18.90 Franken in Apotheke - Diese Lutschtablette wurde Kariem Hussein zum Verhängnis
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18.90 Fr.- in ApothekeDiese Lutschtablette wurde Kariem Hussein zum Verhängnis

Der Schweizer Leichtathlet Kariem Hussein ist wegen einer positiven Dopingprobe für neun Monate gesperrt. Schuld daran soll eine Gly-Coramin-Lutschtablette sein, die er «völlig unbekümmert» einnahm. Das hat es mit der Tablette auf sich.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Der Schweizer Leichtathlet Karien Hussein wird nicht in Tokio starten.

  • Grund dafür ist eine positive Dopingkontrolle.

  • Laut dem Hürdenläufer hat er die fragliche Substanz unbewusst zu sich genommen – über eine Lutschtablette, die es ganz normal in der Apotheke zu kaufen gibt.

Kariem Husseins Traum ist geplatzt: Die Olympischen Spiele in Tokio finden ohne ihn statt. Genauso wie alle anderen Leichtathletik-Wettkämpfe während neun Monaten. Grund dafür ist eine positive Dopingkontrolle nach den Schweizer Meisterschaften Ende Juni in Langenthal. Der Europameister über 400 m Hürden von 2014 beteuert seine Unschuld: Er habe «völlig unbekümmert» und «in Anwesenheit vom Doping-Kontrolleur und dem Wissen, dass es in einer Stunde eine Doping-Kontrolle geben wird, eine Gly-Coramin-Lutschtablette genommen» (siehe Video), so Hussein, der selbst Arzt ist.

Was ist Gly-Coramin?

Das Präparat ist in Apotheken frei verkäuflich. Kostenpunkt: 18,90 Franken. Es darf von Personen ab 16 Jahren eingenommen werden. Vom Hersteller, der Firma Hänseler AG, wird es zum Einsatz bei «Ermüdungserscheinungen bei körperlichen Anstrengungen sowie bei Beschwerden, die durch einen Höhenaufenthalt oder Luftdruckveränderungen wie z. B. beim Berggehen hervorgerufen werden», empfohlen. Es enthält Glucose (Traubenzucker), die Energie spendet, und Nikethamid, das die Atmung anregen kann. Hussein gibt an, die Tablette genommen zu haben, weil er sich nach dem Finallauf an der Schweizermeisterschaft unterzuckert gefühlt habe.

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Die Lutschtablette, die Kariem Hussein zum Verhängnis wurde, gibt es für 18.90 Franken in der Apotheke und schmeckt wie ein Sugus.

Die Lutschtablette, die Kariem Hussein zum Verhängnis wurde, gibt es für 18.90 Franken in der Apotheke und schmeckt wie ein Sugus.

20min/Marco Zangger
Sie wird vom Hersteller zum Einsatz bei «Ermüdungserscheinungen bei körperlichen Anstrengungen sowie bei Beschwerden, die durch einen Höhenaufenthalt oder Luftdruckveränderungen wie z. B. beim Berggehen hervorgerufen werden», empfohlen.

Sie wird vom Hersteller zum Einsatz bei «Ermüdungserscheinungen bei körperlichen Anstrengungen sowie bei Beschwerden, die durch einen Höhenaufenthalt oder Luftdruckveränderungen wie z. B. beim Berggehen hervorgerufen werden», empfohlen.

In der Regel können laut dem Hersteller auf den Tag verteilt bis zu 10 Lutschtabletten eingenommen werden.

In der Regel können laut dem Hersteller auf den Tag verteilt bis zu 10 Lutschtabletten eingenommen werden.

Warum wurde Hussein gesperrt?

Husseins Probe wies Spuren von Nikethamid und des Metaboliten N-ethylnicotinamide auf. Diese gehen auf den Inhaltsstoff Nikethamid zurück. Dabei handelt es sich um eine Psychostimulanz, die im Wesentlichen eine Atem- und Kreislaufstimulation bewirkt. In früheren Zeiten sei es unter anderem als medizinische Gegenmassnahme nach Überdosierungen von Beruhigungsmitteln eingesetzt worden. Ende der 1970er-Jahre wurde Nikethamid zusammen mit anderen Stimulanzien des Zentralen Nervensystems auf der Dopingliste nationaler und internationaler Sportfachverbände aufgenommen, heisst es auf den Seiten der Deutschen Sporthochschule in Köln. Das heisst: Die Substanz darf vor und während eines sportlichen Wettkampfs nicht eingenommen werden, wohl aber während des Trainings, wie Swiss Athletics mitteilt. Darauf weist auch der Hersteller auf seiner Webseite hin:

«Da die Substanz Nicethamid auf der Dopingliste aufgeführt ist, wird explizit in der Patienteninformation, auf der Website und auf Pharmawiki seit Jahren darauf hingewiesen», teilt der Hersteller auf Anfrage von 20 Minuten mit. 

«Da die Substanz Nicethamid auf der Dopingliste aufgeführt ist, wird explizit in der Patienteninformation, auf der Website und auf Pharmawiki seit Jahren darauf hingewiesen», teilt der Hersteller auf Anfrage von 20 Minuten mit.

Screenshot Hänseler AG

Gibt es andere Sportler, die wegen der Einnahme von Nikethamid Probleme bekamen?

Ja, das kommt immer wieder vor. Im Jahr 1972 traf es den spanischen Radrennfahrer Jaime Huélamo: Er startete bei den Olympischen Spielen in München und gewann im Strassenrennen Bronze. Nachdem er bei der Dopingkontrolle positiv auf Coramin getestet wurde, das ebenfalls auf dem Stoff Nikethamid basiert, wurde ihm die Medaille wieder aberkannt.

Der kroatische Tennisspieler Marin Čilić wurde für neun Monate vom Wettkampf ausgeschlossen, nachdem er im April 2013 positiv auf Nikethamid getestet wurde. Dieses Verbot wurde später auf vier Monate reduziert, nachdem Čilić Berufung eingelegt und behauptet hatte, er habe es versehentlich mit einer in einer Apotheke gekauften Glukosetablette eingenommen.

Der polnische Kartfahrer Igor Walilko wurde 2010 mit einer zweijährigen Sperre belegt, die später auf achtzehn Monate reduziert wurde, da er nach einem Sieg in Deutschland im Juli 2010 positiv auf Nikethamid getestet wurde.

Wie lässt sich ein unbeabsichtigtes Doping verhindern?

Die Sportlerinnen und Sportler sind laut Swiss Athletics aufgefordert, jegliche Medikamente und Präparate vor der Einnahme immer via App oder Website von Antidoping Schweiz zu prüfen.

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