Sprachkritik: Diese Ausdrücke sollten Sie nicht gebrauchen
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SprachkritikDiese Ausdrücke sollten Sie nicht gebrauchen

Unsere Sprache ist von Modewörtern und -wendungen durchsetzt. Einige davon sind problematisch, andere inhaltsleer.

von
Rolf Maag
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Ein Schweinehund war ursprünglich ein Hund, der für die Wildschweinjagd verwendet wurde. Die heutige Bedeutung («niederträchtiger Kerl») geht auf die Studentensprache des 19. Jahrhunderts zurück. Hier ist ein Schweinehund als Türklinke am Quedlinburger Dom zu sehen.

Ein Schweinehund war ursprünglich ein Hund, der für die Wildschweinjagd verwendet wurde. Die heutige Bedeutung («niederträchtiger Kerl») geht auf die Studentensprache des 19. Jahrhunderts zurück. Hier ist ein Schweinehund als Türklinke am Quedlinburger Dom zu sehen.

Wikimedia/Z thomas/CC BY-SA 3.0
Der SPD-Politiker Kurt Schumacher (1895–1952) sagte 1932 im Reichstag: «Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.» Von 1946 bis 1952 war er Parteivorsitzender der SPD.

Der SPD-Politiker Kurt Schumacher (1895–1952) sagte 1932 im Reichstag: «Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.» Von 1946 bis 1952 war er Parteivorsitzender der SPD.

Albert Riethausen
Aischylos (525–456 v. Chr.) war der älteste der drei grossen athenischen Tragödiendichter (die beiden anderen sind Sophokles und Euripides). In seiner Tragödientrilogie «Orestie» stellte er einen tragischen Konflikt auf besonders klare Weise dar.

Aischylos (525–456 v. Chr.) war der älteste der drei grossen athenischen Tragödiendichter (die beiden anderen sind Sophokles und Euripides). In seiner Tragödientrilogie «Orestie» stellte er einen tragischen Konflikt auf besonders klare Weise dar.

Wikimedia Commons/Sailko/CC BY 2.5

Die menschliche Sprache unterscheidet sich von tierischen Signalsystemen durch ihre Kreativität. Aus einer begrenzten Anzahl von Lauten und Wörtern können wir potenziell unendlich viele Sätze bilden. Wir machen einen unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln, wie der Sprachphilosoph Wilhelm von Humboldt (1767–1835) sagte.

Doch manche scheinen diesen Reichtum der Möglichkeiten als Belastung zu empfinden. Man liest heute nur noch «Das ist ein No-go», wo man ebenso gut «Das geht gar nicht» oder «Das liegt nicht drin» sagen könnte. Gewisse Sachverhalte werden bis zum Überdruss durch die immer gleichen Wendungen ausgedrückt. Die meisten dieser Moden sind harmlos, doch einige haben einen problematischen Hintergrund.

Der innere Schweinehund

«Überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund!» So fordern uns Fitnessstudios regelmässig dazu auf, unsere Trägheit zu überwinden und endlich von ihren grosszügigen Angeboten Gebrauch zu machen. Ein «Schweinehund» ist laut dem Duden ein «niederträchtiger Kerl» oder «Lump». Muss man unsere Abneigung dagegen, stundenlang Gewichte zu stemmen oder auf einem Laufband zu keuchen, wirklich so derb beschimpfen? Würde «Überwinden Sie Ihre Trägheit!» nicht auch reichen?

Der Ausdruck «den inneren Schweinehund überwinden» kam unter deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf. Offensichtlich war gemeint, dass man die (nur allzu verständliche) Angst vor Kampfeinsätzen beiseiteschieben solle. Einige Jahre zuvor gebrauchte der SPD-Politiker Kurt Schumacher diese Wendung auf viel nachvollziehbarere Weise. Am 23. Februar 1932 sagte er im Reichstag: «Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.» In Personen, die der Weltanschauung der Nazis etwas abgewinnen können, wohnt wahrscheinlich wirklich ein Schweinehund.

Tragisch

«Lady Diana kam durch einen tragischen Unfall ums Leben.» Diesen Satz konnte man seit 1997 wahrscheinlich Tausende von Malen lesen. Überhaupt scheinen heute nur noch Verkehrsunfälle tragisch zu sein. Eigentlich bezeichnet das Adjektiv «tragisch» aber die Situation, in der sich der Protagonist einer Tragödie befindet, und die hat etwas mit einem unlösbaren Konflikt zu tun.

Als Beispiel kann der Mythos von Orest dienen, den der athenische Dichter Aischylos im 5. Jahrhundert vor Christus in drei Tragödien behandelte. Orests Vater Agamemnon ist von seiner Gattin Klytaimnestra ermordet worden. Orest ist nun nach griechischer Auffassung dazu verpflichtet, seinen Vater zu rächen, kann das aber nur tun, indem er seine Mutter tötet, was als schlimmstes Verbrechen überhaupt gilt. Orest macht sich schuldig, wie auch immer er handelt. Diese Situation ist tragisch. Verkehrsunfälle sind schrecklich oder furchtbar, tragisch sind sie gewiss nicht.

Hinrichten

«Der IS hat erneut eine Geisel hingerichtet.» Diese Meldung war in vielen Zeitungen zu lesen, wenn der «Islamische Staat» wieder einmal jemanden ermordet hatte. Zweifellos erinnerten die Opfer in ihrer Wehrlosigkeit an Verurteilte, die zur Hinrichtung geführt werden. Doch eine Hinrichtung setzt ein zumindest rudimentäres rechtsförmiges Verfahren voraus, wie der Linguist Hans-Martin Gauger bemerkt.

Hinrichtungen sind zwar etwas Scheussliches, worauf jeder zivilisierte Staat verzichten sollte. Sie können aber nur von Gerichten legitimer Staaten angeordnet werden, und zwar nach einem Prozess, der diesen Namen auch verdient. Wer dem IS also Hinrichtungen zugesteht, hat ihn eigentlich schon anerkannt. Wer das nicht tun will, sollte seine Taten als das bezeichnen, was sie sind: Morde.

Sprachbewusstsein

Natürlich könnte man sagen, dass diese Wendungen Bestandteile des gegenwärtigen Sprachgebrauchs und somit nicht zu kritisieren seien. Doch es kann nie schaden, wenn wir uns nicht nur überlegen, was wir sagen, sondern uns auch Gedanken darüber machen, wie wir es sagen. Wer sich nicht klar ausdrücken kann, kann meistens auch nicht klar denken.

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