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«Tatort»Diese Entführung war nicht fesselnd

Auch Schutzmann Schenks Wonnebäckchen und Ballaufs amouröse Arbeitsbeziehung können nicht kaschieren, dass der neue Kölner «Tatort» keinen Kidnapper vom Hocker haut.

von
P. Dahm

Der TV-Pathologe Dr. Roth (Joseph Bausch) mahnt die Kommissare, ihn nicht aufzuhalten. «Ich kann mir meine Arbeit ja nicht mit nach Hause nehmen.» Und das war er dann auch schon, der Höhepunkt der «Tatort»-Episode «Keine Polizei». Der Todesfall, der anfänglich der Kollateralschaden einer Entführung zu sein scheint, mutiert in 90 Minuten sträflich zum Spannungskiller, weil Tat und Täter allzu leicht auszurechnen sind.

So wie beim Auftakt: Max Ballauf und Freddy Schenk erspähen am Tatort eine Nachbarin, die sich prompt als Zeugin besagter Entführung entpuppt. Weil niemand als vermisst gemeldet wird, suchen die Kommissare nach vergleichbaren Fällen und «geraten» an die Familie Thom. Elmar Schmitz-Thom (Oliver Bröcker) fiel schon einmal Menschendieben zum Opfer und ist seither ein verarmtes, nervliches Wrack. Seine Familie regelte die Sache damals ohne die Polizei. Sind die Verbrecher dieselben? Als Ballauf und Schenk anrücken, sieht der Zuschauer, dass die Herren von der Kripo bereits erwartet werden. Klar haben diese Leute etwas mit der aktuellen Sache zu tun.

Die Kölner ermitteln, dass der Entführte der Sohn von Baulöwe Markus Wächter namens Daniel ist. Nach hölzerner Diskussion mit dem Vater («Ihnen geht es doch nur um die Quote. Um ihre Aufklärungsquote!») arbeitet die Familie mit der Kripo zusammen. Polizeipsychologin Lydia Rosenthal wird hinzugezogen, bei der Balz-Bulle Ballauf in früherer Folge schon privat auf der Couch sass. Das eröffnet Spielraum für jede Menge Geplänkel, das über die schmale Handlung hinwegtäuschen soll. Er zu ihr: «Du bist ja keine Frau. Du bist ja eine Kollegin.» Sie zu Mama Wächter: «Ganz tief durchatmen.» Und: «Wir müssen Geduld haben.»

Hier entsteht der «Tatort» Luzern.

Merke: Teurer Speck fängt junge Mäuse

Hemdsärmelig hangeln sich die Kommissare durch die Handlung. Sie stellen Markus Wächter zur Rede, als sie von angespannten Finanzen und einer Affäre erfahren. «Sie spielen hier den grossen Macho», fährt Schenk den Vater an. «Sie wollen doch noch richtig durchstarten mit der kleinen Maus.» Ballauf brilliert als Frauenkenner: «Und die Jungen, die sind teurer als die Alten.» Der vermeintlich Verdächtige antwortet das einzig Richtige. «Wie doof muss man eigentlich sein, um auf solche Ideen zu kommen?» Sohn Daniel kann sich zwar kurz darauf selbst befreien, doch das stellt sich auch als schlechte Idee heraus. Er stürzt auf der Flucht vor seinen beiden Häschern ab und stirbt.

Weil das Kind im akuten Fall quasi in den Brunnen gefallen ist, nehmen sich Ballauf und Schenk die Verdächtigen der damaligen Thom-Entführung vor. An deren Angellaube entlarven die Beamten sie bald als diejenigen, die Elmar Schmitz-Thoms gekidnappt und sein Leben ruiniert haben. Doch für den aktuellen Fall kommen die Gauner nicht in Frage. Als die Leiche des Entführungsopfers auftaucht, schwört Schenk schäumend der Witwe: «Wir kriegen die. Das verspreche ich ihnen.» Wenig später droht ihm Kollegin Franziska auf dem Revier: «Wenn du mich noch einmal Schäfchen nennst, erschiess ich dich.» Mal hü, mal hott.

Des Pudels Kern im letzten Akt

Weiter geht es wirr und durcheinander. Um die Entführer mit Lösegeld zu locken, handelt die Polizei, als würde der Wächter-Sohn noch leben. Während Ballauf den Kurier spielt, recherchiert Schenk im Thom-Umfeld und erkennt, dass die früheren Opfer nun zu Tätern geworden sind. Was für eine Wendung! Das Lösegeld taucht bei der Übergabe im Kanal ab, aber bei der Fahrschule der Familie Thom (und somit bei Schenk) wieder auf. Die gefallenen Kleinbürger dürfen sich bei der Verhaftung ein letztes Mal rechtfertigen. «Einmal nicht Opfer sein», trotzt die Gattin. Max Wächter habe ihre Pleite ausgenutzt, grollt Elmar: «Das letzte Hemd haben die uns genommen.» Und abführen!

Die Schlussszene an der Currywurstbude am Rhein hat Tradition beim beliebten Kölner «Tatort». Dieses Mal hängen triste, graue Wolken über dem Nachthimmel. Freddy Schenk kommt mal wieder zu spät, sein Kollege und Lydia Rosenthal warten bereits auf ihn. Die Männer beginnen ihre übliche Zickerei. Schenk zur TV-Psychologin, einer Frau Ende 40, mit Blick auf Ballauf: «Wenn du je Kinder haben willst, bloss nicht mit dem.» Im Eifer des Gockelgefechts tritt ruhige Hühnerflüsterin leise ab. Dieser letzte Akt passt zur Episode «Keine Polizei». Sie sagt alles.

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