29.03.2018 05:51

Facebook-AnalyseDiese Parteien haben die meisten Wutbürger

BDP-Fans sind besonders oft traurig, Grünliberale haben viel Liebe übrig und Anhänger der SVP empfinden am meisten Wut. Das zeigt eine Datenanalyse von 20 Minuten.

von
Nikolai Thelitz
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Dass der Bundesrat 1,3 Milliarden an die EU zahlt, kommt auf der Facebook-Seite der SVP nicht gut an. 494 Personen klicken auf das wütende Emoji.

Dass der Bundesrat 1,3 Milliarden an die EU zahlt, kommt auf der Facebook-Seite der SVP nicht gut an. 494 Personen klicken auf das wütende Emoji.

Das Wut-Gesicht ist bei den Schweizer Parteien das beliebteste Symbol neben dem klassischen Like-Button. Bei der SVP wird es in 71 Prozent der Fälle geklickt.

Das Wut-Gesicht ist bei den Schweizer Parteien das beliebteste Symbol neben dem klassischen Like-Button. Bei der SVP wird es in 71 Prozent der Fälle geklickt.

Keystone/Georgios Kefalas
Ein Herzchen-Symbol, ähnlich wie hier auf dem Laptop von SVP-Asylchef Andreas Glarner, gibt es nur in 12 Prozent der Fälle.

Ein Herzchen-Symbol, ähnlich wie hier auf dem Laptop von SVP-Asylchef Andreas Glarner, gibt es nur in 12 Prozent der Fälle.

Keystone/Peter Klaunzer

«Skandal: Bundesrat verschenkt 1,3 Milliarden Franken Steuergelder an die EU!», titelte die SVP Schweiz letzten November auf ihrer Facebook-Seite und brachte so das Blut ihrer Anhänger zum Kochen. 494 Personen reagierten mit einem wütenden Emoji auf den Beitrag, der auf eine Medienmitteilung der Partei zur Kohäsionsmilliarde verlinkt. Auch mit Angriffen auf Bundesrätin Simonetta Sommaruga sorgt die SVP regelmässig für Hunderte roter Emoji-Köpfe. Insgesamt 9250-mal wurde das wütende Gesicht, eine so genannte «Reaction», auf der Facebook-Seite der SVP angeklickt.

Im Frühjahr 2016 führte das soziale Netzwerk neben dem klassischen «Like» weitere Möglichkeiten ein, auf Beiträge reagieren zu können: ein Herzchen, ein lachendes, ein erstauntes, ein trauriges und ein wütendes Gesicht. 20 Minuten hat sämtliche Posts der nationalen Parteien mit Fraktionsstärke ausgewertet. Dabei zeigt sich: Der Like ist immer noch die beliebteste Reaktion. Klammert man diesen jedoch aus, zeigen sich grosse Unterschiede zwischen den Parteien.

Trump und Waffenexporte bringen Linke in Rage

Das Wut-Emoji wird besonders oft bei SVP-Posts benutzt, es kommt in 71 Prozent der Fälle zum Einsatz. Bei den anderen Parteien liegt der Wert weit tiefer, auf Platz 2 folgt die CVP mit 47 Prozent wütenden Reaktionen. Die Fans der Sozialdemokraten vergeben in 45 Prozent der Fälle ein wütendes Emoji und lassen sich besonders von Donald Trump, Waffenexporten nach Saudiarabien und Leistungskürzungen bei Behinderten in Rage bringen. Mit 32 Prozent am wenigsten Wut empfinden die Anhänger der BDP. Doch auch hier ist das wütende Emoji nach dem Like-Button die am häufigsten gewählte Reaktion. Am hässigsten waren die BDP-Fans auf die Umsetzungsvorschläge des Bundesrates zur Pädophileninitiative, die der Partei nicht weit genug gingen.

Neben all der Wut bleibt bei den SVP-Anhängern nur noch wenig Platz für Liebe. Das Herzchen-Symbol wird nur in 12 Prozent der Fälle angeklickt, damit landet die Partei auf dem letzten Platz im Ranking. Besonders viel Liebe haben hingegen die Anhänger der GLP übrig: 30 Prozent der «Reactions» sind Herzchen. Besonders toll fanden die Sympathisanten der Grünliberalen das Scheitern der Durchsetzungsinitiative oder Fortschritte bei der «Ehe für alle».

Freude und Trauer sind je nach Partei ebenfalls unterschiedlich vertreten. Besonders viel zu lachen haben die Anhänger der Grünen, beispielsweise bei einer Fotomontage, welche die SVP-Grössen Albert Rösti und Magdalena Martullo-Blocher als Steinzeitmenschen zeigt. Trauer-Symbole werden bei Posts der BDP und der FDP am häufigsten verwendet. Diese wenig genutzten Reaktionen werden jedoch auch von Einzelereignissen geprägt, wie etwa dem Rücktritt von Urs Gasche aus dem Nationalrat oder dem Tod des ehemaligen deutschen FDP-Chefs Guido Westerwelle.

Ähnliche Untersuchungen in Österreich und Deutschland zeigen: Auch dort lösen die rechtspopulistischen Parteien mit ihren Posts besonders viele wütende Reaktionen aus. «Wut und Angst lassen sich am besten bewirtschaften», sagt Polit-Berater Mark Balsiger. Gemäss der SVP-Rhetorik laufe vieles schief und es gebe auch immer einen Schuldigen, beispielsweise die EU, Flüchtlinge, die SRG oder der Bundesrat. «Es ist einfacher, andere anzuprangern, anstatt sich mit Kompromissen zu einem Lösungsansatz durchzuringen.»

Nicht nur Partei-Fans äussern sich auf Facebook

Auch die SP und die Grünen würden sich dieser Strategie bedienen, die angeblich Schuldigen würden einfach anders heissen. Ein Grund für die vielen Liebes-Symbole bei der GLP sei das tiefere Durchschnittsalter bei den aktiven Mitgliedern.«In meiner Beobachtung orientieren sich die Jüngeren eher am Positiven, was sich auch an den vielen Loves auf Facebook zeigt.»

Sprachwissenschaftlerin Christina Siever hat die Emoji-Kommunikation wissenschaftlich untersucht. «Es ist wohl so, dass die Parteien selbst teilweise möglichst kontroverse Posts verfassen, denn durch mehr Reaktion gibt es mehr Reichweite.» Sie gibt jedoch zu bedenken: «Es müssen nicht immer Fans einer Partei sein, die auf einen Beitrag reagieren. So kann sich eine Partei beispielsweise auf Facebook über einen Wahlsieg freuen, und ein Gegner der Partei antwortet mit einem wütenden Emoji.» Einen ähnlichen Fall gibt es auf der Facebook-Seite der Grünen. Diese warben für ein Nein zu No Billag. Einige Nutzer reagierten mit dem Lach-Emoji und schrieben, sie wollten «ein fettes Ja» einlegen, für ein Nein sei es «zu spät, liebe Grüne».

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