Aktualisiert 17.03.2011 18:17

AKW ausser Kontrolle«Die Zahl der Krebsfälle wird steigen»

Japan kämpft gegen den Super-Gau. Wie der Kampf auch ausgeht, die Bevölkerung bezahlt den AKW-Unfall mit ihrer Gesundheit, sagt Experte Edmund Lengfelder.

von
A. Mustedanagic

Das AKW Fukushima I ist längst ausser Kontrolle. 50 Techniker versuchen mit allen Mitteln das Unvermeidliche zu verhindern: den Super-Gau. Dass es klappt, glauben die wenigsten Experten. Die Zeit läuft gegen die Japaner: Im Lagerbecken von Reaktor 4 sollen die gebrauchten Brennstäbe bereits in weniger als 48 Stunden auf dem Trockenen liegen. Kommt es soweit, ist zu befürchten, dass die Strahlung dramatisch steigt und unzählige strahlende Nuklide in die Luft abgegeben werden. Nicht einmal die Betreiberfirma «Tepco» bestreitet, dass dann das AKW komplett aufgegeben werden muss. Wie es in diesem Fall weiter gehen soll, weiss keiner. Ein Szenario für einen solchen Fall gibt es nicht. Sicher ist: Die Strahlung wird zur tödlichen Gefahr.

Bereits jetzt gibt es für Edmund Lengfelder keinen Zweifel: «Der Reaktorunfall wird auf jeden Fall gesundheitliche Folgen für die japanische Bevölkerung haben – auch bei nur geringer Strahlendosis», sagt der Strahlenexperte zu 20 Minuten Online. Seit 20 Jahren forscht und arbeitet der Strahlenbiologe im weissrussischen Gomel. Er hat nach dem Unglück von Tschernobyl und dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der am meisten kontaminierten Gegend ein Institut errichtet. Über 100 000 an der Schilddrüse erkrankte Menschen hat er seither medizinisch betreut. Lengfelder befürchtet für Japan ein ähnliches Szenario. «Die Leute werden nicht tot umfallen oder an akuter Strahlenkrankheit sterben, aber die Zahl der Krebsfälle wird ansteigen.»

Nach Tschernobyl starb jeder achte Helfer

Die Sowjetunion bekämpfte die Kontaminierung im Gebiet um Tschernobyl mit grossem Aufwand. 800 000 Liquidatoren (Katastrophenhelfer) waren nach der Havarie im Einsatz. Tausende dekontaminierten die Strassen, Städte und ganze Gebiete. Hunderte bekämpften direkt am AKW die Katastrophe. Von den jungen Soldaten und Experten sind 25 Jahre später 100 000 tot, sagt Lengfelder. Rund 50 starben unmittelbar nach der Katastrophe, sie waren direkt am AKW tätig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA behaupteten bis 2007, die 50 toten Arbeiter seien die einzigen Opfer der Havarie gewesen. Die Zahl wurde inzwischen auf 14 000 bis 17 000 nach oben korrigiert. Das Ausmass des AKW-Unfalles sei aber noch um ein Vielfaches grösser, sagt Lengfelder. «Die Zahl der Krebspatienten ist in allen kontaminierten Städten und Gebieten in die Höhe geschnellt.»

Nach Angaben von Lengfelder war in Gomel - 140 Kilometer von Tschernobyl entfernt - die Zahl der an Schilddrüsenkrebs erkrankten Erwachsenen in den Jahren nach Tschernobyl sechs Mal höher als zuvor. Welche Auswirkungen der Unfall in Fukushima I für die japanische Bevölkerung haben wird, ist schwierig abzuschätzen, sagt Lengfelder. «Angesichts der Tatsache, dass das Gebiet um Fukushima 20- bis 25-Mal dichter bevölkert ist als das Gebiet um Tschernobyl und angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Spaltprodukte – der sogenannten Radio-Nuklide – in den westlichen Reaktoren 20-Mal höher ist, darf damit gerechnet werden, dass wohl sehr viel mehr Menschen erkranken werden als nach Tschernobyl.»

30-mal mehr Krebs bei Kindern

Wie viele Opfer das AKW Fukushima I tatsächlich fordert, bleibt selbst bei offener Kommunikation unfassbar. Zu befürchten ist eine Schönung der Daten, sagt Lengfelder. «Die IAEA hat bei Tschernobyl die Opferzahlen verschleiert und sie wird es wohl auch nach Japan tun.» Nach Tschernobyl habe man der Welt 1991 verkündet, dass die Strahlung keine Gesundheitsschädigungen für die Bevölkerung nach sich gezogen habe. Bereits bekannt waren zu diesem Zeitpunkt allerdings die medizinischen Daten, dass 1990 die Zahl an Schilddrüsenkrebs erkranter Kinder 30 Mal höher war als durchschnittlich in den zehn Jahren zuvor. «200 westliche und 500 sowjetische Experten haben dies in eineinhalb Jahren erforscht und festgestellt. Sie hatten den 100-prozentigen Beweis und dennoch machte die IAEA falsche Aussagen.»

Einen Vorwurf macht der Strahlenbiologe auch den japanischen Behörden und den AKW-Betreibern. «Sie hätten das gefährdete Gebiet um das Kernkraftwerk schneller evakuieren sollen», so Lengfelder. Die Infrastruktur vor Ort sei zweifellos schwierig, doch man hätte schneller reagieren müssen. «Die Verantwortlichen glaubten die Situation in den Griff zu kriegen, dahinter standen klar auch finanzielle und wirtschaftliche Motive.» Der Vorwurf gegen die Betreiber ist nicht der erste und wohl auch nicht aus der Luft gegriffen. «Tepco» wollte gemäss Gerüchten zunächst kein Meerwasser für die Kühlung der Anlage verwenden, weil das Salz die Anlage beschädigt.

«Es wurde wohl versucht die Anlage zu retten», glaubt auch Hans Wanner, Direktor der Schweizer Nuklearinspektorats. Über das zögerliche Vorgehen der Japaner schüttelte Wanner an der Pressekonferenz des Bundes am Donnerstag regelrecht den Kopf. «Wir verstehen auch nicht, warum sie eine Woche gebraucht haben, bevor sie nun versuchen eine neue Stromleitung zum AKW zu ziehen», so Wanner weiter. Ob es Schlamperei ist oder aufgrund der zerstörten Infrastruktur nicht schneller ging, «ist im Moment schwierig zu sagen», sagt Wanner.

Strahlenexperte Lengfelder fordert flächendeckende Messungen in Japan - idealerweise von unabhängigen Stellen. Die Strahlungsbelastung könne von Ort zu Ort unterschiedlich sein - auch ausserhalb der Sperrzone. «Es kann sein, dass gewisse Gebiete nicht mehr bewohnbar sein werden. Sicherheit wird man erst haben, wenn zuverlässige Messdaten vorhanden sind.» Davon kann bisher keine Rede sein: Die Betreiberfirma «Tepco» und die japanischen Behörden informieren nur sparsam über Strahlungswerte.

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