Überlastete Psychologen: Die zweite Welle setzt Kindern und Jugendlichen stark zu
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Überlastete PsychologenDie zweite Welle setzt Kindern und Jugendlichen stark zu

Die Nachfrage nach therapeutischen Angeboten ist seit der zweiten Corona-Welle explodiert. Vor allem Kinder und Jugendliche leiden unter Zukunftsängsten, Depressionen und Einsamkeit.

von
Daniel Graf
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Kinder und Jugendliche leiden im zweiten Lockdown besonders, die Nachfrage nach Therapien hat stark zugenommen.

Kinder und Jugendliche leiden im zweiten Lockdown besonders, die Nachfrage nach Therapien hat stark zugenommen.

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Deutlich mehr Menschen suchen psychologische Unterstützung als noch in der ersten Welle.

Deutlich mehr Menschen suchen psychologische Unterstützung als noch in der ersten Welle.

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Kinder und Jugendliche haben unter den Einschränkungen besonders stark gelitten.

Kinder und Jugendliche haben unter den Einschränkungen besonders stark gelitten.

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Darum gehts

  • Die zweite Corona-Welle hat Jugendliche hart getroffen: Die Nachfrage nach psychiatrischen Behandlungen ist laut einer neuen Umfrage explodiert.

  • Isolation, fehlende Freizeitbeschäftigungen und Probleme zu Hause oder bei der Arbeit setzen den Jugendlichen zu.

  • Auch für Paare und Familien ist die Situation schwierig.

  • Die Sorgen der Jugendlichen dürften nicht auf die leichte Schulter genommen werden, warnen die Therapeuten.

Rosilia* ist 17 und besucht die Kanti. Ein Elternteil ist schwer krank, das andere arbeitet viel und hat wenig Zeit. Ihren Lieblingssport kann Rosilia wegen eines Unfalls und der Corona-Einschränkungen nicht mehr ausüben. Die Freunde treffen, ins Kino gehen, in einer Bar etwas trinken gehen: All das ist im Lockdown nicht möglich. Zu Hause ist es ätzend. Einsamkeit, Perspektivlosigkeit und Langeweile schlagen Rosilia aufs Gemüt.

«All diese Faktoren haben dazu beigetragen, das aus einer etwas unzufriedenen, leicht verstimmten jungen Frau in der zweiten Corona-Welle eine depressive Jugendliche wurde», sagt Rosilias Therapeutin, die aus Datenschutzgründen nicht genannt werden möchte. «Die Eltern haben gemerkt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt und mich aufgesucht. Rosilia zeigt klare Anzeichen einer Depression.»

Zweite Welle machte alles schlimmer

Rosilia ist kein Einzelfall. «Die Nachfrage nach Psychotherapeuten hat bei Sanasearch.ch seit September um 20 Prozent zugenommen. Spezifisch aufgrund von Depressionen, Panik und Ängsten hat sich die Nachfrage gar verdreifacht», sagt Geschäftsleiterin Kathrin Lehner. Auf der Plattform kann eine Datenbank von über 20’000 Fachpersonen durchsucht werden, um Termine zu buchen.

Dass Kinder und Jugendliche in der Krise zunehmend leiden, zeigt auch eine Befragung von 63 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die Sanasearch.ch durchgeführt hat: 80 Prozent haben in der Corona-Pandemie einen Nachfrageanstieg um mindestens 20 Prozent festgestellt. 52 Prozent geben an, dass der Anstieg mit dem Beginn der zweiten Welle im September zusammenfalle oder seit Anfang Jahr bemerkt werde. Eine Zunahme von Essstörungen und eine erhöhte Suizidalität werden etwa als Folgen genannt.

Belastung nimmt mit Dauer des Lockdowns zu

Je länger der Lockdown anhält, desto ernster werden die psychischen Belastungen. Das ist eine der Erkenntnisse aus der Befragung. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen sowie innerhalb der Familie ist der Leidensdruck gross. «Während zu Beginn des Lockdowns Besorgnis oder Niedergeschlagenheit auf das Gemüt schlugen, nehmen derzeit ernstzunehmende Beschwerden wie Ängste, Burnout oder Depressionen zu», heisst es in der Medienmitteilung.

Psychiatrisches Fachpersonal stösst an Grenzen

«Seit der zweiten Welle habe ich rund 60 Prozent mehr Anrufe und Besuche von Kindern und Jugendlichen, die unter den Folgen der Corona-Krise leiden», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe und -psychotherapeut Konrad Stettbacher. «Oft rufen Jugendliche um die 16 Jahre an, die ihre Lehrstelle verloren haben, sich einsam fühlen oder depressive Gedanken haben.» Das äussere sich in Schlaf- und Essstörungen, Niedergeschlagenheit und Perspektivlosigkeit.

Stettbacher kann längst nicht mehr alle, die ihn um Hilfe ersuchen, beraten: «Seit letztem Herbst muss ich jede Woche zwei oder drei Kinder oder Jugendliche abweisen. Weil es vielen anderen Kinder- und Jugendpsychologen ähnlich geht, ist es derzeit schwierig, sie weiterzuvermitteln.» Stettbacher bietet deshalb telefonische Kurzberatungen an. «In einem Gespräch versuche ich abzuklären, wie gross der Leidensdruck ist, und die schlimmsten Ängste zu lindern.»

Gefühl von Sinnlosigkeit

Die Gründe für die starke Zunahme der Probleme in der zweiten Welle sind vielfältig. Häufig genannt wurden vom Fachpersonal etwa mangelnde Freizeitmöglichkeiten, Vereinsamung, Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit. Aber auch Konflikte in der Familie und das Gefühl, es sei alles sinnlos, beschäftigen die Jugendlichen.

Um einer Corona-Depression entgegenzuwirken, ist laut Konrad Stettbacher mehr Struktur im Alltag wichtig: «Ich versuche zu erreichen, dass sie regelmässig schlafen und essen, sich vorher vielleicht mit einem Bad und Musik entspannen und sich mehr an der frischen Luft bewegen. Wichtig ist auch, dass sie den Kontakt mit guten Freunden pflegen können und sich nicht zu sehr isolieren.»

«Sorgen nicht auf die leichte Schulter nehmen»

Jugendlichen, die sich isoliert, einsam oder depressiv fühlen, rät Stettbacher, Hilfe zu holen: «Anlaufstellen wie das Sorgentelefon sind jederzeit für die Jugendlichen da» (siehen unten). Auch Rosilias Therapeutin ist überzeugt: «Wir dürfen die Sorgen der Jugendlichen nicht weiter auf die leichte Schulter nehmen.» Sie würde sich wünschen, dass Jugendlichen wieder mehr Möglichkeiten geboten würden: «Sie sollten mehr als nur fünf Personen bei sich zu Hause treffen dürfen und in Jugendtreffs oder grösseren Sälen könnten Spieleabende oder Ähnliches veranstaltet werden.»

Im Frühjahr habe sie selber noch geglaubt, eine Weile auf die Freunde zu verzichten, sei kein Weltuntergang. Heute ist ihre Botschaft klar: «Heranwachsenden während eines ganzen Jahres solche Einschränkungen aufzuerlegen, kann gravierende Folgen für ihre psychische Gesundheit haben. Die traurigen Auswirkungen sehen wir jetzt im krassen Anstieg der therapeutischen Beratungen.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine Depression?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele, Onlineberatung für Kinder psychisch kranker Eltern

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Tel. 147

*Name geändert

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