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Diabetes, Leukämie und Co.Diese kranken und behinderten Büsi suchen ein neues Zuhause

An Krankheiten wie Leukämie, Diabetes oder Epilepsie leiden auch Katzen. Der Verein Handicapcats versucht, für solche schwer vermittelbaren Tiere ein Zuhause zu finden – und sucht aktuell neue Pflegestellen.

von
Simon Ulrich
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Barbara Rutsch und ihr Verein Handicapcats versuchen, für schwer vermittelbare Stubentiger ein neues Zuhause zu finden. Links im Bild: Kater Timo, der an Gingivitis leidet (meist bakteriell verursachte Zahnfleischentzündung). Ebenfalls zu vermitteln sind: 

Barbara Rutsch und ihr Verein Handicapcats versuchen, für schwer vermittelbare Stubentiger ein neues Zuhause zu finden. Links im Bild: Kater Timo, der an Gingivitis leidet (meist bakteriell verursachte Zahnfleischentzündung). Ebenfalls zu vermitteln sind:

Handicapcats
Woody mit dem trüben Auge. Womöglich hat er bei einem Kampf eine Hornhaut-Verletzung davongetragen.

Woody mit dem trüben Auge. Womöglich hat er bei einem Kampf eine Hornhaut-Verletzung davongetragen.

Handicapcats
Die verschmuste Siska (14) hat seit acht Jahren Leukose, auch Leukämie der Katze genannt. Normalerweise ist Katzen mit dieser Krankheit kein derart langes Leben vergönnt.

Die verschmuste Siska (14) hat seit acht Jahren Leukose, auch Leukämie der Katze genannt. Normalerweise ist Katzen mit dieser Krankheit kein derart langes Leben vergönnt.

Handicapcats

Darum gehts

  • Die Plattform Handicapcats.ch versucht, für Katzen mit geringen Vermittlungschancen ein neues Daheim zu finden.

  • Dies sei insbesondere bei Samtpfoten mit Inkontinenz und Diabetes schwierig, sagt Gründerin Barbara Rutsch.

  • Seit der Pandemie sei es vermehrt zu Abgaben von Katzen gekommen. Vor allem von solchen mit Inkontinenz.

  • Aktuell werden Katzenfreunde gesucht, die zu vermittelnde Tiere temporär zur Pflege aufnehmen.

Bagheera leidet seit letztem Sommer an epileptischen Anfällen. Der Körper des erst dreijährigen Freigängers versteift sich in solchen Momenten, der Mund beginnt zu zittern, er sabbert und manchmal verliert er auch etwas Urin. Mithilfe von Medikamenten sind die Anfälle zwar schwächer geworden, doch seit der Erkrankung ist das Leben mit Kindern für Bagheera zu stressig.

Die verschmuste Siska (14) hat seit acht Jahren Leukose, auch Leukämie der Katze genannt. Mit der Infektion lebte sie bis anhin sehr gut. Neulich jedoch haben die Besitzer einen Hundewelpen angeschafft, mit dem sich Siska überhaupt nicht anfreunden konnte.

Bagheera und Silka sind zwei der rund 15 Büsi, die sich derzeit auf Handicapcats.ch finden, einer Plattform zur Vermittlung von Katzen mit geringen Vermittlungschancen. Betrieben wird sie vom gleichnamigen Verein, den die Bernerin Barbara Rutsch präsidiert.

Corona: Mehr «unsaubere» Büsi abgegeben

«Ein Grossteil der zu vermittelnden Katzen sind bereits im Seniorenalter», erzählt Rutsch. Oftmals hätten die Besitzer bei der Anschaffung schlicht nicht bedacht, dass ein Tier gut 20 Jahre oder älter werden kann. Bekommen sie dann Kinder oder erfolgt ein Umzug, ist der Stubentiger plötzlich nicht mehr mit der neuen Lebenssituation vereinbar.

Häufig gesellen sich zum Alter Gebrechen und Krankheiten, von der Schilddrüsen-Überfunktion über Niereninsuffizienz bis hin zu Blind- und Taubheit. «Die Behandlung kann schnell ins Geld gehen und nicht jeder Besitzer ist bereit, die Kosten auf sich zu nehmen», weiss die 47-Jährige. Der Vierbeiner landet in der Folge beim Tierarzt, und von dort – gibt es keinen triftigen Grund, ihn einzuschläfern – in einer der schweizweit zwölf Pflegestellen von Handicapcats.

Am schwierigsten zu vermitteln seien Katzen, die – zum Beispiel infolge einer Nervenverletzung durch einen Unfall – inkontinent geworden seien. «Niemand will ein Büsi, das in die Wohnung pinkelt», sagt Rutsch, die auf einem Bauernhof zusammen mit vielen verwilderten Katzen aufwuchs. Seit der Corona-Pandemie seien überdurchschnittlich viele nicht stubenreine Tiere abgegeben worden: «Durch das häufige Zuhausesein haben die Leute die Unsauberkeit wohl weniger ertragen.»

Auch um Samtpfoten mit Diabetes oder Schilddrüsen-Überfunktion, die auf eine tägliche, zeitlich vorgegebene Abgabe eines Medikamentes angewiesen sind, reissen sich die Leute nicht. «Hier muss die Verfügbarkeit gewährleistet sein», erklärt die Katzenfreundin.

Fast alle finden einen Platz

Katzen mit Handicap bringen allerdings nicht nur Aufwand und Tierarztkosten, sondern auch Erfüllung mit sich. «Sie lassen den Besitzer für dessen Pflege ihre Dankbarkeit spüren», sagt Rutsch. «Oft entsteht so eine noch intensivere Bindung zwischen Mensch und Tier.»

Das sehen offenbar viele genauso. Denn die Vermittlungsquote bei Handicapcats lässt sich mehr als sehen: «Für 90 Prozent der Katzen finden wir ein neues Zuhause», sagt die Vereinspräsidentin. Gerade ältere Menschen würden sich oft auch ein älteres Büsi wünschen, mit dem sie gemeinsam den Lebensabend verbringen können. «Eine Win-Win-Situation.» Jene Tiere, für die sich keine Abnehmer finden lassen, bleiben entweder auf der Pflegestation oder werden an ein Tierheim weitergegeben.

Aktuell sucht der Verein Handicapcats, der 2016 gegründet wurde und sich aus Gönnerbeiträgen und Stiftungsgeldern finanziert, noch Katzenfreunde, die ehrenamtlich Büsi zur Pflege aufnehmen. Laut Rutsch müssen Interessierte zwingend über ein Zimmer verfügen, in dem der Pflegling (zumindest am Anfang) isoliert werden kann. Dies sei nötig, damit allfällige Erreger wie das Feline Leukämievirus (FeLV, kann Leukose verursachen) oder das Feline Immundefizienzvirus (FIV, kann «Katzen-Aids» hervorrufen) nicht auf andere Katzen im Haushalt übertragen werden.

Wie bei den potenziellen Pflegestellen führt Handicapcats auch bei interessierten Haltern stets eine Vorkontrolle durch. Wie wichtig diese sei, zeigt sich Rutsch zufolge darin, dass der Balkon immer wieder zum Streitpunkt werde. «Wir vermitteln Wohnungskatzen nur, wenn der Balkon vernetzt ist. Andernfalls erachten wir das Verletzungsrisiko als zu gross.»

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel. 079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00

Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Tierschutz Schweiz (anonym möglich)

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21 Kommentare
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Simon74

14.01.2021, 12:24

Wohlstandsprobleme...

Steff Moser

13.01.2021, 08:09

Sorry, aber Katzen vermehren sich wie Ratten, es halt also mehr als genug. Das sage sogar ich als Katzenbesitzer. In der Natur würden so kranke Tiere keinen Tag überleben, das ist wäre der Normalfall. Ich denke nicht, dass man diesen Tieren einen Gefallen tut. Für mich ist das Tierquälerei und die Projektion eines eigenen Defizits in Haustiere.

Sandro S.

13.01.2021, 08:01

Das nenne ich nicht Tierlebe, sondern Tierquälerei!