Aktualisiert 06.11.2015 10:31

Sportarzt Büsser

«Diese Hysterie droht den Football kaputtzumachen»

In den USA gibt es ein elftes Highschool-Football-Opfer, das seinen Sportverletzungen erlag. Sportarzt Gery Büsser weiss, dass gehandelt wird.

von
A. Hunziker

Das Schicksal von Luke Schemm schockt derzeit nicht nur die American-Football-Fans. Der 17-Jährige war während eines Spiels zusammengebrochen. Wenig später wurde er für hirntot erklärt. Schemm ist einer von elf Highschool-Spielern, die seit Juli an Sportverletzungen gestorben sind, wie ein Forschungszentrum aus dem US-Staat North Carolina berechnet hat. Wie das Zentrum weiter mitteilt, waren sieben der elf tödlichen Vorfälle direkt Sportverletzungen zuzuschreiben, die restlichen vier hatten andere Gesundheitsprobleme als Grundlage.

Diese Welle von Tragödien erschüttert zurzeit die urtypischste aller US-amerikanischen Sportarten. Es ist aber bei weitem nicht das erste Mal. Bereits vor einem Jahr, im Oktober 2014, hatte eine ähnliche Ansammlung von jungen Footballern, die ihren Sportverletzungen erlagen, Schlagzeilen gemacht. Damals wie heute stellen sich die Fragen: Wie gefährlich ist American Football für die Gesundheit? Sind Spieler mit Helmen genügend geschützt? Sind es die Checks und Tackles, die für die tödlichen Verletzungen verantwortlich sind?

Der Helm muss richtig sitzen

Ja und nein. «Der Helm schützt zwar recht gut gegen Schädelbrüche, die durch direkte Gewalteinwirkung – zum Beispiel beim Zusammenprall der Köpfe – entstehen können. Dabei kann es jedoch auch zu Zerreissungen von Blutgefässen und tödlichen Hirnblutungen oder -schwellungen kommen», sagt Gery Büsser, Chefarzt für Sportmedizin der Schulthess Klinik Zürich und Leiter der Concussion-Taskforce von Swiss Ice Hockey. Diese untersucht und analysiert Hirnerschütterungen im Schweizer Eishockey.

«Der Helm schützt aber nicht vor Hirnerschütterungen, bei denen das Hirn durch das schlagartige Beschleunigen und Stoppen an der Schädelwand anprallt und es so zu teils massiven Funktionsstörungen kommt.» Diese Kopfverletzung sei im American Football, aber auch in anderen Kontakt- und Hochgeschwindigkeits-Sportarten leider sehr häufig, so Büsser. «Wichtig ist neben dem sportgerechten Respekt vor dem Gegenspieler, dass der Helm richtig sitzt.» Dies gilt für alle Sportarten, in denen ein Kopfschutz getragen wird.

Für Büsser sind die tödlichen Vorfälle im Highschool-Football jede für sich eine grosse Tragödie, die Anzahl müsse aber in Relation gesetzt werden. «Das ist absolut tragisch, aber verglichen mit der Anzahl der diesen Sport betreibenden Athleten wohl gar nicht so viel häufiger als in verwandten Sportarten oder auch Freizeitaktivitäten. Gerade im Skisport, Reitsport oder beim Velofahren kommen Kopfverletzungen leider ebenfalls gehäuft vor und sind vergleichbar.» Büsser zählt hier auch den Breitensport dazu.

Ältere Spieler sind anfälliger

Diese uramerikanische Sportart üben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten extrem viele Junge als Nationalsport aus, vor allem im Schul- und Studentenalter. Dies ist sicherlich mit ein Grund, warum es im Football so viele junge Menschen trifft. «Dabei wird aber in den USA an Highschools (bis 18 Jahre) und danach an Colleges in Sachen Prävention und Kopfverletzungsmanagement viel unternommen und Aufklärungsarbeit geleistet», sagt Büsser.

So haben Spieler etwa Erschütterungsmesser in ihren Helmen. Schlagen diese nach einem Zusammenstoss zu hoch aus, müssen sich die Spieler auswechseln lassen (siehe Video). Diese Helme sind aber teuer und die Schulen sind für die Anschaffung zuständig.

(Quelle: YouTube/CNN)

In der Schweiz betreibt man im Eishockey und nun auch im Fussball wichtige Aufklärungsarbeit, um vermehrt das Krankheitsbild der Hirnerschütterung verständlich zu machen und Präventionsstrategien zu entwickeln. «Sicherlich birgt der Kontaktsport Gefahren, und jede tödliche Verletzung ist eine zu viel. Allerdings sind Todesfälle aufgrund anderer Umstände (z. B. der plötzliche Herztod im Sport) ebenso ein Thema und nicht weniger selten. Auch hier gibt es Voruntersuchungen, die bis zu 60 bis 80 Prozent Risikokandidaten für einen plötzlichen Herztod identifizieren können», sagt Büsser.

Der aktuelle mediale Hype wegen der tödlichen Vorfälle im American Football führe bei vielen zu einer starken Verunsicherung oder gar zu einer Hysterie, die eine Sportart kaputt zu machen drohe. Das wäre gemäss Büsser sehr schade und würde nichts nützen. Denn statistisch gesehen hat die Sterblichkeit von Spielern im American Football in den letzten 50 Jahren massiv abgenommen.

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