Aktualisiert 02.02.2012 12:22

VorsichtsmassnahmenDiese Gefahren bringt die extreme Kälte

Es ist eisig geworden: Temperaturen im zweistelligen Minusbereich machen Autos, Zügen oder Menschen zu schaffen. Wie ist die Schweiz vorbereitet – und was können Sie tun?

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fum/ann/amc

Die sibirische Kältewelle rollt an. Noch springt das Auto einwandfrei an, der ÖV funktioniert reibungslos und auch die Skimaske muss noch nicht zwangsläufig angezogen werden. Spätestens Ende Woche sieht das aber anders aus: Die Höchsttemperaturen fallen auf bis zu -10 Grad. 20 Minuten Online hat aufgelistet, welche Herausforderungen während der sibirischen Tage auf Sie warten und worauf Sie achten müssen.

Finger weg vom Alkohol!

Dass man sich während einer Kältewelle warm anziehen soll, gehört zum gesunden Menschenverstand. Die Ärzte haben aber noch ein paar weitere Tipps auf Lager: «Ausdauersportarten wie Joggen sollte man zurückhaltend betreiben, sonst kann es für die Bronchien heikel werden», sagt Margot Enz, Vorstandsmitglied des Schweizer Hausärzteverbandes. Besonders aufpassen müssen ältere Leute, für ihren Organismus kann die Kälte eine zusätzliche Belastung sein. Gleiches gilt für die Eltern von Babys, sie sollten ihren Nachwuchs nicht zu lange spazieren führen. Und was im winterlichen Russland jeweils besonders gepredigt wird, gilt auch bei uns: Alkohol gibt nur scheinbar warm!

Das Auto hat bei extremer Kälte viele Schwachpunkte

Wer sein Auto nicht in eine Garage stellen kann, steht in den kommenden Tagen besser ein paar Minuten früher auf. Die extreme Kälte könnte für Probleme sorgen: Ab fünf Grad unter Null frieren oft die Türschlösser des Autos zu. Den Schlüssel mit dem Feuerzeug aufheizen, hilft selten - eher verbrennt man sich die Finger. Besser helfen Enteisungssprays, es dauert dennoch einige Minuten, bis es endlich losgehen kann. Am besten sprüht man präventiv am Vorabend – Enteisungssprays helfen übrigens auch beim Fahrradschloss.

Wer die Türe endlich aufgeschlossen hat, sitzt unter Umständen aber noch lange nicht im Auto. Neben den Schlössern frieren gerne auch die Tür-Dichtungen ein. Die Türe klebt dann förmlich am Rahmen. Fachleute raten, die Türdichtungen mit Gummipflegemittel zu behandeln.

Sollten die Temperaturen sogar auf zehn Grad und mehr unter Null sinken, kann es sein, dass das Auto gar nicht erst anspringt. Vor allem Diesel-Motoren sind kälteanfällig. Der Treibstoff enthält zwar Frostschutzmittel, bei klirrender Kälte wird er aber dickflüssig und der Wagen läuft dann unruhig. Kälteanfällig sind auch die Auto-Batterien: Wer in den vergangenen Tagen schon Probleme hatte, am Morgen sein Auto zu starten, sollte sich unbedingt überlegen, eine neue Batterie zu kaufen. Ist die Batterie älter als vier Jahre, sind Probleme programmiert. Im Vergleich zu Sibirien oder Alaska haben es die Autofahrer in der Schweiz trotz allem noch gut. Wir müssen den Wagen nicht die ganze Nacht laufen lassen oder eine Motorheizung einbauen.

Vorsicht vor Lastwagen

(Bild: Kapo Solothurn)

Die Strasse ist bei Minus-Temperaturen nicht nur wegen der Glätte gefährlich. Auf den Plachen von Last- und Lieferwagen können teilweise Wasserlachen gefrieren. Die Eisplatten können in der Folge besonders auf Autobahnen zu gefährlichen Geschossen werden, warnt die Kantonspolizei Solothurn. Ein erster Autofahrer machte bereits am Dienstagmorgen in Kestenholz SO Bekanntschaft mit einer solchen Platte. Sie knallte bei einem Überholmanöver direkt auf seine Frontscheibe. Trotz massiver Sichtbehinderung gelang es dem Autofahrer glücklicherweise auf den Pannenstreifen zu fahren, schreibt die Polizei. Sie wird während der kommenden Tage entsprechende Kontrollen machen. Trotzdem ist es ratsam, Abstand zu halten.

SBB lässt Loks laufen

Die extreme Kälte könnte auch bei den SBB für Probleme sorgen, sie erstellen deshalb aufgrund der Wettermeldungen von Meteo-Schweiz jeden Tag und teilweise sogar stündlich einen Massnahmenplan mit verschiedenen Bereitschaftsgraden. «Damit wissen die Mitarbeiter genau, welche Massnahmen sie ergreifen müssen», sagt Sprecher Christian Ginsig. Dazu gehört etwa, dass die Loks ab Temperaturen von -5 Grad oder weniger eingeschaltet bleiben. Der Elektromotor bleibt so in Betrieb und warm. In den Kompressoren der Loks bildet sich nämlich Kondenswasser, das gefrieren und dann zu Lokstörungen führen könnte.

Am kommenden Wochenende ist die SBB «in höchster Alarmbereitschaft». 360 zusätzlich mobilisierte Mitarbeiter sollen dafür sorgen, dass es im Schienennetz zu keinen grossen Behinderungen kommt. Sie werden Salz streuen, die Gleise von Schnee befreien und Eiszapfen in den Tunnels zerschlagen.

Heikel sind die Weichen. Ab etwa -20 Grad wird das Heizen der Weichen kritisch. Das gilt besonders dann, wenn viel Schnee fällt, was in den kommenden Tagen allerdings nicht das Problem sein soll. 6800 Weichen sind mit einer Strom- oder Gas-Heizung ausgerüstet, was rund 60 Prozent aller Stellwerke entspricht. «Geheizt werden vor allem wichtige Weichen entlang der Hauptlinien», so Ginsig. Die Heizungen schalten sich dank Temperatursensoren automatisch ein. Mancherorts müssen aber auch Mitarbeiter mit Schweissbrennern die blockierten Weichen enteisen.

Auch bei den städtischen Verkehrsbetrieben gelten die Weichen als Schwachpunkte. Hinzu kommt, dass sich die Fahrleitungen bei extremer Kälte zusammenziehen und beschädigt werden können.

Auf der Piste gilt: Mehr bewegen, weniger frieren

Im Oberengadin sollen die Temperaturen auf bis zu minus 30 Grad fallen. Für Fabian Erny kein Grund, nicht auf die Piste zu gehen. Der Leiter der Skischule Pontresina hat Tipps für Schneehasen und Pistenflitzer während der sibirischen Tage: Das wichtigste sei, sich gut anzuziehen. Vor Kälte schützt ein Helm besonders gut. Gegen Erfrierungen im Gesicht gehört noch eine Skimaske drunter. Nebst Skihosen, Skijacke und Thermounterwäsche sind gute Handschuhe besonders wichtig. Auf der Piste gilt es, sich viel zu bewegen und wenig rumzustehen. Zum Schutz der Haut sollte man sich auch bei trübem Wetter jeden Morgen mit einem Sonnenschutz für den Winter eincremen. Und: Öfter mal eine Pause im Warmen machen, besonders mit kleinen Kindern.

Der Ball rollt – Rasenheizung sei Dank

Fussballfans müssen nicht zittern – zumindest nicht um die Super-League-Partien am Wochenende. Vier Spiele stehen am Samstag und am Sonntag an, alle werden auf beheizbaren Rasenflächen ausgetragen. Und die Kälte sei noch nie Grund gewesen, ein Spiel abzusagen, sagt Philippe Guggisberg, Sprecher der Swiss Football League (SFL), zu «20 Minuten». Bedenklich ist die arktische Kälte auch für die Spieler nicht, sagt FCZ-Arzt Dr. Christian Brunner. Gut aufwärmen, wärmende Unterwäsche, extra Bewegung für die Goalies - und alles ist im Lot am Wochenende. Für die Fans gilt: Finger weg vom Alkohol, extra warm anziehen und vor allem singen, hüpfen und fleissig klatschen.

Vögel füttern noch nicht nötig

Keine Sorgen müssen wir uns um unsere gefiederten Freunde machen: Vögel reagieren kaum auf die Kälte, ihr Federkleid isoliert gut und schützt sie vor kalten Temperaturen, heisst es bei der Vogelwarte Sempach. Ein Problem kann im Winter aber der Mangel an Nahrung werden. Bis jetzt war der Winter relativ mild und es ist genügend Futter vorhanden. Manche Vögel sind darum gar nicht in ihr Winterquartier gezogen. Wenn es jetzt ein bis zwei Wochen eiskalt bleibt, könnte sich dies allerdings ändern. Die Vogelwarte rät dann, den Vögeln mit Futter unter die Flügel zu greifen.

Sind Sie mit der Heizdecke unterwegs? Ist ihr Thermometer eingefroren oder haben Sie sonst ein spektakuläres Kältebild? Mail an: feedback@20minuten.ch

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