Reality-TV im Wandel: «Die Zuschauer wollen Echtheit»
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Reality-TV im Wandel«Die Zuschauer wollen Echtheit»

«Rising Star» war ein Quotenflop - «Adam sucht Eva» hingegen ein Publikumsmagnet. Der Schlüssel zu erfolgreichen Fernsehformaten muss heissen: mehr Authentizität.

von
Yves Schott

Viel hatten sich die Macher vom neuen Konzept erhofft. Die demokratischste aller Castingshows sollte «Rising Star» werden. Der Zuschauer zuhause darf mittels App über das Schicksal der Kandidaten entscheiden. Doch das Publikum verweigerte RTL die Aufmerksamkeit - darum wird die Sendung nun frühzeitig beendet.

Auch wenn es für die Macher ein schwacher Trost sein dürfte: Anderen vermeintlichen Aufmerksamkeits-Garanten ging es nicht besser. ProSieben musste das Dating-Trauerspiel «Catch the Millionaire» wegen zu schwacher Quoten Knall auf Fall aus dem Programm nehmen. Der Vox-Laufstegserie «Chicas Walk Academy» reicht es in den TV-Geschichtsbüchern ebenfalls zu kaum mehr als einer Randnotiz.

«Castingshows sind langsam ausgelutscht»

Für den deutschen Medienexperten Lutz Frühbrodt von der Hochschule Würzburg ist deswegen klar, «dass Castingshows als publikumwirksames Format langsam aber sicher ausgelutscht sind. Dies zeigt übrigens auch der dramatische Quotensturz von Marktführer 'DSDS' und dass jetzt Schlager-Opa Heino zu dessen Retter hochstilisiert werden soll.»

Hat das Reality-Fernsehen nach Jahren erfolgreicher Produktionen wie «Big Brother», «Deutschland sucht den Superstar» oder «Germany's Next Topmodel» seinen Zenit überschritten? Zelebrieren sich die Macher hinter den Kulissen nur noch um des Scheins Willen? Frei nach dem Motto: Haltung bewahren, auch wenn es gar nichts mehr zum Greifen gibt?

«'Adam sucht Eva' spricht die niedrigsten Instinkte an»

Die «FAZ» schrieb 2009: «Jede Zeit hat ihre speziellen Programme.» Erfolgreich sei, «wer darauf achtet, was die Leute beschäftigt». Haben gewisse TV-Entscheidungsträger also schlicht die aktuelle Entwicklung verpasst?

Nicht zwingend. Andere Formate wie etwa «Adam sucht Eva - Gestrandet im Paradies» (RTL) oder «Die Höhle der Löwen» (Vox) laufen hervorragend. Von Letzterem gibt es sogar eine Zusatzfolge, wie es in einer Pressemitteilung heisst.

«'Adam sucht Eva' spricht die niedrigsten Instinkte an, nämlich die unterhalb der Gürtellinie platzierten. 'Die Höhle der Löwen' gibt sich seriöser und fängt mit dem Thema Gründerszene sehr gut den Zeitgeist unter jüngeren Menschen ein», meint dazu Lutz Frühbrodt zu 20 Minuten.

Castingshow-Kandidaten leben die Ausnahme

Vorgegaukelte «Reality» alleine reicht - im Gegensatz zu früheren Jahren - folglich nicht mehr aus. Castingshow-Kandidaten können zwar nach wie vor unsere direkten Nachbarn sein - werden vor der Kamera aber zu klischeehaften Kunstfiguren umfunktioniert. «Diese Akteure sind gerade nicht solche, die Realität ertragen. Sie werden inszeniert. Sie leben die Ausnahme», meinte die «FAZ» dazu.

Und von solchen Ausnahmen hat das aufgeklärte Fernseh-Publikum mittlerweile genug. Es möchte eine Sendung, die ihm zumindest teilweise das Gefühl gibt, unverfälscht zu sein. «Es darf nicht alles von vorne bis hinten durchchoreografiert sein. Ein Moment der Unberechenbarkeit schafft Originalität und damit Authentizität. Die Zuschauer wollen Echtheit - neben der reinen Unterhaltung», erklärt Medienexperte Frühbrodt.

Jede Zeit hat ihre speziellen Programme. Denken Sie nur an die Talkshows der Neunzigerjahre oder später die Richtershows. Was sich diesbezüglich über den Quotenerfolg von «Adam sucht Eva» aussagen lässt, ist nicht schlüssig zu beantworten. Womöglich mögen die Fans des Formats schlicht die Nacktheit der Kandidaten. Zumindest in diesem Punkt können die Fernsehsender ihr Publikum ja nicht hinters Licht führen.

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