Helvetia: Diese schrägen Videos sollen die Bewerber anlocken
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HelvetiaDiese schrägen Videos sollen die Bewerber anlocken

Bei Helvetia bekommen Bewerber personalisierte Videos zugeschickt. Damit versucht die Versicherung, sich bei Fachkräften als cooler Arbeitgeber zu bewerben.

von
Raphael Knecht

Kaum trifft die Bewerbung ein, hastet der Recruiter aufgeregt davon.

Helvetia

Darum gehts

  • Für den Bewerbungsprozess hat die Versicherung eine Reihe schräger Videos gedreht.
  • Damit will sie Bewerbungen persönlicher gestalten.
  • Die Branche braucht Ansätze, wie sie den Banken Bewerber wegschnappen kann.

Als der Helvetia-Recruiter Uwe eine neue Bewerbung erhält, kann er seine Aufregung nicht verheimlichen: Er springt auf, rennt durchs Bürogebäude und flüstert allen die guten News zu. Er crasht sogar eine Sitzung, um den Anwesenden mitzuteilen, wer sich da grad beworben hat.

Die Szene stammt aus einem Video, das Helvetia denjenigen schickt, die sich für einen Job bei der Versicherung bewerben. Einen kurzen Ausschnitt siehst du oben.

Helvetia hat noch weitere Clips im gleichen schrägen Stil: Wer den Job bekommt, erhält ein Video, in dem Uwe mit anderen Angestellten eine Party feiert – mit Konfetti und Torte. Abgesehen von einigen professionellen Schauspielern, sind auch echte Helvetia-Mitarbeiter zu sehen. Die Versicherung personalisiert die Clips: Der Name des Bewerbers steht im Video auf Bildschirmen, Visitenkarten und Plakaten.

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Bei Helvetia wird der Bewerbungsprozess mit einer Reihe schräger Videos begleitet.

Bei Helvetia wird der Bewerbungsprozess mit einer Reihe schräger Videos begleitet.

Helvetia
Über die Bewerbung freut sich der Recruiter Uwe sichtlich…

Über die Bewerbung freut sich der Recruiter Uwe sichtlich…

Helvetia
…und er rennt sofort los, um allen die guten News zuzuflüstern.

…und er rennt sofort los, um allen die guten News zuzuflüstern.

Helvetia

Die Versicherung wird in der Schweiz rund 52’000 solche personalisierten Videos pro Jahr verschicken, sagt Martin Maas, Leiter Employer Branding, zu 20 Minuten: «Vom Praktikanten bis zum CEO – wer sich bewirbt, bekommt ausser den üblichen Unterlagen an verschiedenen Punkten des Bewerbungsprozesses ein solches Video.»

Einzige Firma weltweit

Das Unternehmen ist laut Eigenangaben die erste Firma weltweit, die bei der Bewerbung auf solche personalisierten Videos setzt. Auch HR-Experten konnten auf Anfrage keine ähnlichen Beispiele nennen. «Zumindest in der Schweiz ist das einmalig», sagt etwa Jörg Buckmann zu 20 Minuten.

Dem Personalexperten gefällt das Konzept: «Zwischen dem Absenden einer Bewerbung und dem Jobantritt herrscht eine Kreativitätsflaute – Helvetia hat einen Weg gefunden, diese Lücke zu schliessen.» Viele Teile des Bewerbungsprozesses seien «trocken, umständlich und beamtig». Darum findet Buckmann die Lösung von Helvetia clever.

Auch Michel Ganouchi von Recruma lobt die Versicherung: «Es ist sympathisch, dass die Menschen vor die Kamera stehen – man wird emotional abgeholt.»

Helvetia will «in den Köpfen bleiben»

Martin Maas hofft, dass Helvetia bei Personen, die sich gleichzeitig bei mehreren Firmen bewerben, dank der Videos hervorstechen wird. Darum auch der schräge Stil: «Um in den Köpfen der Leute zu bleiben, braucht es eine überzeichnete Darstellung bestimmter Themen, die uns im Umgang miteinander wichtig sind.» Sollte sich jemand davon befremdet fühlen, sei das vielleicht ein Zeichen, dass man nicht zur Firma passe.

Originalität ist von Versicherungen besonders gefragt, so Ganouchi: «Sie kämpfen um die gleichen Fachkräfte wie zum Beispiel Banken oder auch Google, werden aber oft als weniger attraktiv wahrgenommen.» Bei der Selbstvermarktung als Arbeitgeber sei Helvetia dabei ein grosses Vorbild: «Die Versicherung ist drei Schritte weiter als 99 Prozent der Schweizer Firmen.»

IT-Jobs

Fachkräftemangel bei Versicherungen

Da bei Versicherungen viele IT-Fachkräfte benötigt werden, kämpft die Branche mit einem Mangel an qualifizierten Arbeitern. Bei diesen Arbeitskräften stehen Versicherungen in Konkurrenz mit sehr vielen anderen Branchen, insbesondere den Banken. Ausser IT-Berufen betrifft der Fachkräftemangel auch spezialisierte Jobs wie Versicherungsagenten und Versicherungsinspektorinnen. Laut einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft ist der Bedarf bei diesen Jobs besonders hoch, allerdings fallen sie beschäftigungsmässig nicht so stark ins Gewicht.

Maas von Helvetia glaubt, dass Methoden wie diese Videos künftig mehr genutzt werden. Bereits jetzt zeigen sich andere Helvetia-Ländermärkte interessiert. «Um Leute zu finden, muss man immer kreativ sein – und dem Arbeitnehmer das bestmögliche Erlebnis bieten», so Maas.

Werden andere Unternehmen also bald nachziehen? Buckmann bezweifelt es: «Obwohl die Versicherung sich sozusagen als sexy Arbeitgeber präsentiert, wird das so schnell nicht kopiert.» Einerseits sei die Produktion und Implementierung solcher Videos aufwendig. Andererseits brauche es auch Mut, überhaupt so aufzutreten, wie es Helvetia tut.

Deine Meinung

25 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Ehemaliger Mitarbeiter Helvetia

03.09.2020, 14:58

Helvetia sollte zuerst wieder lernen, den bestehenden Mitarbeitern ein Minimum an Wertschätzung entgegenzubringen, statt neue Bewerber auf diese Art "anzulocken"! Die einst soziale und wertschätzende Mitarbeiter- Kultur ist die letzten 4-5 Jahre abrupt den Bach runter!!

Fachkraft

03.09.2020, 11:38

Ich habe mich soeben als CEO beworben. Ich kann tanzen und lächeln und schönreden.

Ohne Mangel

02.09.2020, 17:37

Ich sehe nur händeringende Party-Fachkräfte. Die arbeiten so bei der Helvetia?