16.10.2020 04:56

Zweite WelleDiese Branchen zittern jetzt am meisten

Die explodierenden Corona-Fallzahlen wirken sich negativ auf die Schweizer Wirtschaft aus. Das macht vor allem der Tourismus- und Gastronomiebranche Sorgen.

von
Barbara Scherer
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Dass die Infektionszahlen in der Schweiz steigen, ist für das Gastgewerbe verheerend.

Dass die Infektionszahlen in der Schweiz steigen, ist für das Gastgewerbe verheerend.

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«Die Leute fühlen sich nicht mehr sicher und meiden Restaurants und Bars vermehrt, das führt zu weiteren Umsatzeinbussen», erklärt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

«Die Leute fühlen sich nicht mehr sicher und meiden Restaurants und Bars vermehrt, das führt zu weiteren Umsatzeinbussen», erklärt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

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Grossveranstaltungen sind seit Anfang Oktober wieder erlaubt und sollen laut Gesundheitsminister Alain Berset auch nicht wieder verboten werden.

Grossveranstaltungen sind seit Anfang Oktober wieder erlaubt und sollen laut Gesundheitsminister Alain Berset auch nicht wieder verboten werden.

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Darum gehts

  • Die Zahl der Coronavirus-Fälle steigt.

  • In gewissen Regionen kann von einer zweiten Welle gesprochen werden.

  • Das wirkt sich negativ auf die Schweizer Wirtschaft aus.

  • Es trifft aber nicht alle Branchen gleich hart.

  • Die Event- und die Gastronomiebranche müssen besonders zittern.

Die Corona-Fallzahlen explodieren. Zwar gibt es keine allgemeingültige Definition für eine zweite Welle. Regional kann aber bereits jetzt von einer zweiten Welle gesprochen werden, wie Epidemiologin Olivia Keiser von der Uni Genf erklärt. Diese Entwicklung dämpft auch die Schweizer Wirtschaft. Was eine zweite Welle für die unterschiedlichen Branchen bedeutet:

Gastronomie

Das Coronavirus und der damit verbundene Lockdown haben die Gastrobranche mit voller Wucht getroffen: Viele Betriebe sind in eine existenzielle Notlage geraten. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich rechnet deshalb mit steigenden Preisen im Gastgewerbe, um die geringe Auslastung und die durch Auflagen teilweise verminderte Kapazität zu kompensieren. Dass die Infektionszahlen nun wieder ansteigen, ist für die Branche verheerend: «Die Leute fühlen sich nicht mehr sicher und meiden Restaurants und Bars vermehrt, das führt zu weiteren Umsatzeinbussen», erklärt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Damit sich die Leute wieder sicher fühlen, müsse die Branche wohl ein neues und strengeres Schutzkonzept ausarbeiten.

Eventbranche

Trotz steigender Fallzahlen ist nicht mit einem abrupten Aus von Grossveranstaltungen zu rechnen, wie Gesundheitsminister Alain Berset am Krisengipfel am Donnerstag sagte. Denn dank ihrer Schutzkonzepte seien Grossveranstaltungen kein Haupttreiber der Pandemie. Chefvolkswirt Gitzel geht trotzdem davon aus, dass die Teilnehmerzahl an Veranstaltungen wieder beschränkt wird – insbesondere wenn die Fallzahlen weiter zunehmen. «Dafür sprechen auch die restriktiven Massnahmen unserer Nachbarländer», so Gitzel. Vielerorts gibt es eine Sperrstunde, und die Teilnehmerzahl ist stark beschränkt. Einen zweiten Lockdown würde die Clubszene ohne Entschädigungen aber nicht überleben, wie Max Reichen, Co-Präsident der Bar- und Clubkommission Bern, gegenüber 20 Minuten sagt.

Tourismus

Der Tourismus leidet besonders stark unter der Corona-Krise. So gingen die Übernachtungen im August um fast 30 Prozent zurück gegenüber dem Vorjahr, wie das Bundesamt für Statistik schreibt. «Dass die Fallzahlen jetzt wieder steigen, stellt die Wintersaison auf die Probe», sagt Christian Laesser, Tourismus-Professor von der Uni St. Gallen. Diese könne dank einem guten Sicherheitskonzept wohl stattfinden. Eine zweite Welle werde aber zum Beispiel das Verpflegungsangebot in den Bergen auf ein Minimum reduzieren. «Dicht gedrängt Mittag essen und Après-Ski machen liegt dann nicht drin», so Laesser. Die Jungfrau-Ski-Region erwartet eine weitgehend uneingeschränkte Wintersaison. Das Geschäftsjahr 2021 werde wohl ein Übergangsjahr werden. «Im Geschäftsjahr 2022 erwarten wir eine Normalisierung unseres Geschäfts», erklärt eine Sprecherin.

Detailhandel

Der Detailhandel hat sich bereits vom ersten Lockdown erholt, die Angst vor einer zweiten Welle und einem zweiten Lockdown ist jedoch gross. Denn müsste der Handel noch einmal schliessen, wäre der Schaden noch grösser als beim ersten Lockdown, wie das Marktforschungsinstitut GFK im Juni mitteilte. Dass es zu einem zweiten Lockdown kommt, damit rechnet die Swiss Retail Federation inzwischen nicht mehr. Trotzdem dämpfen die zunehmenden Corona-Fälle die Stimmung in der Branche: «Eine zweite Welle wird zu Frequenzrückgängen führen», sagt Geschäftsführerin Dagmar Jenni.

Bau

Der Bausektor zeigt sich zwar krisenfest – für 2020 rechnet die ETH Zürich mit 1,2 Prozent mehr Bauinvestitionen. Die steigenden Fallzahlen beunruhigen die Branche aber. So müsse mit einer Verschärfung der wirtschaftlichen Situation im Bauhauptgewerbe gerechnet werden: «Für das nächste Jahr betrachten wir mit Sorge den Rückgang von Arbeitsaufträgen der öffentlichen Hand von minus 9 Prozent im ersten Halbjahr», sagt ein Verbandssprecher. Trotz steigender Corona-Zahlen müssen Baustellen aber unbedingt offen bleiben, wie Urban Camenzind, Vizepräsident der Volkswirtschaftsdirektoren-Konferenz am Krisengipfel am Donnerstag betonte.

Pharma

Eine genaue Prognose zu einer zweiten Welle will der Verband Interpharma noch nicht abgeben. Bei der ersten Welle habe sich aber gezeigt, dass die Nachfrage nach Medikamenten kurzfristig deutlich stieg. Vom Grossisten bis zum Apotheker hätten Engpässe gedroht. Auch der internationale Austausch von Medikamenten, Impfstoffen und Halbfabrikaten war in Gefahr. Der Verband hofft, dass die Zusammenarbeit von Pharmafirmen, NGOs sowie nationalen und multinationalen Stellen helfen wird, diese Gefahren in einem allfälligen zweiten Lockdown zu reduzieren.

Höchste Infektionszahlen seit März

Am Mittwoch vermeldete das BAG 1077 bestätigte Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Diese Zahl war letztmals am 31. März höher, als das BAG 1129 Fälle meldete. «Die Schweiz ist momentan schlechter dran als ihre Nachbarn», sagte Gesundheitsminister Alain Berset an der Medienkonferenz. Nun macht sich die Schweiz Sorgen wegen einer zweiten Welle. Mit Blick auf die wirtschaftlichen Kosten mahnt Christian Rathgeb, der Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen: «Es gilt, einen zweiten Lockdown um jeden Preis zu verhindern.»

Banken

Die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse haben für die erste Hälfte des Jahres trotz Corona-Krise gute Zahlen gemeldet. So erwirtschaftete die CS mit 2,5 Milliarden Franken das beste Ergebnis des letzten Jahrzehnts. Mit dem KMU-Kreditprogramm haben die Banken die Volkswirtschaft in der Krise gestützt, wie ein Sprecher der Schweizerischen Bankiervereinigung erklärt. «Auch bei steigenden Fallzahlen sind die Banken unverändert für die Wirtschaft da.» Da die Schweizer Banken so stabil wie noch nie aufgestellt seien, müsse man keine Angst um die Branche haben. «Doch geht es der Wirtschaft schlecht, ist das auch für die Banken nicht gut.» Daher müsse ein zweiter Lockdown wenn immer möglich verhindert werden.

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315 Kommentare
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Baufuzzi

17.10.2020, 23:23

Soso, "die Baustellen müssen unter allen Umständen offen bleiben" Bauarbeiter sind halt ersetzbar, europaweit, darum bei uns keine Masken, keine Händewaschgelegenheit, und kein Abstand...

Sunpower

17.10.2020, 16:57

Wasserstoff wird durch sogenannte Elektrolyse von Wasser 💧 abgespalten. Vereinfacht gesagt wird dabei Wasser unter Strom gesetzt und so in seine Einzelteile zerlegt: Wasserstoff und Sauerstoff. "Grün" wird der Wasserstoff dann, wenn bei der Gewinnung ausschließlich Strom ⚡️ aus erneuerbaren Energien von Solaranlagen ☀️, Windparks 💨 und Co. eingesetzt wird. Bei seiner späteren Verwendung etwa in einer Brennstoffzelle entsteht durch die Reaktion mit dem Sauerstoff aus der Luft ebenfalls nur Wasser 💦 Heisst: Weder die Herstellung noch die Nutzung von grünem Wasserstoff produziert umweltbelastendes Kohlendioxid (CO2).

Musikerin

17.10.2020, 13:28

Und wer denkt an die Kulturschaffenden? Ich wage zu behaupten, dass diese die Coronakrise härter trifft, als die in diesem Artikel erwähnten Banker...