Aktualisiert 21.04.2020 18:14

Epidemiologe

«Die Zahlen können jederzeit wieder steigen»

Rückläufige Infektionszahlen und die Aussicht auf Lockerungen verleiten dazu, die BAG-Massnahmen nicht mehr ernst zu nehmen. Das ist gefährlich, sagt ein Experte.

von
Daniel Graf

Das Coronavirus verbreitet sich in der Schweiz so langsam wie seit Mitte März nicht mehr: Nur noch 119 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden gab das BAG am Dienstag bekannt. Diese positive Entwicklung führt offenbar dazu, dass die Menschen euphorisch werden: Draussen sind wieder mehr Leute anzutreffen und sie scheinen sich weniger gut an die Abstandsregeln zu halten (siehe Video).

Politiker wollen deshalb nun einen schnelleren Ausstieg aus dem Lockdown: Die Aargauer Regierung fordert den Bundesrat auf, eine Öffnung sämtlicher Läden schon am 27. April zu prüfen. Und auch die SVP fordert grosszügige Lockerungen bereits am 11. Mai.

«Die Gefahr ist noch nicht gebannt»

Diese Entwicklungen bereiten dem Epidemiologen Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel Sorgen. Dass wir die erste Welle ohne Zusammenbruch des Gesundheitssystems gemeistert haben, sei positiv, sagt er. Er warnt aber gleichzeitig: «Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Wir müssen nach wie vor davon ausgehen, dass die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht infiziert wurde und keine Immunität hat.»

Neher hält fest: «Der Ausbruch kann jederzeit wieder wachsen, die Zahlen wieder ansteigen.» Die Forderung, dass schon am 11. Mai von Fitnesszentren über Kinos bis hin zu Restaurants sehr viele Einrichtungen wieder öffnen sollen, hält Neher nicht für vernünftig: «Jetzt innerhalb weniger Wochen wieder in den Normalzustand zu wollen, wäre unverantwortlich. Ich begrüsse die Strategie in Schritten des Bundesrats», sagt Neher.

«Wir kommen nur schrittweise wieder in die Normalität»

Auch Kritik am Entscheid des Bundesrats, die Wirtschaft und das öffentliche Leben mit dem Lockdown grösstenteils stillzulegen, hält Neher nicht für angebracht: «Die Hygiene- und Abstandsrichtlinien und die freiwillige Verhaltensänderung der Bevölkerung haben geholfen. Dennoch war der Lockdown wichtig, denn wir mussten die Ausbreitung nicht nur verlangsamen, sondern erreichen, dass die Fallzahlen runtergehen. Das haben wir mit dem Lockdown erreicht.»

Wie es nun weitergeht und wie hoch die Gefahr einer zweiten Ansteckungswelle ist, ist laut Neher schwierig zu sagen: «Das hängt entscheidend davon ab, wie die Politik und die Bevölkerung auf das Virus reagieren.» Er verstehe den Drang der Menschen, nach mehr als einem Monat im Lockdown wieder nach draussen zu gehen und in die Normalität zurückzukehren. «Deshalb ist es umso wichtiger, herauszufinden, welche Massnahmen wirken und welche aufgehoben werden können – und das kann nur bei einer schrittweisen Lockerung gelingen.»

«Riskieren einen Wiederanstieg der Zahlen»

Neher erinnert daran, dass sich Veränderungen im Verhalten der Menschen erst zwei bis drei Wochen später tatsächlich in den Daten widerspiegeln: «Wenn wir jetzt Ermüdungserscheinungen zeigen und das Social Distancing nicht mehr ernst nehmen, riskieren wir, dass die Infektionszahlen dann wieder ansteigen.»

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