Verharmlosung der Judenverfolgung: «Diese Leute haben keine Ahnung, wovon sie reden»
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Verharmlosung der Judenverfolgung«Diese Leute haben keine Ahnung, wovon sie reden»

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus warnt vor antisemitischen Verschwörungstheorien. Präsidentin Martine Brunschwig Graf kritisiert auch Coronamassnahmen-Gegner, die die Judenverfolgung banalisieren.

von
Lucas Orellano
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Bei Demonstrationen von Coronamassnahmen-Gegnern sind immer wieder Bezüge zur Judenverfolgung zu sehen, wie hier im Februar in Wohlen AG.

Bei Demonstrationen von Coronamassnahmen-Gegnern sind immer wieder Bezüge zur Judenverfolgung zu sehen, wie hier im Februar in Wohlen AG.

20 Min/News-Scout
«Das ist nicht per se Antisemitismus», sagt EKR-Präsidentin Martine Brunschwig Graf.

«Das ist nicht per se Antisemitismus», sagt EKR-Präsidentin Martine Brunschwig Graf.

20 Min/News-Scout
Es handle sich dabei um eine Banalisierung der systematischen Vernichtung von Juden während des Zweiten Weltkrieges.

Es handle sich dabei um eine Banalisierung der systematischen Vernichtung von Juden während des Zweiten Weltkrieges.

Facebook / Giovanni Schumacher

Darum gehts

  • EKR-Präsidentin Martine Brunschwig Graf sieht Antisemitismus als grosse Gefahr bei Verschwörungstheorien.

  • In Krisenzeiten seien exponierte Gruppen besonders stark von Anfeindungen betroffen.

  • Ebenfalls als Problem sieht sie Gegner von Coronamassnahmen, die sich gelbe Judensterne anheften.

«In von Ungewissheit geprägten Zeiten, etwa während einer Pandemie, treten Stigmatisierung und Diskriminierung verstärkt auf und Sündenböcke werden bestimmt», schreibt die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) in einer Medienmitteilung zum Tag zur Beseitigung der Rassendiskriminierung.

«In der Covid-19-Krise ist dies nicht anders. Sie wird begleitet von einer Welle von Hass, rassistischen Vorurteilen und diskriminierender Rhetorik, die durch immer neue Gerüchte und Desinformationen angeheizt werden.» 20 Minuten sprach mit EKR-Präsidentin Martine Brunschwig Graf über Antisemitismus und die Corona-Pandemie.

Ist Antisemitismus bei Verschwörungstheorien das grösste Problem ?

Ja, es ist ein sehr grosses Problem. Diverse antisemitische Akte sind bereits verübt worden, wie beispielsweise in den letzten Wochen in Biel, Lausanne und Genf. Es ist schwierig zu sagen, ob diese Taten allein auf Covid-Verschwörungstheorien zurückzuführen sind. Aber es ist so, dass besonders exponierte Gruppen in Krisen die ersten sind, die Hass zu spüren bekommen.

Es gibt Kreise, die die Verschwörungstheorie verbreiten, dass Juden für die Pandemie verantwortlich sind. Aber natürlich ist Antisemitismus ein altes Phänomen, auch bei Pandemien. Schon bei der Schwarzen Pest wurde Juden vorgeworfen, sie hätten die Brunnen vergiftet.

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An der Tür der Bieler Synagoge wurden Mitte Februar antisemitische Symbole und Parolen entdeckt.

An der Tür der Bieler Synagoge wurden Mitte Februar antisemitische Symbole und Parolen entdeckt.

Privat
Unbekannte haben ein Hakenkreuz …

Unbekannte haben ein Hakenkreuz …

Privat
…sowie «Sieg Heil» und «Juden Pack» ins Holz geritzt. 

…sowie «Sieg Heil» und «Juden Pack» ins Holz geritzt.

Privat

Die EKR spricht von Besorgnis «über diese Feindseligkeit und Intoleranz, die in der Bevölkerung und in der Politik immer deutlicher zum Ausdruck kommen». Was gibt es aus der Politik für Beispiele?

Es geht uns um die allgemeine Stimmung, nicht um einzelne Politikerinnen und Politiker. Es ist mir kein Beispiel bekannt, wo Schweizer Politikerinnen und Politiker gezielt antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet hätten.

Das Problem liegt vielmehr auch bei den sozialen Medien. Mit einem Share oder Retweet kann man falsche Nachrichten und Webseiten verbreiten, ohne sie vorher überprüft zu haben. Wenn das viele Menschen tun, kreiert das eine Stimmung. Momentan würde ich das noch nicht als Hass bezeichnen, aber eine Anspannung ist zu spüren.

Schweizer Juden fühlen sich zunehmend bedroht

In einer letzten Juli veröffentlichten Studie untersuchte die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), wie Jüdinnen und Juden hierzulande Antisemitismus erfahren und wahrnehmen. Rund die Hälfte der Befragten gab an, in den letzten fünf Jahren real oder online antisemitisch belästigt worden zu sein. Fast drei Viertel gehen davon aus, dass Antisemitismus ein zunehmendes Problem darstellt. Die grösste Gefahr gehe von Antisemitismus im Internet aus, so die Meinung der Befragten. Von Körperverletzungen oder Tätlichkeiten wurde hingegen selten berichtet. Was die ZHAW-Studie auch zeigt: Die Situation jüdischer Menschen in der Schweiz ist im europäischen Vergleich weniger dramatisch.

Es gibt auf Demonstrationen von Coronamassnahmen-Gegnern immer wieder Menschen, die sich gelbe Judensterne anpinnen, auf denen «Ungeimpft» steht. Immer wieder sind Schilder mit Aufschriften wie «Impfung macht frei» zu sehen.

Das ist nicht per se Antisemitismus. Aber natürlich banalisieren diese Menschen mit ihren Schildern und gelben Sternen die systematische Vernichtung von Juden während des Zweiten Weltkrieges. Diese Leute sehen wahrscheinlich nicht, wie verletzend das sein könnte. Sie haben keine Ahnung, wovon sie reden. Dazu trägt sicher auch bei, dass es immer weniger Menschen gibt, die die Shoa erlebt haben und davon erzählen können. Und das hat wiederum auch einen Einfluss auf den Antisemitismus.

Gewisse Gegner von Coronamassnahmen zeigen sich mit gelben Judensternen.

Gewisse Gegner von Coronamassnahmen zeigen sich mit gelben Judensternen.

Twitter / @L_Rebecca_

Es gibt die Argumentation, dass gewisse Verschwörungstheorien absichtlich absurd sind, wie beispielsweise die jüdischen Weltraum-Laser, damit man sich hinter der Absurdität verstecken kann, wenn man sie verbreitet. Man trägt damit aber auch zu einer Stimmung bei.

Ja, das ist vielleicht so. Aus meiner Sicht ist die grösste Gefahr, dass Leute tendenziell mehr bereit sind, auch absurde Verschwörungstheorien zu glauben. Vielleicht weil sie für solche Theorien Sympathie haben, vielleicht, weil sie sie gar nicht hinterfragen wollen.

Was muss jetzt passieren, damit sich die Situation wieder verbessert?

Es ist wichtig, dass sich Medien damit beschäftigen und nicht nur berichten, sondern auch dekonstruieren. Es ist auch die Rolle der Medien, Fake News zu identifizieren. Ich weiss, das ist eine sehr schwierige Aufgabe und es müssen alle mitarbeiten, auch die EKR. Es gibt kein mirakulöses Rezept gegen Verschwörungstheorien, aber es ist essenziell, dass hinterfragt, benannt und darüber gesprochen wird.

«Ein grosses und ernstzunehmendes Problem»

«Der grösste ‹Trigger› 2020 war sicherlich die Corona-Pandemie», schreibt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) in seinem Antisemitismusbericht 2020 über Auslöser von verbalen und anderen Attacken auf Juden. Der SIG hat im vergangenen Jahr 532 antisemitische Vorfälle registriert (davon 485 im Internet) und konstatiert, dass antisemitische Verschwörungstheorien auch im Zusammenhang mit dem Coronavirus verbreitet werden.

Zwischen Mai und Dezember sind demnach 143 antisemitische Vorfälle in Chats von Coronamassnahmen-Gegnern gemeldet worden. «Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern und der USA scheint Antisemitismus bei den Gegnern der Coronamassnahmen in der Schweiz zwar verbreitet, jedoch, soweit analysiert, kein mehrheitsfähiges Gedankengut zu sein», schreibt der SIG dazu.

Als «grosses und ernstzunehmendes Problem» bezeichnet der SIG die Vergleiche mit Nazi-Deutschland. «Solche Vergleiche entbehren jeglicher Realität und sind unangebracht», heisst es im Bericht. «Obwohl die Vergleiche in diesem Kontext nicht antisemitisch sind, führen sie in der Menge, Häufigkeit und Verbreitung zu einer Abschwächung der Wahrnehmung der damaligen Ereignisse und somit doch zu einer gewissen Verharmlosung.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Antisemitismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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