Aktualisiert 14.10.2010 15:51

Schmuggel

Die Zigi-Räuber werden immer brutaler

Sturmhaube und gezückte Waffe: Zigarettendiebe kannte diese Woche bei Bern kein Pardon. Derweil räumen Kriminal-Touristen die Zigaretten-Regale von Schweizer Läden leer.

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Zigarettenstangen sind für Schmuggler eine begehrte Beute. (Archivbild Keystone)

Zigarettenstangen sind für Schmuggler eine begehrte Beute. (Archivbild Keystone)

Wenn die Zigi-Diebe zur Flinte greifen: In Zollikofen BE überfielen Dienstagfrüh um 4.40 Uhr mehrere Männer mit gezogenen Faustfeuerwaffen einen Zigarettentransporter, fesselten die zwei Fahrer, stülpten ihnen einen Sack über den Kopf und liessen sie so in einem Waldstück zurück. «Die Täter sind weiterhin auf der Flucht», sagt Polizeisprecherin Corinne Müller zu 20 Minuten Online. Es liegt auf der Hand, dass die Räuber über Insiderwissen verfügten. Diese Vermutung wollte die Polizei nicht kommentieren. Den Opfern gehe es aber den Umständen entsprechend gut.

Die Angestellten sollten für die Valora AG Zigarettenstangen nach Bern transportieren, als die Räuber zuschlugen. «Einen Überfall in dieser Dimension haben wir noch nie erlebt», sagt Stefania Misteli von der Kiosk-Betreiberin Valora. Zwar komme es immer wieder vor, dass Diebe bei Einbrüchen in Kioske Zigaretten entwendeten. Körperliche Gewalt werde aber fast nie angewendet.

Osteuropärer räumen Zigi-Lager leer

«Sargnägel» sind eine heiss begehrte Beute: Laut Kapo Bern haben die Einbrüche wegen Zigarettendiebstahls in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen. «Ein grosser Teil davon geht auf das Konto von Banden aus dem osteuropäischen Raum», sagt Müller weiter. Dies könne man aufgrund von erfolgten Verhaftungen sagen.

Auch in St. Gallen und im Aargau treiben Diebesbanden aus Georgien, Russland oder Polen ihr Unwesen. «Bei uns gab es zwar keine Raubüberfälle, aber Diebstähle und Einbrüche im grossen Stil», so Hans Peter Eugster von der Kapo St. Gallen. In Lupfig AG schlugen vermummte Einbrecher am 4. Oktober zu: Mit Steinen schlugen sie die Scheiben eines Spar-Supermarktes ein, entwendeten zahlreiche Zigarettenstangen in Abfallsäcken und verschwanden wieder in der Dunkelheit. Für Diebestouren reisen die Banden eigens in die Schweiz ein und bringen die Beute nach erfolgter Tat umgehend zurück in ihr Heimatland, wo die Zigaretten von Mittelsmännern weiterverkauft werden. Währenddessen seien die Diebe schon wieder auf dem Weg in die Schweiz, sagt Eugster.

Schweiz galt als Drehscheibe des Zigarettenschmuggels

Klar ist: Zigaretten werden eine immer wertvollere Beute. Während ein Päckli der Raucherwaren 1998 gut vier Franken kostete, muss man für eine Schachtel Glimmstängel ab 1. Januar 2011 7.40 Franken auf den Tisch legen. «Es ist möglich, dass die höheren Preise einen Einfluss auf die ansteigende Zahl von Delikten hat», sagt Müller.

Diese Preisunterschiede allein lösen aber kaum den grossen Schmuggel aus. Laut einem Bericht der Weltbank gelangen weltweit über 30 Prozent an international exportierten Zigaretten direkt auf den Schwarzmarkt und umgehen so die Tabaksteuer. Diese Millionen Glimmstängel stammen nicht aus Ladendiebstählen, sondern aus ganzen Schiffsladungen geschmuggelter Zigaretten. Die Schweiz galt lange Zeit als eine Drehscheibe des Zigarettenschmuggels. Zwischen 1994 und 2001 soll die italienische Mafia 215 Millionen Stangen Zigaretten über die Schweiz nach Montenegro und von dort nach Italien geschmuggelt haben. 2009 verurteilte das Bundesstrafgericht in Bellinzona zwei im Tessin wohnhafte Italiener zu bedingten Gefängnisstrafen.

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