Thun BE: Kuriose Gerichtsverhandlung – Opfer betritt in Handschellen den Saal

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Thun BEKuriose Gerichtsverhandlung – Opfer betritt in Handschellen den Saal

Mitglieder der Kodiaks Thun sollen einen 38-Jährigen verprügelt haben, der aussteigen wollte. Das Opfer wurde in Handschellen ins Gericht geführt und berichtete von seinem Leben in Angst.   

von
Mara Wehofsky
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Sechs Mitglieder der Kodiaks Thun sollen einen 38-Jährigen verprügelt haben. Dafür standen sie vor Gericht.

Sechs Mitglieder der Kodiaks Thun sollen einen 38-Jährigen verprügelt haben. Dafür standen sie vor Gericht.

20min/Matthias Spicher
Er soll versucht haben, aus der Gruppierung auszusteigen. 

Er soll versucht haben, aus der Gruppierung auszusteigen. 

Tamedia AG/ Adrian Moser
Das Opfer der Gewalttat wurde in Handschellen in das Gericht geführt. Er soll in einem anderen Kanton in Untersuchungshaft sitzen.

Das Opfer der Gewalttat wurde in Handschellen in das Gericht geführt. Er soll in einem anderen Kanton in Untersuchungshaft sitzen.

Picture-Alliance/AFP

Darum gehts

  • Sechs Kodiaks-Thun-Mitglieder stehen am Regionalgericht Bern-Mittelland vor Gericht: Sie sollen einen Aussteiger verprügelt haben.

  • Das Opfer wurde in Handschellen ins Gericht gebracht.

  • Das Opfer lebe nach der Anzeige in Angst, und habe bereits ein weiteres Mal Gewalt aus dem Rockermilieu erlebt. 

  • Die Angeklagten sagten kaum aus und bezeichnen die Aussagen des Opfers als Lügen.

Am Dienstagvormittag wurde im Regionalgericht Bern-Mittelland das Opfer in Handschellen hereingebracht.  Wie die «Berner Zeitung» schreibt, präsentierten sich die Angeklagten in Lederjacken mit dem Schriftzug und Logo des Supportclubs für Hells Angels. Die Männer zwischen 34 und 52 Jahren, mit kahlgeschorenen Köpfen, gross, kräftig und tätowiert, gaben kaum Aussagen zu ihrer Tat ab: Sie sollen das Opfer verprügelt, bedroht und beschimpft haben, nachdem es versuchte im Clublokal in Mühlethurnen den Club zu verlassen.

Laut «Berner Zeitung» schilderte der 38-Jährige vor Gericht, dass er keine Chance gehabt habe, zu fliehen. Die Kodiaks hätten ihn eingekreist, die Ausgänge seien abgeschlossen gewesen: «Ich habe mich nicht gewehrt und gehofft, dass es schnell vorbei geht.»  

Der Aussteiger lebe in Angst

Zum Schluss habe er den Angreifern 6000 Franken versprochen, um sich aus der Notsituation zu retten. Ihm sei angedroht worden, dass seiner Partnerin oder seiner Familie «etwas Schlimmes passieren» würde, wenn er zur Polizei ginge. Er tat dies trotzdem, seither werde er jedoch immer wieder aus dem Rockermilieu bedroht. Im September 2021 sei er zudem auf der Toilette einer Bar von vier Hells Angels zusammengeschlagen worden. Es gehe ihm nach eigenen Aussagen nicht gut, er lebe in Angst.

Kurios: Nicht etwa die Beschuldigten, sondern das Opfer betrat den Gerichtssaal in Handschellen. Warum das so ist, wollte das Opfer trotz mehrerer Nachfragen nicht sagen. Offenbar sitzt er in einem anderen Kanton in Untersuchungshaft.

Hast du Angst vor Rockerbanden?

«Der Vorfall hat mein Leben verändert»

Die Vorwürfe gegen die Kodiaks lauten: Angriff, Freiheitsberaubung, einfache Körperverletzung, versuchte Erpressung und Nötigung sowie Widerhandlungen gegen das Waffengesetz. Die Angeklagten bezeichneten die Aussagen des Aussteigers als Lügen; ihre Verteidiger versuchten, seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen: So seien die beiden Gewalttaten dramatisiert und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Der 38-jährige Kläger entgegnete auf die Vorwürfe: «Nein, auf gar keinen Fall. Diese Schläge vergesse ich nie. Der Vorfall hat mein Leben verändert.» Ein Beschuldigter gab zudem an, dass sich das Opfer die Verletzungen bei einem Fall auf einer Rampe vor dem Lokal zugezogen habe, nachdem er schon betrunken und zugedröhnt im Lokal erschien. 

Nach der Befragung wurde die Verhandlung auf unbestimmte Zeit unterbrochen. Ein Beweisantrag der Verteidiger. Die Wahrheitsfindung im verschwiegenen Rockermilieu ist oft schwierig. Bereits im Juni wurde am Regionalgericht Bern der sogenannte Rocker-Prozess behandelt, bei der ein Mitglied der Bandidos der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen und zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt wurde.

Aktivier jetzt den Bern-Push!

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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