Impfen oder nicht? - Diese Fakten können dir beim Impfentscheid helfen
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Impfen oder nicht?Diese Fakten können dir beim Impfentscheid helfen

Die Impf-Diskussion wird oft emotional geführt. Dabei können Nutzen und Risiko der Impfung grösstenteils beziffert werden. Wir liefern die Zahlen dazu.

von
Daniel Graf
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Die Frage, ob man sich gegen Covid-19 impfen lassen soll oder nicht, wir liefern die Fakten und ein Experte ordnet ein. 

Die Frage, ob man sich gegen Covid-19 impfen lassen soll oder nicht, wir liefern die Fakten und ein Experte ordnet ein.

20min/Celia Nogler
Fehlte anfangs noch der Impfstoff, können sich Passanten jetzt teilweise sogar spontan im Impfbus impfen lassen. 

Fehlte anfangs noch der Impfstoff, können sich Passanten jetzt teilweise sogar spontan im Impfbus impfen lassen.

20min/Celia Nogler
Doch nicht alle wollen die Impfung. 

Doch nicht alle wollen die Impfung.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Der Nutzen einer Covid-Impfung und die damit verbundenen Risiken lassen sich beziffern.

  • Eine Ethikerin fordert, dass diese Fakten wieder vermehrt in die Diskussion rund um den Impfentscheid einfliessen.

  • Betrachtet man nur die Zahlen wird klar: Der Nutzen einer Impfung überwiegt laut Expertinnen und Experten das Risiko.

Lässt Du dich impfen? Bist du schon geimpft? Mit welchem Impfstoff? Und was für Nebenwirkungen hattest du?

Kaum ein Thema wird derzeit wohl öfter diskutiert als die Corona-Impfung. Die Expertinnen und Experten des Bundes sind besorgt über die vielen freien Impftermine und fordern alle Schweizerinnen und Schweizer auf, sich impfen zu lassen. Eine Ethikerin kritisiert jüngst, dass die Impffrage zu emotional diskutiert werde. Doch wie sehen Nutzen und Risiken der Impfung tatsächlich aus? Wir liefern die Fakten und ein Experte ordnet ein.

Zur Gefährlichkeit von Corona

Um den Impfentscheid zu fällen, muss die Frage nach der Gefährlichkeit des Virus, gegen das man sich schützen will, geklärt werden. Dazu sind aktuelle Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) vorhanden:

Hinweis: Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum vom 8. Juni 2020 bis am 31. Mai 2021. Varianten, die sich seit Ende Mai ausgebreitet haben und die möglicherweise gefährlicher sein könnten, sind nicht berücksichtigt. Dazu zählt auch die Delta-Variante, die in der Schweiz bereits 30 Prozent der Infektionen ausmacht.
Quelle und Darstellung: Bundesamt für Gesundheit (BAG) 

Hinweis: Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum vom 8. Juni 2020 bis am 31. Mai 2021. Varianten, die sich seit Ende Mai ausgebreitet haben und die möglicherweise gefährlicher sein könnten, sind nicht berücksichtigt. Dazu zählt auch die Delta-Variante, die in der Schweiz bereits 30 Prozent der Infektionen ausmacht.

Klar ist: Je älter jemand ist, desto höher ist die Gefahr, aufgrund einer Covid-19-Erkrankung im Spital zu landen oder gar zu sterben. Für alle Personen unter 40 Jahren beträgt die Gefahr, wegen Covid-19 im Spital zu landen, weniger als ein Prozent. Mit steigendem Alter nimmt dieses Risiko exponentiell zu, von den über 80-Jährigen landet jeder Fünfte, der sich ansteckt, im Spital.

Zur Gefahr, sich mit Corona anzustecken

Ein weiterer Faktor ist die Frage, wie hoch die Gefahr, sich mit Corona anzustecken, denn überhaupt ist. Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH), sagt dazu: «In der Schweiz sind die Fallzahlen momentan sehr tief, die Gefahr sich mit dem Coronavirus anzustecken deshalb gering. Es ist durchaus denkbar, dass die sinkende Impfbereitschaft damit zusammenhängt: Die Menschen sehen die tiefen Fallzahlen und halten es daher nicht für zwingend nötig, sich impfen zu lassen.»

Diese Sicht greife aber zu kurz: «Wir haben im letzten Herbst gesehen, wie schnell es gehen kann, dass die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen. Aktuelle Daten von mehreren Ländern in Europa zeigen erneut eine starke Zunahme der Fallzahlen, was wir mit grosser Sorge beobachten», sagt Utzinger.

Es ist deshalb laut Utzinger «plausibel», dass alle, die sich nicht impfen lassen oder nicht bereits von einer Infektion genesen sind, sich früher oder später mit dem Virus anstecken werden: «Es gibt diverse Gründe, weshalb die Infektionszahlen bald wieder ansteigen könnten: die Saisonalität, die Reiseaktivität in den Ferien, vermehrtes Aufhalten in geschlossenen Räumen im Herbst oder ansteckendere Varianten. Wenn das passiert, ist es durchaus denkbar, dass sich Personen, die sich noch nicht immunisiert haben, noch anstecken könnten. Insbesondere, wenn Schutzmassnahmen wie Abstand halten und Maskentragen aufgehoben werden.»

Zur Schutzwirkung der Impfung

Auf der anderen Seite steht die Impfung. In der Schweiz sind derzeit die beiden mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen. Welchen Impfstoff man erhält, kann man nicht wählen. Die Wirksamkeit ist laut BAG bei beiden sehr hoch: Beim Impfstoff von Biontech/Pfizer beträgt sie bei Personen ab 16 Jahren bei vollständiger Immunisierung rund 95 Prozent, beim Moderna-Impfstoff bei Personen ab 18 Jahren 94 Prozent. Der Schutz bezieht sich dabei auf eine symptomatische Covid-19-Erkrankung. Diese Daten beruhen auf den Phase-III-Studien, die letztes Jahr durchgeführt wurden, bevor Mutationen zirkulierten.

Utzinger: «Es ist zurzeit unbestritten, dass die beiden in der Schweiz zugelassenen mRNA-Impfstoffe den wirksamsten Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung darstellen.» Noch nicht restlos geklärt sei, inwieweit es zu Reinfektionen nach vollständiger Immunisierung komme und wie hoch der Schutz bei Mutationen sei. Die bisherigen Erkenntnisse zeigen laut Utzinger, dass die Impfungen auch gegen die bisher bekannten Virusvarianten gut schützen, insbesondere vor schweren Krankheitsverläufen.

Zu leichten Nebenwirkungen

Viele haben es schon selber erlebt, andere davon gehört: Nach der Impfung berichten einige von Kopfschmerzen, Fieber, Gliederschmerzen, Schüttelfrost und ähnlichen Symptomen. Das kann abschrecken. Genaue Zahlen zu diesen Impfreaktionen gibt es nicht, weil Geimpfte diese meist zu Hause auskurieren, ohne eine offizielle Stelle oder den Arzt darüber zu informieren.

Der Swiss TPH-Direktor sagt dazu: «Es stimmt, solche Nebenwirkungen sind tatsächlich relativ häufig, insbesondere nach der zweiten Impfung. Absolut zentral dabei ist aber: In fast ausnahmslos allen Fällen sind sie nach spätestens 48 Stunden wieder vollständig verschwunden.» Auch seien diese Impfnebenwirkungen in den Phase-III-Studien der Hersteller mit über 40’000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut dokumentiert. Unabhängig vom Alter stelle sich also für jeden und jede die Frage: «Will ich mögliche Nebenwirkungen in Kauf nehmen, mich dafür aber sehr wirksam gegen Covid-19 schützen?»

Zu schweren Nebenwirkungen

Eine weitere Befürchtung sind schwere Nebenwirkungen. Das Heilmittelinstitut Swissmedic hat bisher rund 3400 Verdachtsfälle untersucht und ein Drittel davon als schwerwiegend eingestuft. Schwerwiegend bedeutet gemäss Swissmedic, dass ein Spitalaufenthalt nötig wurde oder dass ein Spitalaufenthalt verlängert wurde. Gestorben ist in der Schweiz gemäss Swissmedic noch niemand nach einer Covid-19-Impfung.

Auf 7,2 Millionen verabreichte Impfdosen kommen gemäss Swissmedic 2125 gemeldete nicht schwerwiegende Nebenwirkungen und 1294 gemeldete schwere Nebenwirkungen. Es traten also bei 0,047 Prozent der Impfungen Nebenwirkungen auf – die oben beschriebenen Impfreaktionen ausgenommen. Anders ausgedrückt: Auf 2125 Impfungen kommt eine Meldung über Nebenwirkungen.

Jürg Utzinger bestätigt, dass schwere Nebenwirkungen «extrem selten» seien. «Eine wirklich bedrohliche Nebenwirkung der mRNA-Impfungen ist bisher nicht bekannt, obwohl Millionen von Menschen auf der ganzen Welt geimpft wurden.»

Zu möglichen Folgeschäden

Auch die Angst, dass sich erst in einem grösseren zeitlichen Abstand, also in einigen Jahren, Folgeschäden der Impfung bemerkbar machen, kann von der Impfung abhalten. «Es ist natürlich so, dass wir das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschliessen können», sagt Utzinger. «Schliesslich werden die mRNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus erst seit weniger als einem Jahr geimpft.» Aber: «Bei allen bisher bekannten Impfungen treten Nebenwirkung direkt unmittelbar nach der Impfung oder spätestens nach ein paar Tagen auf. Es gibt keinen plausiblen biologischen Grund, weshalb das bei den mRNA-Impfstoffen anders sein sollte», sagt Utzinger.

Möglich wäre laut dem Experten allenfalls, dass eine Nebenwirkung so selten ist, dass sie trotz Millionen von Geimpften erst ganz vereinzelt aufgetreten ist. «In diesem Fall wäre es denkbar, dass die Nebenwirkung gar nicht mit der Impfung in Verbindung gebracht wurde und der Zusammenhang deshalb erst später festgestellt wird.» Das glaubt Utzinger aber nicht: «Es existieren weltweit hervorragende Überwachungs- und Meldesysteme. Ich bin überzeugt, dass allfällige schwere Nebenwirkungen erkannt und dokumentiert worden wären. Die Pflicht, dies zu tun, gilt für die Hersteller übrigens auch Jahre nach der Zulassung noch.»

Zusammenfassung

Utzinger fasst zusammen: «Der Nutzen einer Corona-Impfung mit einem in der Schweiz zugelassenen mRNA-Impfstoff überwiegt die Risiken bei weitem.» Zu diesem Schluss kommt auch das BAG. «Das Nutzen-Risiko-Verhältnis steigt aber deutlich an, je älter jemand ist, weshalb die Impfung insbesondere für die Risikogruppen von zentraler Bedeutung ist.»

Weitere Faktoren spielen eine Rolle

Neben den erwähnten und mit Zahlen belegbaren Fakten spielen weitere Überlegungen beim Impfentscheid eine Rolle. Dazu zählt etwa die Gefahr, nach einer Erkrankung noch lange unter Symptomen zu leiden, das sogenannte Long Covid. Aber auch die Überlegung, dass jemand, der sich impfen lässt, auch Menschen schützt, die sich etwa aufgrund einer anderen Erkrankung nicht impfen lassen können. Auch persönliche Gründe und Haltungen können in den Impfentscheid einfliessen. Auf diese und weitere Faktoren wurde hier aus Platzgründen nicht eingegangen. Der Impfentscheid ist letztlich eine persönliche Entscheidung, es steht jedem und jeder frei, wie er oder sie sich entscheidet.

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