Tiere in der Manege: «Die Ziege kann nicht über den Teller laufen»
Aktualisiert

Tiere in der Manege«Die Ziege kann nicht über den Teller laufen»

Der Wildtierspezialist Peter Schlup hat für den Tierschutz die Schweizer Zirkusse geprüft. Sein Fazit: Es hat sich vieles verbessert. Ausser beim Zirkus Royal.

von
Joel Bedetti
Heikle Sache: Die Elefanten, ein Höhepunkt in der Show des Zirkus Knie.

Heikle Sache: Die Elefanten, ein Höhepunkt in der Show des Zirkus Knie.

20 Minuten Online: Herr Schlup, Sie haben für den Schweizer Tierschutz wieder die Zirkusse unter die Lupe genommen. Wie gingen Sie vor?

Peter Schlup: Wir waren ein Dreierteam. Ich als Zoologe, eine weitere Zoologin und eine Tiermedizinerin. Wir besuchten die Zoos und die Vorstellungen der drei grossen Zirkusse Knie, Nock und Royal. Beim Zirkus Royal durfte ich aber nicht in die Vorstellung, weil ich dort Hausverbot habe.

Wie kommt das?

Als wir mit dem letztjährigen Report die Zirkusse in einigen Punkten kritisierten, reagierten die sehr unterschiedlich. Der Zirkus Knie war wie immer sehr an unserer Meinung interessiert und hat seither viel verbessert. Der Zirkus Nock reagierte zwar mürrisch, nahm dann aber trotzdem fast alle Kritikpunkte ernst und übertraf unsere Erwartungen. Der Zirkus Royal reagierte hingegen mit einem Hausverbot.

Zirkustiere werden ein- und ausgeladen, dressiert und müssen in einer Manege mit Licht und Musik auftreten. Haben sie ein schlechtes Los gezogen?

Das kann man so nicht sagen. Es kommt darauf an, wie man sie behandelt. Mit der richtigen Ausbildung, einer guten Organisation und einigen Investitionen kann man viel bewirken und den Tieren ein anständiges Leben ermöglichen – es ist einfach eine Herausforderung.

Geben Sie konkrete Beispiele, was verbessert wurde.

Sowohl der Zirkus Nock als auch der Zirkus Knie haben die Boxen für ihre Pferde vergrössert. Letzterer mietet sogar an jedem Standort eine nahegelegene Weide, zu der sie täglich hingefahren werden. Der Zirkus Nock gab den Tieren mehr Spielgeräte. Zudem führte er letztes Jahr eine Gans, die in einer Pfütze baden musste. Heuer waren da zwei Gänse. Das war nötig, denn das Tier lebt im Rudel. Und aus der Pfütze ist ein Becken geworden.

Wie kann man eine Zirkusshow tierfreundlich gestalten?

Der Dompteur darf vom Tier nichts verlangen, was es nicht kann. Der Zirkus Royal liess eine Ziege über einen Teller laufen. Damit hat eine Ziege extrem Mühe. Sie über einen Balken laufen zu lassen, wäre kein Problem.

Was ist weiter wichtig?

Der Dompteur muss dem Tier klar signalisieren, was er von ihm will. Er darf es nicht verwirren und so unter psychischen Druck setzen. Das ist eine Kunst. Wichtig ist auch, dass der Dompteur den Anreiz für die Tiere nicht durch Bestrafung, sondern durch Belohnung setzt.

Waren Sie da zufrieden?

Auch in diesem Punkt hatten wir das Gefühl, dass im Knie und im Nock die Tiere respektiert wurden und die Peitsche nicht als Strafinstrument verwendet wurde. Meine Kolleginnen berichteten mir vom Zirkus Royal das Gegenteil. Ein Dompteur habe gepeitscht, während ein Tier eine Pirouette drehte – das hat das Tier natürlich nur verwirrt.

Kann ein guter Dompteur auch eine Show mit Raubkatzen machen, die sich mit Tierschutz verträgt?

Nein. Ich bin der Meinung, Raubkatzen sind Wildtiere, die einen grossen Freilauf brauchen. Ein Tiger im Zürcher Zoo hat 1400 Quadratmeter zur Verfügung. Das ist okay. Aber ein Zirkus kann das unmöglich bieten. Der Zirkus Knie verzichtet seit längerem auf Raubtiere, der Zirkus Nock hat heuer seine geplante Nummer kurzfristig abgesagt. Nur der Zirkus Royal führt Raubkatzen.

Wie steht es mit Elefanten?

Heikel. Ich bin froh, dass lediglich die Knies Elefanten haben. Dieser Zirkus hat den Willen, das Wissen und die Grösse, den Tieren ein erträgliches Leben zu gestalten und genügend Freiraum zu geben. Beim Zirkus Knie kümmern sich inzwischen auch Zoologen um das Befinden der Tiere.

Pferde?

Kein Problem. Sie sind domestiziert, von klein auf an Menschen gewöhnt und lassen sich gut dressieren. Wenn man ihnen genügend Auslauf gibt, habe ich da keine Bedenken.

Wie kommen Sie eigentlich bei der Öffentlichkeit mit der Zirkus-Kritik an? Bis vor einigen Jahren war es noch klar, dass der Höhepunkt einer grossen Zirkusshow die Löwennummer ist.

Es hat sich sehr viel getan. Nicht nur die Zirkusse haben sich massiv verbessert, auch die Zoos geben sich Mühe. In der Bevölkerung wächst die Sensibilität für Tierschutz. Man darf heute auch laut fragen, ob Zirkusse überhaupt Tiere halten sollzen. Die Leute, die sich unkritisch auf Kosten der Tiere unterhalten wollen, werden immer weniger.

Herr Schlup, gehen Sie selbst auch in den Zirkus?

Ja, sehr gerne sogar. Ich kann es auch verantworten, ab und an Nummern mit domestizierten Tieren zu geniessen. Aber idealerweise funktioniert ein Zirkus für mich nur mit Menschen. Ich liebe Akrobaten. Deshalb gehe ich sehr gerne in den Zirkus Monti.

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