Aktualisiert 28.06.2020 09:32

Feminismus in den Zwanzigern

Diese Frauen regierten eine Wild-West-Stadt

Jackson, Wyoming, wählte 1920 eine Regierung, die nur aus Frauen bestand. Wird es noch weitere 100 Jahre dauern, bis das wieder passiert?

von
Meret Steiger
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Diese fünf Frauen regierten zwischen 1920 und 1923 die Kleinstadt Jackson im Bundesstaat Wyoming: Mae Deloney, Rose Crabtree, Bürgermeisterin Grace Miller, Faustina Haight, Genevieve Van Vleck. (von links nach rechts)

Diese fünf Frauen regierten zwischen 1920 und 1923 die Kleinstadt Jackson im Bundesstaat Wyoming: Mae Deloney, Rose Crabtree, Bürgermeisterin Grace Miller, Faustina Haight, Genevieve Van Vleck. (von links nach rechts)

COLLECTION OF THE JACKSON HOLE HISTORICAL SOCIETY AND MUSEUM, 1958.0090.001P
Jackson galt, zur damaligen Zeit, als gesetzlose Kleinstadt. Das lag wohl vor allem an der Lage: Dank der umliegenden Berge ist Jackson vergleichsweise versteckt.

Jackson galt, zur damaligen Zeit, als gesetzlose Kleinstadt. Das lag wohl vor allem an der Lage: Dank der umliegenden Berge ist Jackson vergleichsweise versteckt.

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Dass die Geschichte aus Jackson solche Wellen schlug, lag aber auch am Timing: 1920 wurde der 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten hinzugefügt, der den Frauen das Wahlrecht gibt. (Die Hauptstrasse um 1920)

Dass die Geschichte aus Jackson solche Wellen schlug, lag aber auch am Timing: 1920 wurde der 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten hinzugefügt, der den Frauen das Wahlrecht gibt. (Die Hauptstrasse um 1920)

Collection of the Jackson Hole Historical Society and Museum, 1958.0394.001

Diesen Frühling war es 100 Jahre her, dass in Jackson, einem Ort im Bundesstaat Wyoming, die «Petticoat Rulers» (Ein Petticoat ist ein Unterrock, den die Frauen zu dieser Zeit unter ihren Kleidern trugen) gewählt wurden: Eine komplett weibliche Regierung sollte künftig über das bewegte Dorf herrschen. Am 11. Mai 1920 gewannen Grace Miller (Bürgermeisterin), Rose Crabtree, Mae Deloney, Faustina Haight und Genevieve Van Vleck die Wahl gegen die Männer des Dorfes.

Es war keineswegs eine knappe Entscheidung: Die Damen hatten rund die Hälfte mehr Stimmen als die Männer. Rose Crabtree trat gegen ihren Mann Henry an und sammelte doppelt so viele Stimmen wie er. «Den Frauen war schon bewusst, dass das ein spezielles Ereignis war», sagt Jim Rooks, der Urenkel von Genevieve Van Vleck, der in Jackson als Lehrer arbeitet, «ihnen war aber sicher nicht bewusst, dass die Menschen noch 100 Jahre später darüber reden würden.»

Gesetzlose Stadt

Die Wahl der «Petticoat Rulers» schlug hohe Wellen in ganz Amerika, auch weil Jackson berühmt-berüchtigt war: Der Ort galt als Treffpunkt für zwielichtige Gestalten, als gesetzlose Stadt gar. Zeitungen auf der ganzen Welt berichteten über die komplett weibliche Regierung, darunter auch der Londoner «Daily Chronicle», der titelte: «Stadt von Frauen regiert! Fast-Regierungsmitglied von seiner Frau besiegt», in Bezug auf Rose und Henry Crabtree.

Grundsätzlich waren sich die Zeitungen aber einig: Mit einer weiblichen Regierung würde die Gesetzlosigkeit in Jackson, die vermutlich vor allem mit der versteckten Lage in den Bergen zu tun hat, endlich ein Ende nehmen. Keine Pferdediebstähle mehr, keine fatalen Schlägereien im Salon und keine Goldminen-Morde mehr.

Sogar die Gesetzlosen begeistert

Mindestens einen der Verbrecher konnten die «Petticoat Rulers» für sich gewinnen: Der verurteilte Räuber Ed Trafton schrieb einen Gratulationsbrief an Miller, als die Frauen ihre zweite Wahl gewannen: «Ich glaube, Ihre kleine Stadt ist die erste, die von Frauen regiert wird. Das zeigt nicht nur das Vertrauen, das ihr in die weibliche Intelligenz habt, sondern auch die Intelligenz aller Bürger. Hurra für Jackson!»

Tatsächlich war die Gruppe um Grace Miller aber nicht die erste komplett weibliche Regierung: In Oskaloosa (Kansas) wurde bereits 1888 eine rein weibliche Regierung gewählt und in Kanab (Utah) um 1912 ebenfalls.

Frühes Frauenstimmrecht

Dass die Geschichte aus Jackson solche Wellen schlug, lag aber auch am Timing: 1920 wurde der 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten hinzugefügt, der den Frauen das Wahlrecht gibt. In Wyoming gab es dieses Wahlrecht allerdings schon gut 60 Jahre früher, was dem Bundesstaat den Spitznamen «Equality State» (Gleichberechtigungs-Staat) einbrachte.

In Jackson wurden auch die übrigen Stellen mit Frauen besetzt: Marta Winger wurde Stadtschreiberin, Edna Huff die Gesundheitsvorsteherin, und Viola Lunbeck verwaltete die Finanzen. Die Rolle der Polizeichefin übernahm Pearl Williams, eine überraschende Wahl: Williams war nur knapp 1,52 m gross und erst 22 Jahre alt. Gegenüber dem Lokalblatt sagte die junge Frau im Mai 1921 angeblich: «Ich habe kürzlich drei Männer eigenhändig getötet und vergraben. Seither hatte ich keine Probleme mehr, mit niemandem.»

Erfolgreiche Regierung

In den drei Jahren, in denen Bürgermeisterin Miller mit ihren Frauen regierte, war Jackson ausgesprochen erfolgreich: Der Inhalt der Stadtkasse verzehnfachte sich (von 200 auf 2000 Dollar), da die Frauen überfällige Steuern eintrieben, die die Männer der vorherigen Regierung vergessen oder ignoriert hatten.

Sie werteten die Stadt ausserdem auf, indem sie Strassenlampen aufstellen liessen und dafür sorgten, dass Jackson einen eigenen Friedhof bekam. Die Damen, die in den offiziellen Dokumenten übrigens überall als «councilmen» bezeichnet werden, erliessen auch ein Verbot von explosiven Materialien und bestimmten, dass im Zentrum keine Kühe mehr weiden dürfen.

«Alles muss man selber machen»

Aber wie kamen die «Petticoat Rulers» in der damaligen Zeit überhaupt auf die Idee, sich zur Wahl zu stellen? Aus rein praktischen Gründen: «Es war eine praktische Herangehensweise. Sie wollten, dass es erledigt wird, also haben sie es einfach selbst gemacht», sagt Michelle Rooks, ebenfalls Urenkelin von Van Vleck. Sie soll sogar beim Amtsantritt «Alles muss man selber machen» gesagt haben.

Nach der dreijährigen Frauenregierung dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis wieder eine Frau in der Regierung sass. Eine Frau als Bürgermeisterin wurde erstmals 2014 wieder gewählt. In der Stadt erinnert man sich aber gerne an die weibliche Regierung: Die Ranch, in der Grace Miller lebte, ist heute Teil eines Elch-Schutzgebiets, das Haus von Genevieve Van Vleck ist ein Restaurant, das Café Genevieve, und das Hotel, das einst Rose und Henry Crabtree gehörte, ist heute ein Supermarkt, der «Crabtree Corner» heisst.

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