Die Welt nach Steve Jobs: «Die Zukunft gehört den Inhalten»
Aktualisiert

Die Welt nach Steve Jobs«Die Zukunft gehört den Inhalten»

Mit dem Apple-Gründer verlor die Computer-Industrie ihren Mastermind. Wohin geht die Branche ohne den Charismatiker Jobs? Die Schweizer IT-Legende Robert Weiss blickt in die Zukunft.

von
M. Bühlmann und L. Egli

Steve Jobs ist tot. Was bedeutet das für die IT-Branche?

Robert Weiss: Sein Tod war keine Überraschung, sondern ein Ereignis, auf das ich täglich gewartet habe. Er hat sich in den letzten Monaten immer mehr zurückgezogen.

Der Verlust der Ikone muss für Apple ein Schock gewesen sein.

Nein. Jobs wusste seit sieben Jahren von seiner Krankheit und hat rechtzeitig Spitzenteams aufgebaut. Er hat die Geräte ja nicht selbst entwickelt – er hat den Markt genau beobachtet, konnte wahrscheinlich gut zuhören. In der Apple-Geschäftsleitung sitzen heute lauter Leute, die seit mindestens sieben Jahren dabei sind und genau wissen, wie der Laden läuft. Ich gehe davon aus, dass die Kontinuität gewährleistet ist.

Kein grosser Einschnitt für den innovativen Konzern also?

Doch, zweifellos. Aber neue Produkte werden nicht von einem Tag auf den andern entwickelt. Sie durchlaufen Entstehungszyklen, die zwei bis drei Jahre dauern. Wir wissen, dass Apple schon Anfang 2012 mit drei neuen Produkten auf den Markt kommen wird. Insofern hat kein Bruch stattgefunden.

War Steve Jobs gar nicht die zentrale Figur, welche die ganze Welt in ihm gesehen hat?

Er war die Galionsfigur von Apple. Ihn konnte man rausschicken bei den Key Notes, wie die Präsentationen heissen, zu Verhandlungen mit grossen Firmen und Banken oder wenn es um den neuen Apple-Campus ging – für das war Jobs gut. Aber er hat den Campus nicht erfunden. Das haben andere gemacht. Er war der Verkäufer – ein Charismatiker wie Larry Elison von Oracle. Von solchen Typen gibt es leider nicht viele.

Was war seine grösste Stärke?

Jobs hat nicht im eigentlichen Sinn Produkte erfunden – er hat nicht einfach neue Devices auf den Markt gebracht. Sein grosses Erfolgsgeheimnis waren die Business-Modelle: Apple kombiniert neue Devices mit neuartigen Inhaltsangeboten, angefangen bei iPod und iTunes. Steve Jobs hat mit dem Accounting-System iTunes die Musikindustrie auf den Kopf gestellt und die Filmindustrie umgekrempelt. Der jüngste Coup ist der Zeitungskiosk, der in den USA bereits eine grosse Bedeutung für die Medienbranche hat.

Welche Branche ist als nächstes dran?

Die Software-Industrie. Der User der Zukunft installiert nicht mehr – er holt sich alles im App-Store. Wer kauft denn heute noch eine CD im Laden? Die Leute wollen anders umgehen mit elektronischen Geräten. Steve Jobs hat das erkannt.

Von 1976 bis 1985 war Jobs schon einmal Apple-Chef. Dann wurde er rausgeschmissen. 1997 kam er zurück. Wie wichtig war diese Zäsur?

Die iRevolution hätte ohne Jobs Zeit bei NeXT kaum stattgefunden. Steve Jobs hat nach seiner Rückkehr alles, was Apple vorher gemacht hat, vom Tisch gewischt. Er hat eine völlig neue Apple-Welt aufgebaut – die iWelt. Sogar das Logo hat er überarbeiten lassen.

Wird die Computerwelt nach seinem Ableben nun wieder «nerdy»?

Sicher nicht, im Gegenteil. Die anderen IT-Unternehmen haben den Braten gerochen. Der Einfluss von Apple auf die Entwicklung von Windows 8 ist immens. Dass die Philosophie der Usability am Markt funktioniert, lässt sich auch an den Zahlen ablesen: Der Gesamtmarkt für Computer in Europa ist 2011 um etwa 11 Prozent geschrumpft, Tablets ausgenommen. Nur zwei Firmen entwickelten sich gegen den Trend: Asus und Apple.

Warum?

Weil sich die Leute sagen, dass, wenn die Dinge auf dem iPhone so einfach sind, werden wohl auch die Computer dieser Firma einfach zu bedienen sein. Sie verkaufen sich derzeit wie warme Weggli. Ich kenne Leute, die sehr grosse Firmen mit riesigen IT-Abteilungen leiten, die sagen: Wieso soll ich mich zuhause noch einmal rumärgern?

Wird die Business-Welt dank iPhone bald auf Apple-Produkte umschwenken?

Nein. Der PC wird sich in den Grossfirmen halten. Er verliert zwar, aber er verschwindet nicht. Arbeit bedeutet heute immer noch: ein Pult, ein Stuhl, ein Desktop. Aber die Schulen werden sich den Umstieg gut überlegen. Das iPad ist ein sehr elegantes Gerät für den Unterricht, es gibt bereits sehr viele Applikationen. Und das beste daran: Man kann nichts kaputtmachen. Man kann zwar eine App löschen, aber wenn man das iPad das nächste Mal synchronisiert, ist alles wieder da.

Wird das iPad den Laptop ersetzen?

Das Netbook, das Billig-Notebook, hat das Tablet bereits ersetzt – die Verkaufszahlen stürzen ab. Ich persönlich brauche, seit ich das iPad habe, keinen Laptop mehr. Es findet zweifellos eine Veränderung im Markt statt, aber nicht Knall auf Fall. Insgesamt holt Apple pro Jahr zwei Prozent Marktanteil. Das summiert sich, birgt aber auch eine Gefahr: Bis jetzt waren Apple-Geräte verhältnismässig sauber, was Viren angeht. Sobald Apple eine Marktmacht wird, wird sich das ändern.

Der Trend geht zu mobilen Devices…

… auch das hat einen Nachteil: Sie sind so konzipiert, dass sie permanent kommunizieren. Das heisst: Sie brauchen möglichst viel WLAN.

St. Gallen und Luzern prüfen bereits, in der ganzen Stadt ein drahtloses Netzwerk anzubieten.

Wireless wird bald überall gratis sein.

Wird Apple den Coolness-Faktor nach Jobs' Tod so hoch halten können?

Ich denke schon. Dass Apple Kult ist, haben die Leute verinnerlicht. Wann hat Apple letztmals Werbung geschaltet? Immer wenn die Firma aus Cupertino etwas auf den Markt bringt, sind die Zeitungen voll. Anders bei der Konkurrenz: HP bringt einen neuen Superrechner auf den Markt – das interessiert niemanden. Wenn Apple nur das iPhone 4S statt dem iPhone 5 lanciert, sind zwar alle enttäuscht, aber die Zeitungen trotzdem voll.

HP bringt man halt eher mit dem Büro in Verbindung.

Genau. Es geht um Lifestyle! Apple ist die einzige IT-Firma, die den Spagat in die Unterhaltungselektronik geschafft hat.

Welches sind die nächsten Meilensteine, die wir von Apple erwarten dürfen?

Das iPhone 5, das iPad 3 und Apple TV.

Was verspricht sich Apple vom Fernsehmarkt?

Apple will den Fernseher in die anderen Produktfamilien integrieren – alles soll auf Apple laufen. Apple wird Apps auf den TV bringen, mit Games und allem, was dazu gehört. Es wird sicher eine wunderschöne Designkiste mit einem Super-Soundsystem werden. Und analog zu iTunes wird es einen Film- und Serien-Store geben – in den USA ist das schon ein Riesengeschäft. Da kommt wieder ihr kluges Business-Modell zum Zug.

Eine kleine TV-Revolution?

Zweifellos. Wir werden alles, was wir auf dem Pad haben, auf dem TV haben.

Wie wird das iPhone 5 aussehen?

Der Bildschirm wird wahrscheinlich grösser, das Gerät bleibt aber insgesamt gleich gross.

Verschwindet der Home-Button?

Da bin ich nicht sicher. Er ist schon sehr elegant. Aber klar, wenn das Display bis an den Rand gezogen wird, gibt es ein Platzproblem. Allerdings könnte man das iPhone auch mit Wischen ein- und ausschalten.

Das Wischen ist phänomenal. Das verstehen selbst Einjährige.

Lustig ist, wenn Kinder vom iPad zum TV wechseln – wenn sie mit Wischen die Programme umzuschalten versuchen, und erstaunt sind, dass das nicht funktioniert.

Wer weiss, vielleicht geht das ja bald.

Ja, sicher! Wobei der Apple-TV vielleicht schon mit Gestik bedient werden kann. Apple hat entsprechende Patente angemeldet. Sie sind ja schlau: Warum hat Apple Siri schon jetzt lanciert – obwohl sie noch nie vorher eine Beta-Version auf den Markt gebracht haben? Sie wollten ihren Konkurrenten zeigen: Ja, ihr könnt das jetzt auch, das mit dem Touchscreen – wir aber sprechen schon mit unseren Geräten. Der nächste Schritt wird die Gestik sein.

Was wird das iPad 3 bringen?

Vor allem ein besseres Display, einen schnelleren Prozessor und bessere Batterien.

Wann kommt es auf den Markt?

Mai oder Juni, vermute ich.

Welche Geräte werden wir in fünf Jahren noch haben?

Ein iPhone, ein iPad und einen Fernseher. Wir werden zuhause keine Desktops mehr haben, keine Laptops, keine Stereoanlage, keine Kamera, keine X-Box, auch die Game-Steuerung wird es nicht mehr brauchen, diese Aufgabe übernehmen iPad oder iPhone. Selbst die Videokamera ist überflüssig geworden: Mit dem 4S kann man in Full-HD Bewegtbilder aufnehmen – zweimal den Home-Button drücken, schon ist die Kamera parat. Wir wollen ja den Moment festhalten und nicht lange die Videokamera suchen, öffnen, einschalten, usw.

Gibt es niemand, der Apple angreifen könnte?

HP, Dell, Toshiba, Lenovo – die Grossen haben immer nur den Business Markt im Fokus gehabt. Sie liefern Server und Speicher, und verdienen gut dabei. Das wird so bleiben. Die Trends im Home Markt haben sie total verschlafen.

Mit was wird die Branche künftig Geld verdienen?

Das Geschäft der Zukunft heisst Content: Filme, Musik, Games, Bücher, Zeitungen.

Das ist eine gute Nachricht für uns!

Zweifellos. Der User von heute ist bereit, für gute Inhalte zu bezahlen. Die NZZ wechselt als erste Schweizer Zeitung zum Paid Content.

Hat die Medienindustrie denn schon gemerkt, welches Instrument sie mit dem iPad in der Hand hat? Wenn ich die «Tages-Anzeiger»-App öffnen will, muss ich erst den Kundendienst anrufen. Die Schwelle scheint noch recht hoch.

Die Medienbranche merkt es langsam. Die Musikindustrie war da viel träger. Und die Film- und TV-Industrie hat es schon gecheckt. Auch der Book Store läuft ganz gut.

Ein revolutionärer Prozess...

… der nicht neu ist. Alles begann mit dem iPod, 2002. Ich erinnere mich gut, wie damals in San Francisco der erste iPod und iTunes vorgestellt wurde. Wir haben uns während der Key Note gefragt, ob das wohl funktioniert und ob es dafür ein Bedürfnis gibt. Als wir raus kamen, hing an jeder Plakatsäule diese schwarze Silhouette mit den weissen Ohrenstöpseln – das ist der Apple-Kult. Wenn du das weisse Kabel hast, gehörst du dazu. Jeder Käufer outet sich quasi als Apple-User.

Eine geniale Idee. War sie von Steve Jobs?

Das weiss ich nicht. Er war ein Perfektionist, ein Control Freak, der bestimmt auch bei dem Detail seine Finger im Spiel hatte. Der Charismatiker wird sicher fehlen. Aber mit 84 Milliarden Dollar in der Kriegskasse kann Apple eigentlich machen, was sie wollen – da müssten Jobs' Nachfolger sehr blöd tun, um diesen Laden in Gefahr zu bringen.

Robert Weiss

Der renommierte Computerexperte hat sich in über 40 Jahren eine der grössten privaten Computersammlungen aufgebaut. So haben sich im Laufe der Jahre über 80 Tonnen Material angesammelt. Zudem steht Robert Weiss hinter dem jährlich erscheinenden Marktreport «Weissbuch». Darin präsentiert er seit 1984 Zahlen und Trends zum Schweizer IT-Markt.

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