Aktualisiert 19.02.2014 17:29

«Kristallnacht»-Tweet«Diese Lawine hat mich überrascht»

Er stolperte über eine Twitter-Nachricht und verlor Job und Ämter. Der ehemalige SVP-Mann Alexander Müller sieht sich als Opfer eines «Shitstorms», bedauert alles und entschuldigt sich.

von
rme

Die persönliche Erklärung von Alexander Müller und die Einschätzung eines Kommunikations-Experten dazu. (Quelle: Keystone)

«Ich habe auf Twitter fragwürdige Aussagen gemacht», erklärte Alexander Müller am Mittwochmittag im Blitzlichtgewitter der Medien. Er bedaure diese sehr.

«Ich entschuldige mich in aller Form bei allen, deren Gefühle ich dabei verletzt habe. Das war nie meine Absicht», so Müller weiter. Selbstverständlich ziehe er die Konsequenzen seiner Handlungen. Er trete per sofort aus der SVP aus und lege all seine Mandate nieder.

Für die Partei sei damit die Angelegenheit abgeschlossen, sagte Kreispräsident Urs Fehr. Sicher werde man künftig vermehrt ein Augenmerk auf die Twitteraktivitäten der Mitglieder haben.

«Lawine» nicht kommen sehen

Fragen wollte Müller nach seiner persönlichen Erklärung nicht beantworten. Er verwies dabei auf das laufende Verfahren gegen ihn. Bloss zum Ende der Medienkonferenz ergriff Müller doch noch einmal das Wort, als er darauf angesprochen wurde, dass er offenbar Suizidgedanken habe. Er habe auf Twitter die Frage gestellt, was man eigentlich von ihm wolle. Ob man wolle, dass er sich umbringe, so Müller.

Er sei das Opfer eines «Shitstorms» geworden, eine Lawine habe ihn überrollt, «die mich überrascht hat». Es sei nicht so, dass er so labil sei, dass er sich nun umbringen wolle. Doch klar sei, dass er nun schauen müsse, wie er mit der neuen Situation umgehen könne.

Ein Tweet und seine Folgen

Die Geschichte begann am Wochenende. Am Samstagabend fragte Alexander Müller via Twitter die Welt, ob es nicht an der Zeit wäre, in der Schweiz eine «Kristallnacht» gegen Muslime durchzuführen. Im November 1938 hatten die Nazis zahlreiche jüdische Geschäfte und Synagogen zerstören lassen; der Volksmund prägte dafür den Begriff «Kristallnacht», weil dabei zahlreiche Fensterscheiben in die Brüche gingen.

Der «Tages-Anzeiger» brachte den Fall ins Rollen, als er die Story am Montag publizierte. Zunächst bestritt Müller sein Gezwitscher. Am Dienstag wiesen Computerfachleute jedoch nach, dass der Tweet «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht...diesmal für Moscheen.» aus seiner Feder stammt.

Die Staatsanwaltschaft eröffnete parallel dazu eine Strafuntersuchung und führte am Dienstag bei Müller eine Hausdurchsuchung durch. Müller trat daraufhin aus der SVP der Stadt Zürich aus, er war Vorstandsmitglied im Kreis 7 und 8. Sein Amt in der Kreisschulpflege Zürichberg legte er ebenfalls nieder. Auch seinen Arbeitsplatz als Kreditanalyst in einem weltweit tätigen Unternehmen der Finanzbranche verlor der 37-Jährige – er wurde entlassen.

Update Januar 2013

Im «Tages-Anzeiger» vom 31. Januar 2013 erhielt Alexander Müller Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen.

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