Aktualisiert 02.01.2016 19:14

Nervöse WeltDiese Krisen müssen Politiker 2016 stemmen

Vor Beginn des neuen Jahres herrscht fast nirgendwo Zuversicht. Eine Umfrage ermittelt die gefährlichsten Krisen.

von
Martin Suter, New York

Optimismus ist dieser Tage rar, zu diesem ernüchternden Schluss kommt Gideon Rachman in seiner neuen Kolumne in der «Financial Times». «Von Beijing bis Washington, Berlin bis Brasilia, Moskau bis Tokio», schreibt der der prominente Kommentator, «sind die Regierungen, die Medien und die Bürger nervös und fühlen sich umkämpft.»

Rachman lässt Revue passieren, wie sich die Verhältnisse in den letzten Jahrzehnten verändert haben: In den 1980er-Jahren wähnte sich Japan an der Spitze, ab 1990 genoss Amerika den Sieg im Kalten Krieg, nach 2000 expandierte selbstbewusst die Europäische Union und danach sonnte sich China in seinem rasanten Aufstieg.

Optimismus nur in Indien

Doch damit sei jetzt Schluss, schreibt Rachman. Japan zweifle an seinen Wachstumschancen, China werde zunehmend instabil, die EU ächze unter dem Flüchtlingsproblem und sogar in den wirtschaftlich starken USA erschalle der Ruf nach einem starken Mann, Donald Trump. Einzig in Indien, wo ein neuer Premierminister Reformen vorantreibt, macht der Kommentator eine optimistische Grundstimmung aus.

Die Nervosität gründet zu einem guten Teil in der Vielzahl schwer zu lösender Krisen. Um welche es sich handelt, hat die US-Denkfabrik «Council on Foreign Relations» (CFR) zum achten Mal in Folge mit einer Umfrage unter Fachleuten ermittelt. Die «Übersicht über Schwerpunkte der Vorbeugung» stellt nicht unerwartet den Nahen Osten ins Zentrum ihres Sorgenkatalogs. Und darin habe «der Bürgerkrieg in Syrien als grösste Sorge den Konflikt im Irak ersetzt», schreibt der CFR.

Voraussehen, um vorzubeugen

Das «Zentrum für Präventive Aktion» treibt für die Umfrage einigen Aufwand. Zuerst findet es aufgrund von Anfragen bei der breiten Öffentlichkeit heraus, welche Krisenherde die Menschen überhaupt bekümmern. Dann lässt es die dreissig am meisten genannten Problemfelder von Fachleuten aus Universitäten und der Verwaltung sowie von anderen aussenpolitischen Experten gewichten. Das Ergebnis solle «mögliche Zonen von Instabilität herausstreichen und US-Politikern dabei helfen, in Bezug auf nationale Sicherheit schädliche Ereignisse vorauszusehen», schreibt der Zentrumsdirektor Paul Stares.

Die Reihe der Konflikte in Stufe eins der Liste umfasst Probleme, die 2016 auch ausserhalb der USA als sehr bedeutsam gelten müssen. Nach dem womöglich eskalierenden Bürgerkrieg in Syrien an erster Stelle erwähnt der CFR eine grosse Cyber-Attacke auf US-Infrastruktur, eine Krise im Zusammenhang mit Nordkorea und eine fortwährende Instabilität in der EU, ausgelöst von der Flüchtlingswelle oder erneuten Terrorangriffen. Die letzten drei Probleme schätzt die Umfrage als sehr bedeutsam, wenngleich nur mittelwahrscheinlich ein.

Der Nahe Osten tobt weiter

Von grösserer Eintretenswahrscheinlichkeit, aber dafür mit weniger Auswirkungen sind nahöstliche Negativ-Trends. Zu ihnen zählt Gewalt in Libyen, Konflikt zwischen Israel und Palästinensern, politische Gewalt in der Türkei sowie Instabilität und Spaltung in Ägypten, Afghanistan und dem Irak. Die CRF-Fachleute rechnen mit diesen anhaltenden Konflikten, doch sie glauben auch, dass der Westen mit ihnen leben kann.

Als weniger wahrscheinlich und gefährlich stuft die Umfrage folgende Konflikte ein: Gewaltkriminalität in Mexiko, Instabilität in Pakistan, Gewalt im Libanon, ein erneuter Gewaltausbruch in der Ostukraine sowie eine Destabilisierung von Jordanien und Jemen. Auch die Konflikte in Ostasien kochen laut CFR-Experten auf kleiner Flamme, und noch weniger brennen die Probleme in Afrika unter den Nägeln westlicher Beobachter.

Entspannung um China und die Ukraine

Aufschlussreich sind die Veränderungen seit Ende 2014. Mindestens drei Konfliktherde machen den Kennern weniger Sorgen als damals: die mögliche Konfrontation zwischen China und anderen Anrainerstaaten des Südchinesischen Meers, neue Kämpfe in der Ukraine und eine Destabilisierung Nigerias durch Aktivitäten der Terrororganisation Boko Haram.

Der CFR-Krisenkatalog kam jedoch heraus, bevor Boko Haram am Montag Selbstmordangriffe auf Städte im Nordosten Nigerias durchführte. Drei junge Frauen jagten sich in die Luft und rissen laut CNN über 50 Menschen in den Tod. Die Attacken illustrierten, wie vorläufig alle von Experten erstellte Ranglisten sind: Sie können jederzeit von den Ereignissen überholt werden.

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