«Time-out» mit Klaus Zaugg: Die Zweifelnden: Götter, Ausländer, Trainer und andere Sorgen
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«Time-out» mit Klaus ZauggDie Zweifelnden: Götter, Ausländer, Trainer und andere Sorgen

Fribourg-Gottéron, die Kloten Flyers und die SCL Tigers stehen vor Saisonbeginn im luftleeren Raum. Die drei Teams können die Playoffs erreichen - haben aber alles andere als eine Garantie dafür. So lautet die Einschätzung von 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg.

Drei Teams stehen in der NLA im Niemandsland zwischen Zweifel und Hoffnung. Gut genug, um die Playoffs oder gar einen Platz in der oberen Tabellenhälfte zu erreichen. Aber nicht gut genug, um auf jeden Fall den Playouts zu entgehen. Bei den Kloten Flyers sind es Zweifel auf sehr hohem Niveau. Die SCL Tigers stellen sich die Frage, ob sie je die Playoffs erreichen werden und bei Fribourg-Gottéron gehört das Werweissen um die Zukunft sowieso zur Unternehmenskultur.

Fribourg-Gottéron - Zweifel an der Gunst der Götter

Gottéron ist die Lieblingsmannschaft der Hockeygötter: Sie verwehren den Drachen zwar den ganz grossen Triumph, aber sie bewahren die Mannschaft auch vor dem tiefen Fall in die NLB. Nicht einmal während den russischen Flugjahren mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow durfte Fribourg Meister werden. Die Hockey-Götter lähmten damals in den entscheidenden Augenblicken die Fanghand von Kultgoalie Dino Stecher.

Heute ist bei den Saanestädtern der Torhüter kein Grund mehr zur Sorge. Sébastien Caron gehört zu den besten im Lande. An ihm ist in den vergangenen Playoffs sogar der grosse SC Bern zerbrochen.

Fribourgs Mannschaft ist auf dem Papier offensiv so stark wie nie mehr seit den Zeiten von Bykow und Chomutow. Es ist das stärkste Gottéron seit gut zehn Jahren. Vorne rockt und rollt es wieder wie in den Jahren des Ruhmes. Julien Sprunger gilt als bester Vollstrecker mit Schweizer Pass. Slawa Bykows Sohn Andrej wird bald einer der besten Schweizer Mittelstürmer sein. Sandy Jeannin ist die welsche Antwort auf Reto von Arx - und Benjamin Plüss ist der schnellste Schweizer Stürmer, der unter Ralph Krueger noch nie an einer WM stürmte. Gil Montandon - er ist am 28. April 43 Jahre alt geworden - gilt als Lebensversicherung: So lange er spielt, lassen die Hockey-Götter Gottéron nicht absteigen. Und schliesslich gilt der neue ausländische Stürmer Mark Mowers als flinkes Kufentier im Stile von Martin Plüss.

So ein Sturm fegt doch alle Zweifel an einer Playoff-Qualifikation vom Tisch bzw. vom Eis. Oder etwa doch nicht?

Nein. Nicht ganz. Es rockt und rollt nämlich auch ganz ordentlich vor dem Tor von Sébastien Caron. Gottéron kassierte in der letzten Saison von allen für die Playoffs qualifizierten Mannschaften am zweitmeisten Tore. Die Verteidiger haben viel Spektakel-Potenzial, von Michael Ngoy (dem Ex-Freund von Ex-Miss-Schweiz Lauriane Gilliéron) bis zu Shawn Heins, dem Mann mit dem härtesten gemessenen Schuss der Liga.

Aber das Spektakel ist der Feind des soliden defensiven Handwerkes. In den Reihen der «Drachen» fehlt ein Verteidigungsminister, der in heiklen Phasen Ruhe und Disziplin garantiert - und das ist ein sehr ernsthafter Grund für Zweifel.

In der Traumfabrik Gottéron ist einmal mehr (fast) alles möglich. Weil das Umfeld nach wie vor emotional auf jede Entwicklung reagiert, sind die Krisen hier unterhaltsamer und die Sensationen grösser - so wie zuletzt beim Triumph über den SC Bern. Was andernorts nur leise Töne verursacht und bald wieder verklingt, wird im besonderen Umfeld von Fribourg-Gottéron zu wagnerianischer Musik.

Jene, die sich mit der wundersamen Geschichte der Westschweizer auskennen, haben noch aus einem anderen Grund ihre Zweifel: Sie befürchten, dass die Hockey-Götter für Gottéron noch eine Strafe für die «Zerstörung» des meisterlichen SC Bern parat haben.

Sichere Wetten: 1. Trainer Serge Pelletier steht auch im letzten Spiel der Saison noch an der Bande. 2. Die Saison 2008/09 ist noch nicht die letzte für Gil Montandon. 3. Julien Sprunger erzielt mehr als 20 Tore.

Stärken: 1. Je schlimmer die Not, desto grösser der «heilige Zorn» - Gottéron findet immer die Kraft, um sich von einer Krise zu befreien oder eine Sensation zu schaffen. 2. Der Sturm weht auf Playoffstärke. 3. Trainer Serge Pelletier und sein Stil.

Schwächen: 1. Nach dem Triumph über den SC Bern glauben zu viele, die Playoff-Qualifikation sei kein Problem. 2. Shawn Heins hat das Potenzial für mehr als 100 Strafminuten. 3. Zu wenig Feuerkraft an der blauen Linie.

SCL Tigers - Zweifel an den Ausländern

Zehn Anläufe. Zehnmal gescheitert. Die SCL Tigers sind das einzige Team der Liga, das sich noch nie für die Playoffs qualifiziert hat. Sogar Aufsteiger Biel war schon in den Playoffs. Immerhin: Je öfter die Tigers scheitern, desto grösser wird rein statistisch die Chance, dass es doch noch einmal reichen wird.

Die Langnauer sind letzte Saison mit Blitz und Donner in die Playouts gerauscht. Zum ersten Mal hat die offensiv beste Mannschaft der Liga die Playoffs verpasst. Vorher hatte es dem sturmstärksten Team immer mindestens zum fünften Platz gereicht.

Die Zweifel, ob es in der kommenden Saison reicht, sind mehr als berechtigt.

Denn: Der Sturm weht nicht mehr ganz so heftig wie letzte Saison. Mit Josh Holden ist nicht nur der beste Skorer verloren gegangen, sondern auch der härteste, «böseste» Spieler.

Torhüter Matthias Schoder hat noch nie während einer ganzen NLA-Saison auf seinem besten Niveau gespielt. Und die Verteidiger werden ihm auch diesmal keine grosse Hilfe sein. Mehr als 200 Gegentore sind nicht auszuschliessen.

Die SCL Tigers erinnern in ihrer Art an den HC Davos - aber ohne defensive Bodenhaftung. Sie spielen ein ähnlich offensives Powerhockey. Schliesslich ist Trainer Christian Weber einer der besten Freunde von HCD-Coach Arno del Curto. Weber kommt mit seinem Wesen und Wirken von allen Trainern dem HCD-General am nächsten. Der «Tiger-Bändiger» holt Jahr für Jahr mehr aus seinen Spielern heraus. Jahr für Jahr wird die Mannschaft durch seine Ausbildungsarbeit ein bisschen besser.

Das ist ein guter Grund zur Hoffnung. Und doch lautet die bange Frage: Was fehlt diesmal für die Playoffs?

Um den achten Platz zu erreichen und alle Playoff-Zweifel auszuräumen, müssten die Langnauer das Budget für die Ausländer um mindestens eine Million aufstocken. Damit alle vier Positionen erstklassig besetzt werden können.

Der neue kanadische Stürmer Martin Kariya ist schnell und wendig und schlau genug, um die 69 Skorerpunkte seines Vorgängers Josh Holden zu erreichen. Aber die anderen drei Ausländer sind entweder zu verletzungsanfällig (Jeff Toms), zu weich («Donau-Gretzky» Oliver Setzinger) oder mit Defensivarbeit so überlastet, dass sie die Offensive zu wenig befeuern können (Curtis Murphy).

Doch die «Transfer-Kriegskasse» der SCL Tigers ist schon wieder fast leer. Bereits die Suche nach einem valablen Ersatz für Jeff Toms (der vielleicht nicht nur acht Wochen, sondern während der ganzen Saison fehlt) wird durch Geldmangel erschwert. Die Punkte, die im Herbst verloren gehen, weil nicht vier ausländische Arbeitnehmer zur Verfügung stehen, könnten im Frühjahr die Differenz machen. Präsident, Besitzer und Nationalrat Hans Grunder hat mit der Gründung der Bürgerlich-Demokratischen Partei BDP einen Polit-Zirkus eröffnet, der ihn Energie und Geld kostet. Hat er nun nicht mehr genug Zeit, um die Tiger zu bürsten und zu kämmen? Fliessen die Mittel, die er in die SCL Tigers investieren müsste, um sie auf Playoffstärke aufzurüsten, in das politische BDP-Abenteuer? Genau das befürchten die Langnauer.

Wenn die Tiger im nächsten Frühjahr die Playoffs nicht erreichen, dürfte die von Hans Grunder mitprovozierte Spaltung der SVP einer der Gründe sein. Und da es ja in diesen Zeiten sexy ist, auf der SVP herumzuhacken, ist wenigstens schon eine gute Ausrede gefunden.

Sichere Wetten: 1. Die SCL Tigers steigen nicht ab. 2. Bevor die SCL Tigers die Playoffs schaffen, kehrt Präsident Hans Grunder reuemütig in den Schoss der SVP zurück. 3. Christian Weber ist auch in der Saison 2009/10 Trainer der SCL Tigers.

Stärken: 1. Rückkehrer Daniel Steiner bringt mit seinen Fräsereien Emotionen ins Spiel und in die Zuschauer. 2. Eine starke Hockeykultur: Zum zehnten Mal nicht in den Playoffs und trotzdem mehr als 5000 Fans im Schnitt - in einem altertümlichen, hölzernen Stadion, das gute Aussichten hat, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erkoren zu werden. 3. Der ehemalige Rock'n'Roller Fabian Sutter ist zum Teamleader gereift.

Schwächen: 1. Kein Verteidiger und Torhüter, der unter Ralph Krueger an einer WM gespielt hat oder je an einer WM spielen wird. 2. Die Verletzungsanfälligkeit von Schlüsselspieler Jeff Toms. 3. Weil die Playouts inzwischen Kult geworden sind, wird nicht mehr auf allen Ebenen mit allen Mitteln und aller Konsequenz das Ziel Playoffs angestrebt.

Kloten Flyers - Zweifel am Trainer

Bei keiner anderen Mannschaft wie bei den Kloten Flyers ist so viel möglich - im Guten wie im Bösen. Wenn alle zum gleichen und zum richtigen Zeitpunkt ihr bestes Eishockey spielen, dann ist sogar der Griff nach dem Titel realistisch. Die Flyers sind durch kluge Transfers besser ausbalanciert als noch im Vorjahr. Nach dem Zuzug der Verteidiger Benjamin Winkler und Félicien Dubois können drei von vier Ausländerlizenzen für Stürmer eingelöst werden.

Vorwärts können die Klotener mit den bösen Hunden der Liga bellen und beissen, in lichten Momenten zelebrieren sie ein mitreissendes Powerhockey wie der HC Davos. Und die Klotener Eishockeykultur ist die älteste der Liga. Seit 1962 ununterbrochen A-klassig. Sie steht für Fairness. Für läuferische und technische Qualität. Für Kontinuität.

Aber sind Trainer Anders Eldebrink und sein Assistent Felix Hollenstein auch in der Lage, die Spieler regelmässig ans Limit zu treiben, damit sie auch wirklich beissen und nicht nur bellen? Denn das ist notwendig, um auf der Augenhöhe der «Titanen» zu spielen.

Ein Trainer mit der uneingeschränkten Autorität, der Besessenheit und dem Charisma eines Chris McSorley (Servette) oder Arno del Curto (Davos) könnte mit den Flyers bis ins Playoff-Finale stürmen.

Hat Kloten also ein Trainerproblem?

Die polemische Frage um das Wesen und Wirken der Trainer wird rasch gestellt, wenn die Manschaft nicht von der ersten bis zur letzten Partie in der oberen Tabellenhälfte spielt.

Die Zweifel am Trainer-Duo sind der Grund, warum die Flyers nicht den «Herausforderer der Titanen» zugeordnet werden können.

Sichere Wetten: 1. Die Rückkehr von Patrik Bärtschi wird noch vor Saisonende ein Thema. 2. Anders Eldebrink ist in der Saison 2009/2010 nicht mehr Cheftrainer. 3. Curtis Brown gewinnt mehr als 50 Prozent der Bullies.

Stärken: 1. Ausgeglichenheit - mindestens zehn Schweizer Stürmer können zehn oder mehr Tore schiessen. 2. Tommi Santala ist einer der besten Center ausserhalb der NHL. 3. Ronnie Rüeger ist ein mental unzerstörbarer Torhüter.

Schwächen: 1. Keine so konsequent durchgesetzte Spiel-Philosophie wie in Davos und Genf. 2. Jederzeit kann eine Polemik um das Trainerduo Anders Eldebrink/Felix Hollenstein ausbrechen. 3. Zu wenig Einschüchterungs- und Rumpelpotenzial.

Klaus Zaugg, 20 Minuten Online

Klaus Zaugg beurteilt im Vorfeld des Meisterschaftsstarts alle 12 NLA-Teams in einer vierteiligen Serie. Diese begann am Dienstag mit den «Miserablen» (siehe Kontext-Box) und endet am Freitag mit den «Titanen».

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