor allem unheimlich. Wir beobachten dieses Phänomen seit mehreren Jahren mit grosser Besorgnis. Immer mehr Kinder im Alter von sechs Jahren weisen Backenzähne auf, die kurz nachdem sie das Zahnfleisch durchstossen haben bereits braun verfärbt und porös sind.

Wovon sprechen wir genau?

Die Krankheit nennt sich MIH, Molaren-Incisiven-Hypoplasie. Das ist grundsätzlich eine Reifungsverzögerung des Zahns, der letzte Reifungsschritt findet nicht statt. Die Schmelz bildenden Zellen werden gestört und der Zahn erscheint im Mund mit zu wenig Kalzium. Die betroffene Person hat aber sonst keinen Kalziummangel.

Und wie viele Kinder sind davon betroffen?

Ungefähr 30 Prozent der Kinder in der Schweiz leiden an der Krankheit MIH. Beim grössten Teil sind die Konsequenzen aber harmlos. Sie haben lediglich weisse oder gelbe Wölkchen auf den Zähnen. Bei diesen Kindern findet der letzte Reifungsschritt der Zähne im Mund statt und sie merken vom ursprünglichen Defekt nichts mehr.

Aber?

Aber bei gewissen Kindern ist die Situation katastrophal. Sie haben eine dermassen starke Ausprägung, dass die ersten Backenzähne geradezu im Mund zerbröseln. Dagegen kann man nichts tun. Flicken ist nicht mehr möglich, wir müssen den Zahn ziehen, was dann zu Problemen bei der Zahnstellung führt.

Und was steckt hinter dieser Krankheit?

Das weiss niemand. Weltweit wird geforscht. Wir haben den Eindruck, dass dieses Phänomen vor allem in industriellen Ländern vermehrt auftritt.

Aber es gibt bestimmt Theorien?

Ja, natürlich viele. Aber keine macht Sinn.

Inwiefern?

Obwohl man früher Antibiotika verdächtigte, können diese mittlerweile als Ursache ausgeschlossen werden. In Verdacht stehen heute die Weichmacher Bisphenol A, die in Plastik enthalten sind. Über Trinkwasser wurde auch schon spekuliert.

Und was geht bei diesen Theorien nicht auf?

Sie scheitern alle an derselben Frage: Wieso sind nur die ersten Backenzähne betroffen und die folgenden Zähne nicht? Nehmen wir an, Bisphenol A ist ein möglicher Grund. Das heisst, Kleinkinder trinken aus Flaschen, lutschen an Schnullern und beissen auf Geschirr, dass diesen Weichmacher enthält. Wenn Bisphenol A tatsächlich MIH auslösen würde, dann wären mehrere Zähne betroffen.

Und was bedeutet das jetzt für die Zukunft?

Wir können nur hoffen, dass man in der Forschung bald vorankommt und die Ursache herausfindet. Die Situation ist wirklich ernst zu nehmen. Das Problem ist nicht nur das ungelöste Rätsel um die kaputten Zähne selbst.

Was noch?

Einerseits ist es für das Kind eine grosse Stresssituation. Weil die Kinder vom Ausmass der Behandlungsnotwendigkeit überfordert sind, brauchen sie manchmal schon im Alter von sechs Jahren eine Vollnarkose und verlieren ihre ersten bleibenden Zähne. Andererseits machen sich die Eltern Vorwürfe, fragen, was sie falsch gemacht haben. Und wir können es nicht sagen, weil wir es selbst nicht wissen. Dazu kommt der finanzielle Aspekt. Die Krankenkassen übernehmen die Zahnarztkosten nicht, weil dieses Problem im Katalog der Pflichtleistungen nicht aufgeführt ist. Aufgrund der Krankheit kann das ganze Gebiss betroffen sein, das wird dann leider sehr teuer.

*Rolf Ammann führt eine Kinderzahnarztpraxis in Zürich und ist Lehrbeauftragter an der Universität Zürich

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