Aktualisiert 05.08.2008 12:32

Sex ohne Kondom – trotz HIV«Diese Meldung freute die Betroffenen»

Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen hat an der Aids-Konferenz in Mexiko erklärt, dass HIV-Positive unter gewissen Bedingungen ohne Kondome Sex haben können. Trotz internationaler Kritik steht auch die Aids-Hilfe Schweiz hinter dieser Position. Geschäftsleiter Daniel Bruttin erklärt weshalb.

von
Anja Grünenfelder

Die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) vertritt die Position, dass HIV-Infizierte unter gewissen Bedingungen auf Kondome verzichten können. Dafür müssen folgende Kriterien erfüllt sein: Die Infizierten müssen sich unter ärztlicher Aufsicht einer antiretroviralen Therapie unterziehen. Ausserdem dürfen die Viren seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr im Blut nachweisbar sein - und die Infizierten dürfen keine weiteren Infektionskrankheiten haben.

In der Schweiz erfüllen nur einige wenige tausend Personen diese Kriterien. Weltweit leben rund 90 Prozent der HIV-Positiven in Entwicklungsländern, die dafür ebenfalls nicht in Frage kommen. Deshalb stösst die Einschätzung der EKAF im In- und Ausland auf Skepsis.

Auf der derzeit stattfindenden Aids-Konferenz in Mexiko City hat die EKAF dieses Statement zur Diskussion gestellt. Die Aids Hilfe Schweiz (AHS) unterstützt die Position. Im Interview mit 20 Minuten-Online sagt Geschäftsleiter Daniel Bruttin weshalb.

Herr Bruttin, senden Sie mit der Erklärung, «Sex ohne Kondom» sei unter gewissen Vorbehalten ok, nicht ein falsches Signal?

Nein, die Aids-Hilfe steht hinter dem Entscheid der EKAF. Diese ist im Umgang mit dem Thema sehr vorsichtig. Abgesehen von den erwähnten Kriterien soll eine solche Massnahme auch nur in festen Partnerschaften zur Diskussion stehen, weil dort die entscheidenden Informationen mit dem nötigen Vertrauen diskutiert werden können, damit beide Partner den Entscheid gemeinsam treffen können. Wir sind überzeugt, dass es richtig ist, darüber zu sprechen. Reaktionen von Betroffenen haben uns das bestätigt. Sie haben sich über die Meldung gefreut und sind froh, von der Angst, jemanden anstecken zu können, befreit zu werden.

Können Sie auch die Kritik nachvollziehen?

Natürlich. Für einen Grossteil der Aidskranken auf dieser Welt ist das auch noch kein Thema. Zuerst müssen die Behandlungen weltweit zugänglich sein. Diese Erkenntnisse betreffen nur die entwickelten Länder, welche über die Medikamente für eine antiretrovirale Therapie verfügen. Ausserdem hat die EKAF diese Erklärung für die Schweiz abgegeben.

Trotzdem: Wäre es nicht sinnvoller, nur die Betroffenen zu informieren, statt diese Position öffentlich an einer Aids-Konferenz zu kommunizieren?

Es geht zurzeit weniger um die öffentliche Kommunikation als darum, dass diese Position unter den Fachleuten diskutiert und akzeptiert wird. Wir sind der Meinung, dass diese Diskussion international geführt werden muss. Bisher ist das zu wenig geschehen. Das Symposium der EKAF an der Aids-Konferenz in Mexico City richtete sich an Ärzte und Betroffene und ist grundsätzlich sehr positiv aufgenommen worden, zunehmend auch von der internationalen Fachöffentlichkeit.

Bisher war es in der Schweiz so, dass Beratende, vor allem Ärzte, die betreffenden Personen bereits darüber informiert haben, ohne dass ein Konsens darüber bestand, welche Themen in ein solches Gespräch gehören: Das EKAF Statement soll die Qualität dieser Beratungen verbessern. Dass sich das ändert, ist vor allem wichtig für die Betroffenen.

Ist die EKAF und somit die Schweiz, die erste Kommission, die diesen Sachverhalt international zu kommunizieren versucht?

Ja, die Schweiz hat als erstes Land ein solches Statement veröffentlicht.

Sind diese Erkenntnisse der EKAF denn neu?

Vorhandene Studien wurden bisher zu wenig systematisch auf diesen Sachverhalt ausgewertet und vor allem hat sich noch kein Land so weit vorgewagt, auch Stellung zu beziehen.

Was unternehmen Sie, um Missverständnissen in diesem Zusammenhang entgegenzuwirken?

Wir betonen, dass es keine Präventionsbotschaft ist, sondern eine Botschaft für die wenigen in Frage kommenden HIV- infizierten Personen. Seit es Medikamente gegen das HIV-Virus gibt, ist die Prävention ohnehin komplexer und schwieriger geworden. Bekanntlich hat die Angst, sich mit HIV anzustecken, abgenommen. Wir müssen die Herausforderung annehmen, die Leute heute anders zu überzeugen als vor ein paar Jahren, damit sie sich vor Aids schützen.

Und wie machen Sie das?

Indem wir neue Erkenntnisse verständlich kommunizieren und in unsere Botschaften einbauen. Nur so werden Beratung und auch Aids-Prävention erst glaubwürdig.

Antiretrovirale Therapie

Der Begriff Hochaktive antiretrovirale Therapie, abgekürzt HAART, englisch Highly Active Anti-Retroviral Therapy, bezeichnet eine 1996 eingeführte Kombinationstherapie aus mindestens drei verschiedenen antiretroviralen Medikamenten (ARV) zur Behandlung der HIV-Infektion, die unbehandelt fast immer zum Ausbruch von Aids führt. (Quelle: Wikipedia)

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