17.07.2019 10:38

Schweizer Auswanderer

Diese Amerikanerinnen suchen nach ihren Wurzeln

Im Einwandererland USA boomt die Suche nach der eigenen Herkunft. Auch Rachael und Marybeth aus Illinois spüren in Mels SG ihren Vorfahren nach.

von
P. Michel

Im 19. Jahrhundert wurde die Auswanderung in der Schweiz zum Massenphänomen. (Video G.Brönnimann)

Bertha Zimmermann aus Mels SG war 30 Jahre alt, als sie 1908 einen Dampfer, möglicherweise die SS Finland, bestieg und von Antwerpen nach New York reiste. Von dort aus verschlug es sie in den Mittleren Westen, nach Breese, Illinois, wo sie einen Johann August Willi, ebenfalls Schweizer, heiratete.

Wollte sie der Armut entrinnen? Kam sie mit den starren gesellschaftlichen Sitten nicht zurecht? War es reine Abenteuerlust? Warum sie die Schweiz damals in Richtung USA verlassen hat, wissen Enkelin Marybeth (71) und Urenkelin Rachael (45) nicht. Sicher ist: Bertha und ihr Mann waren zwei von Hunderttausenden, die im 19. und 20. Jahrhundert die Schweiz hinter sich liessen, nach Amerika emigrierten und dort ihre Spuren hinterliessen (siehe Box unten).

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Marybeth und Rachel suchen in der Schweiz nach Spuren ihrer Ahnen.

Marybeth und Rachel suchen in der Schweiz nach Spuren ihrer Ahnen.

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Marybeths Grossmutter, Bertha Zimmermann, wanderte 1908 von Mels SG nach Nordamerika aus.

Marybeths Grossmutter, Bertha Zimmermann, wanderte 1908 von Mels SG nach Nordamerika aus.

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Die Beweggründe dafür sind nicht bekannt. Die beiden Amerikanerinnen wollen dies mithilfe des Hobby-Historikers Erwin Fässlers herausfinden.

Die Beweggründe dafür sind nicht bekannt. Die beiden Amerikanerinnen wollen dies mithilfe des Hobby-Historikers Erwin Fässlers herausfinden.

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Familiengeschichte blieb bisher im Dunkeln

Nun, mehr als ein Jahrhundert später, sind ihre beiden Nachfahrinnen in die Schweiz gereist, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. Vieles der Familiengeschichte sei für sie bisher im Dunkeln geblieben, erzählen Rachael und Marybeth auf der kurvigen Fahrt von Zürich über den Kerenzerberg ins Sarganserland.

«Bei einer Flut sind viele Dokumente zerstört worden», sagt Marybeth. Da Bertha bereits acht Jahre nach ihrer Ankunft in den USA starb, wussten auch Marybeths Vater und ihre vier Kinder kaum etwas über sie – das trieb die Enkelin an, mehr herauszufinden. Es sei ein Kindheitstraum von ihr, die ganze Familiengeschichte zu kennen.

Hoffnung fand sie in der Online-Plattform Ancestry.com. Das Angebot boomt, da sich derzeit viele im klassischen Einwandererland USA auf die Suche nach ihren Wurzeln begeben. Marybeth stellte dort die verbliebenen Fotos und Postkarten online und hoffte auf Hinweise, die den lückenhaften Stammbaum vervollständigen würden. Doch auch die 20 Millionen Nutzer der Plattform konnten ihr kaum helfen. «Bald wurde mir klar, dass es so viele Zimmermanns oder Willis gab, was es sehr schwer machte, meine tatsächlichen Verwandten zu finden.»

Deshalb engagierten Marybeth und Rachael den Zürcher Erwin Fässler, ihre Familiengeschichte zu recherchieren. Mit seiner Firma Erwin Tours of Switzerland bietet er unter anderem Genealogie-Touren an.

Bis vor kurzem war Armut in der Schweiz allgegenwärtig

Vor dem ersten Zwischenstopp auf der Fahrt im weissen Range Rover, einem Aussichtspunkt über dem Walensee, umreisst er die Gründe, die Schweizer damals zur Auswanderung bewogen: Ein Ausläufer der «kleinen Eiszeit» (1851–1854) sorgte für Missernten, Armut war allgegenwärtig, die Industrialisierung verdrängte bisherige Arbeitsplätze. Amerika mit scheinbar unendlichen Landreserven erschien dagegen als Paradies. Fässler, der geduldige Tourguide, der sich vor sieben Jahren selbstständig gemacht hat, erklärt: «Auch wir Schweizer waren einmal Wirtschaftsflüchtlinge.» Zwischen 1810 und 1910 seien circa zehn Prozent der Schweizer ausgewandert.

Die Verwunderung der beiden Amerikanerinnen ist gross. «Eigentlich wie die Mexikaner, die in die USA kommen», sagt Marybeth. Die beiden kennen die Schweiz nur als eines der reichsten Länder der Welt und als beliebtes Ziel für Touristen. «Warum sollte jemand diesem wunderschönen Land den Rücken kehren?», fragt Marybeth, während Tourguide Erwin ein Foto beiden mit dem Walensee im Hintergrund knipst. Ihr Grossvater, so viel wisse sie, habe bei seiner Ankunft in den USA in einer Kohlenmine gearbeitet – «was für ein Unterschied zur grossartigen Berglandschaft hier!»

Der lokale Ahnenforscher weiss Rat

Die Antwort auf diese Frage hat der Flumser Genealoge Pius Neyer zwar auch nicht, aber er könnte die beiden Amerikanerinnen auf die richtige Spur führen – auch wenn er kaum ein Wort Englisch versteht. Umso besser kennt er sich mit den Stammbäumen der lokalen Familien aus, wozu auch die Willis, Zimmermanns und Ackermanns gehören.

Ahnen-Tour Teil 2

Video: G. Brönnimann, P. Michel

Rachael und Marybeth entdecken ihren Stammbaum.

Der sehr engagierte, zuweilen etwas kauzige Neyer hat während 13 Jahren 15'000 Seiten der lokalen Kirchenbücher digitalisiert und alle Geburts-, Heirats- und Todesdaten in Excel-Tabellen gesammelt. Das Resultat, das er Rachael und Marybeth in seiner Garage auf zwei langgezogenen Holztafeln auslegt, ist imposant: drei bis zu zehn Meter lange Stammbäume inklusive Familienwappen.

«Amazing», entfährt es Marybeth. Sie umarmt den Geneaologen, der nicht recht weiss, wie er mit der amerikanischen Herzlichkeit umgehen soll. Die beiden Frauen stürzen sich sogleich auf die Papierrollen, gleichen Geburtsdaten ab, entdecken bisher unbekannte Verwandtschaftszweige und fehlende Namen.

Nicht nur können Marybeth und Rachael jetzt ihren Stammbaum vervollständigen und die Briefe, die überlebt haben, den konkreten Personen zuordnen. Sie wissen nun auch, dass ihr Grossvater 1856 auf die Welt kam, die Eltern aber erst zehn Jahre später heirateten. Für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich.

«Mit dem Stammbaum sind wir Monate beschäftigt»

In der Region Mels leben vermutlich noch einige Verwandte von Marybeth und Rachael. Ausfindig machen konnte sie Tourguide Erwin Fässler trotz drei Tagen Feldforschung jedoch nicht. Denn in Mels sind 110 Personen mit dem Namen Willi im Telefonbuch eingetragen. Und einfach so an der Tür zu klingeln, das würden sich die aufgeschlossenen Amerikanerinnen wohl trauen, der Schweizer Tourguide lässt jedoch Diskretion walten.

Rachael und Marybeth sind auch so zufrieden: «Natürlich wäre es grossartig gewesen, Einheimische zu treffen, die mit uns verwandt sind.» Die beiden hätten gern erfahren, ob ihre Schweizer Verwandten über die Auswanderer Bescheid wussten und allenfalls noch Details über Auswanderungsgründe ihrer Vorfahren liefern könnten. «Allein mit dem Stammbaum bin ich aber nun aber ein paar Monate beschäftigt», sagt Marybeth.

Ahnen-Tour Teil 3

Video: G. Brönnimann, P. Michel

Die eigene Familiengeschichte zu erforschen, sei ein Kindheitstraum gewesen, sagt Marybeth.

Beim nächsten Halt rückt wieder die heile, touristische Schweiz in den Vordergrund, auch wenn der Ort einen Bezug zur Auswanderergeschichte der Willis hat: Die idyllische Alp Siez im nahegelegenen Weisstannental diente als Kulisse für ein Familienfoto, das Marybeth mitgebracht hat. Dort essen die beiden nun auch stilecht Ghackets mit Hörnli sowie ein Buure-Kotelett. Ein Menü, das möglicherweise auch Grossmutter Bertha – wenn wohl auch selten – genossen hatte.

Bei den Wurzeln angekommen?

Den einheimischen Besuchern der Alp, die am Nebentisch suure Moscht trinken, fallen die Englisch sprechenden Gäste sofort auf. Sie loben Rachael, die das Kotelett samt Fettschwarte verspeist: «Bei uns müsste man erst eine Frau finden, die das noch isst!» Erwin Fässler erklärt ihnen, die beiden Amerikanerinnen seien gewissermassen auch Einheimische von Mels. Die Besucher am Nebentisch nicken anerkennend: Zumindest teilweise sind Rachael und Marybeth damit bei ihren Wurzeln angekommen.

Ahnen-Tour Teil 4

Video: G. Brönnimann, P. Michel

«Wir waren auch mal Wirtschaftsflüchtlinge»: Erwin Fässler zu den Schweizer Auswanderern.

Schweizer Auswanderer

Wegen Hunger, Armut, wachsender Bevölkerung oder weil sie durch die Industrialisierung ihren Job verloren hatten, wanderten zwischen 1815 und dem Ersten Weltkrieg eine halbe Million Schweizer aus. Den Grossteil zog es nach Nordamerika. Auswanderung gab zwar schon davor – in diesem Zeitraum wurde sie jedoch zum Massenphänomen. Historiker machen zwischen 1815 und 1914 drei Migrationswellen aus: 1816/17 sorgte der Vulkan Tambora für das «Jahr ohne Sommer». Hunger und fehlende Perspektiven trieben die Armen ins Ausland – verschiedene Gemeinden unterstützten dies sogar finanziell. Die zweite Phase fiel in die 1850er-Jahre, wo ebenfalls die Landbevölkerung den Grossteil der Auswanderer stellte. Nach der dritten Welle zwischen 1880 und 1884 brach die Auswanderung ein. Jetzt wanderten eher noch Berufsleute aus, die vom grossen Wirtschaftswachstum in den USA angelockt wurden. Ab 1888 wanderten dann erstmals mehr Menschen in die Schweiz ein, als sie verliessen.

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