18.11.2020 09:35

Tödlicher Polizeieinsatz in Suhr AG «Der Polizist muss sich arg bedroht gefühlt haben»

Bei einem Polizeieinsatz in Suhr wurde der 68-jährige C.T. in der Nacht auf Dienstag erschossen. Hat der Schütze richtig gehandelt? Ein ehemaliger Polizist schätzt die Situation ein – und zwei Experten erklären, worauf es bei der Beurteilung ankommt.

von
Céline Krapf
Silvana Guanziroli

Darum gehts

  • In Suhr AG kam es in einem Wohnquartier zu einem tödlichen Polizeieinsatz.

  • Ein Mann (68) hatte der Polizei gedroht und diese mit einem Messer angegriffen.

  • «Der Polizist muss sich offensichtlich arg bedroht gefühlt haben, dass er gleich fünfmal schiesst», sagt ein langjähriger Ex-Polizist.

  • Zur Beurteilung der Situation sei die Verhältnismässigkeit ausschlaggebend, sagen Experten.

C.T.* ist am Montagabend in Suhr AG in einem Wohnquartier von der Polizei erschossen worden. Ein Video des Einsatzes liegt 20 Minuten vor: «Jetzt chumi», schreit ein Mann. «Messer weg!», ruft ein anderer. Dann fallen fünf Schüsse. Die Kantonspolizei Aargau bestätigt den Einsatz der Dienstwaffe.

Wie lässt sich die Situation interpretieren? Ein ehemaliger langjähriger Polizist hat das Video analysiert und seine Eindrücke geschildert: «Ich hätte nicht geschossen», sagt er. «Bei einem Menschen, der so erregt ist, und vor allem in der Dunkelheit, wo man im Schussfeld vielleicht noch einen Kollegen hätte treffen können, ist diese Schussabgabe einfach zu heikel.» Er wäre auf Distanz gegangen und zurückgewichen. Ob zuerst Pfefferspray eingesetzt worden sei, sei nicht nachvollziehbar. Aber: «Der Polizist muss sich offensichtlich arg bedroht gefühlt haben, dass er gleich fünfmal schiesst. Das ist doch eher krass.»

Genau für Messerangreifer würden Uniformpolizisten Schulungen durchlaufen und hätten dafür einen Schlagstock dabei. Aber: «Die Ausgangslage war nicht einfach für die handelnden Polizisten, der Mann stand offenbar unter ‹akutem Strom›, das hört man gut im Video!»

«Ich sehe auch den Polizisten als Opfer»

Der Einsatz einer Dienstwaffe ist das allerletzte Mittel, sagt Max Hofmann, Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB). «Aber in einigen Situationen, in denen jemand komplett ausflippt, kann mit Pfefferspray oder Schlagstock nichts mehr ausgerichtet werden», sagt Hofmann. Ob eine Schussabgabe rechtens sei, hange von der Verhältnismässigkeit ab: «Rennt jemand mit einer Waffe auf einen zu, kann das durchaus lebensbedrohlich wirken», sagt der ehemalige Polizist. «Es geht bei der Einschätzung auch um die subjektive Wahrnehmung und nicht nur die objektive Sachlage.»

Auch er habe seiner Zeit als Polizist bei einer Einbrecherjagd die Waffe abfeuern müssen – das sei ihm für immer in Erinnerung geblieben: «Für den Polizisten ist dies eine sehr schwierige Situation», sagt der Experte. «Ich sehe auch ihn als Opfer.» Wichtig sei nun, dass die Person spezifisch betreut werde. Ob diese weiterhin im Frontdienst bleibe, sei Korps-abhängig.

Polizisten üben per Videosequenz

«Kein Polizist will töten», sagt Reto Habermacher, Direktor des Schweizerischen Polizei-Instituts. «Das Ziel ist, eine Gefahr abzuwehren mit einem geringstmöglichen Schaden.» Natürlich gebe es Alternativen zur Dienstwaffe – aber nicht alle Polizisten seien gleich ausgerüstet, sagt Habermacher. Vorbereitet auf derartige Situationen seien aber alle Polizisten: «Mittels Videosequenzen kann man solche Szenarien üben. Das hat uns enorm weitergebracht in den vergangenen Jahren.»

Auch Habermacher verweist bei einer Beurteilung der Rechtmässigkeit auf die Betrachtung der Umstände: «Wenn es dunkel ist und man nicht sieht, ob jemand auf einen zukommt, erschwert dies die Situation. Genauso muss Ausrüstung und körperliche Leistungsfähigkeit beachtet werden.»

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Beim Opfer handelt es sich um den 68-jährigen C.T.

Beim Opfer handelt es sich um den 68-jährigen C.T.

Er wohnt im Quartier, wo der Polizeieinsatz stattfand.

Er wohnt im Quartier, wo der Polizeieinsatz stattfand.

Am Morgen zeugt Absperrband vom Einsatz in der Nacht.

Am Morgen zeugt Absperrband vom Einsatz in der Nacht.

sac

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